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Lichtjahre entfernt
Es ist alles leere Rhetorik, aber man spürt den Leidensdruck,
die Verzweiflung, die dahintersteckt. Ich biete ihm
schließlich an, dass er nach draußen in den Innenhof gehen
und ein bisschen frische Luft schnappen kann. Es ist
ein Kompromiss. Vom Innenhof aus gibt es mehrere Ausgänge,
und ich erkläre ihm, wie er am schnellsten durch
das Gewirr der Gänge und Treppenhäuser nach draußen
kommt. Schauen wir den Film bis zum Ende? Steht Judith
nicht irgendwann auf und verlässt das Schlafzimmer? In
langsamen tastenden Schritten zum Badezimmer herüber,
wo sie die Tür hinter sich schließt? Ich liege im Bett
und schaue den Film, den ich genauso wenig ausschalten,
wie ich mich von ihm abwenden kann, allein weiter. »Ja,
schreien Sie mich ruhig an«, sage ich zu Lambert. »Schreien
Sie ruhig. Sie können hier machen, was Sie wollen. Hier
ist alles erlaubt … Es ändert nur nichts daran, dass ich in
fünf Minuten diesen Raum verlasse und dass die Stunde
dann zu Ende ist.«
Eine Weile denke ich noch, die Fahrstuhltür würde sich
öffnen und irgendein Mann würde den Frauen zur Hilfe
kommen. Aber das passiert nicht. Die Frauen fahren mit
ihren Zungen wie mit Lappen über ihre makellosen gebräunten
Körper. Die Zungen sind zweifellos die Helden
des Films. Ich schaue immer wieder hin, halte aber dann
nicht lange durch. Berühren wir uns? Passiert irgendetwas?
Obwohl ich in meiner Erinnerung ansonsten vor
nichts zurückschrecke, versagt sie mir hier den Dienst.
Wir sind nackt oder fast nackt. Niemals aber können wir
so nackt sein wie die Frauen, die in dem Film in ihrer
Nacktheit Diktate aufnehmen, den Schriftverkehr organisieren
und Zungentelefonate führen. Ihre Gesichter
sind konzentriert. Sie sind mit ganzem Ernst bei der Sache.
Gelegentlich erscheinen mir ihre Gesichter verzerrt,
haben sie den Ausdruck von Sportlern, die schon beim
Training alles geben. Man könnte sagen: Sie sind wütend
auf ihre Lust. Obwohl diese Lust natürlich nur gespielt
ist. Gibt es einen Moment, in dem Judith reagiert? Einen
Moment, in dem ich etwas tue? Gibt es einen Moment der
Aggression? Ist sie gereizt? Übererregt? Wenn sie wirklich
aufsteht und ins Bad geht, ist das ein Zeichen, dass sie
nicht einverstanden ist. Aber sie sagt nichts. Sie erträgt
alles. Auch wenn ich die Augen schließe, mich in die Situation
zurückversetze, das beigefarbene glattgestrichene
Laken, das große kastenförmige Bett, die Frauen mit
wüstenfarbenen Hauttönen und die rotbraunen, leicht
glänzenden Zungenfragmente, ich kann mich beim besten
Willen nicht an den Übergang erinnern. Unmöglich,
dass wir einen Porno anschauen und nichts tun, uns zumindest
nicht darüber verständigen, dass uns »das hier«
gründlich die Lust »verdorben« hat. Ich erinnere mich,
dass Judith einmal, als ich sie doch frage, ob ich nicht
lieber ausmachen soll, sagt, sie finde es »interessant«.
Sie sagt »interessant«. Warum sagt sie nicht: Ich kann es
nicht ertragen, ich finde es widerlich. Es ist nicht derselbe
Tonfall, in dem Gabriela »interessant« sagt. Im Grunde
unterscheiden sich Judith und Gabriela in der Art und
Weise, wie sie »interessant« sagen so sehr voneinander, als
wäre das »interessant« von Judith ein anderes Wort als das
»interessant« von Gabriela. An dem Wochenende, als ich
die Wohnung im Glockenbachviertel zu renovieren ver-
suche und krank werde, fällt mir ausgerechnet Gabriela
ein und nicht Judith. Ich bin nur ein Wochenende da, um
die Wohnung zu renovieren und am nächsten Tag einem
potenziellen Nachmieter vorzuführen. Außer im Bad, in
das ich mich alle zwanzig Minuten schleppe, um mich
zu übergeben, gibt es in der ganzen Wohnung, in der ich
zehn Jahre gewohnt habe, kein Licht. Als ich mich schon
zum vierten oder fünften Mal erbreche, frage ich mich,
wie ich diese Wohnung renovieren soll, wenn es überhaupt
kein Licht gibt. Und dann denke ich tatsächlich,
obwohl es mir so schlecht geht, an Gabriela. Und wie wir
Sex zusammen haben. Ich erinnere mich, wie ich mich
dazu zwinge, auch an Judith zu denken, es mir aber beim
besten Willen nicht gelingt. Ich übergebe mich und denke
an Gabriela, in dem eiskalten Badezimmer im Glockenbachviertel,
in meiner alten Studentenwohnung, die ich
an diesem Wochenende zum letzten Mal betreten und
endlich aufgeben will. Ich denke an sie und wie wir zusammen
in der Tiefgarage in ihrem Wagen sitzen. »Interessant«,
würde sie sagen, oder sie würde sagen: »Schlimm,
was du so denkst!«, und dann würde sie lachen und darauf
warten, dass ich ihr das nächste Kompliment mache
und mir die nächste Schweinerei ausdenke.
Rezension I Buchbestellung I home IV09 LYRIKwelt © S. Fischer