Lichtjahre entfernt von Rainer Merkel, 2009, S. Fischer

Rainer Merkel

Lichtjahre entfernt
(Leseprobe aus: Lichtjahre entfernt, Roman, 2009, S. Fischer).

Es ist alles leere Rhetorik, aber man spürt den Leidensdruck,

die Verzweiflung, die dahintersteckt. Ich biete ihm

schließlich an, dass er nach draußen in den Innenhof gehen

und ein bisschen frische Luft schnappen kann. Es ist

ein Kompromiss. Vom Innenhof aus gibt es mehrere Ausgänge,

und ich erkläre ihm, wie er am schnellsten durch

das Gewirr der Gänge und Treppenhäuser nach draußen

kommt. Schauen wir den Film bis zum Ende? Steht Judith

nicht irgendwann auf und verlässt das Schlafzimmer? In

langsamen tastenden Schritten zum Badezimmer herüber,

wo sie die Tür hinter sich schließt? Ich liege im Bett

und schaue den Film, den ich genauso wenig ausschalten,

wie ich mich von ihm abwenden kann, allein weiter. »Ja,

schreien Sie mich ruhig an«, sage ich zu Lambert. »Schreien

Sie ruhig. Sie können hier machen, was Sie wollen. Hier

ist alles erlaubt … Es ändert nur nichts daran, dass ich in

fünf Minuten diesen Raum verlasse und dass die Stunde

dann zu Ende ist.«

Eine Weile denke ich noch, die Fahrstuhltür würde sich

öffnen und irgendein Mann würde den Frauen zur Hilfe

kommen. Aber das passiert nicht. Die Frauen fahren mit

ihren Zungen wie mit Lappen über ihre makellosen gebräunten

Körper. Die Zungen sind zweifellos die Helden

des Films. Ich schaue immer wieder hin, halte aber dann

nicht lange durch. Berühren wir uns? Passiert irgendetwas?

Obwohl ich in meiner Erinnerung ansonsten vor

nichts zurückschrecke, versagt sie mir hier den Dienst.

Wir sind nackt oder fast nackt. Niemals aber können wir

so nackt sein wie die Frauen, die in dem Film in ihrer

Nacktheit Diktate aufnehmen, den Schriftverkehr organisieren

und Zungentelefonate führen. Ihre Gesichter

sind konzentriert. Sie sind mit ganzem Ernst bei der Sache.

Gelegentlich erscheinen mir ihre Gesichter verzerrt,

haben sie den Ausdruck von Sportlern, die schon beim

Training alles geben. Man könnte sagen: Sie sind wütend

auf ihre Lust. Obwohl diese Lust natürlich nur gespielt

ist. Gibt es einen Moment, in dem Judith reagiert? Einen

Moment, in dem ich etwas tue? Gibt es einen Moment der

Aggression? Ist sie gereizt? Übererregt? Wenn sie wirklich

aufsteht und ins Bad geht, ist das ein Zeichen, dass sie

nicht einverstanden ist. Aber sie sagt nichts. Sie erträgt

alles. Auch wenn ich die Augen schließe, mich in die Situation

zurückversetze, das beigefarbene glattgestrichene

Laken, das große kastenförmige Bett, die Frauen mit

wüstenfarbenen Hauttönen und die rotbraunen, leicht

glänzenden Zungenfragmente, ich kann mich beim besten

Willen nicht an den Übergang erinnern. Unmöglich,

dass wir einen Porno anschauen und nichts tun, uns zumindest

nicht darüber verständigen, dass uns »das hier«

gründlich die Lust »verdorben« hat. Ich erinnere mich,

dass Judith einmal, als ich sie doch frage, ob ich nicht

lieber ausmachen soll, sagt, sie finde es »interessant«.

Sie sagt »interessant«. Warum sagt sie nicht: Ich kann es

nicht ertragen, ich finde es widerlich. Es ist nicht derselbe

Tonfall, in dem Gabriela »interessant« sagt. Im Grunde

unterscheiden sich Judith und Gabriela in der Art und

Weise, wie sie »interessant« sagen so sehr voneinander, als

wäre das »interessant« von Judith ein anderes Wort als das

»interessant« von Gabriela. An dem Wochenende, als ich

die Wohnung im Glockenbachviertel zu renovieren ver-

suche und krank werde, fällt mir ausgerechnet Gabriela

ein und nicht Judith. Ich bin nur ein Wochenende da, um

die Wohnung zu renovieren und am nächsten Tag einem

potenziellen Nachmieter vorzuführen. Außer im Bad, in

das ich mich alle zwanzig Minuten schleppe, um mich

zu übergeben, gibt es in der ganzen Wohnung, in der ich

zehn Jahre gewohnt habe, kein Licht. Als ich mich schon

zum vierten oder fünften Mal erbreche, frage ich mich,

wie ich diese Wohnung renovieren soll, wenn es überhaupt

kein Licht gibt. Und dann denke ich tatsächlich,

obwohl es mir so schlecht geht, an Gabriela. Und wie wir

Sex zusammen haben. Ich erinnere mich, wie ich mich

dazu zwinge, auch an Judith zu denken, es mir aber beim

besten Willen nicht gelingt. Ich übergebe mich und denke

an Gabriela, in dem eiskalten Badezimmer im Glockenbachviertel,

in meiner alten Studentenwohnung, die ich

an diesem Wochenende zum letzten Mal betreten und

endlich aufgeben will. Ich denke an sie und wie wir zusammen

in der Tiefgarage in ihrem Wagen sitzen. »Interessant«,

würde sie sagen, oder sie würde sagen: »Schlimm,

was du so denkst!«, und dann würde sie lachen und darauf

warten, dass ich ihr das nächste Kompliment mache

und mir die nächste Schweinerei ausdenke.

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