Andreas Merkel

Sommer in Berlin – 7 Tage Urlaub im Alltag

Auf einmal hast Du gesagt/ Du verläßt diese Stadt
das Leben hier/ hat Dich nur noch müde gemacht
(Blumfeld: Kommst du mit in den Alltag?)

Die Idee ist einfach dazubleiben, wenn alle anderen wegfahren. Und die Stadt ganz für sich zu haben. Eine Fantasie von großartiger Einsamkeit, die natürlich schon an der eigenen Wohnungstür aufhört, denn die asozialen Hundehalter aus dem Erdgeschoß beispielsweise sind ja auch das ganze Jahr über hier.

Aber ich greife vor.

Der Entschluß fiel an einem Sonntagabend mitten im Sommer. Wir hatten das Wochenende bei Freunden in Neuruppin verbracht, draußen ging alles wieder mal schwül und regnerisch zu Ende, ich selbst war todmüde. Dann kam auf einmal der rettende Gedanke: Du hast in der letzten Zeit viel gearbeitet und in der nächsten Woche noch keine terminlichen Verpflichtungen und – du bist schließlich Freiberufler! – mach doch einfach mal Urlaub. Eine Woche Ferien zuhause!

Mir fiel Nanni Morettis Tagebuch-Film „Caro Diario“ ein, in dem der Held mit seiner Vespa durch das sommerlich verlassene Rom fährt und dabei genießerisch seufzt: „Ah, la citta deserta!“ – Genauso sah ich mich durch sonnendurchflutete Berliner Straßen radeln. Ich stellte mir vor, was ich sonst noch alles in diesem Urlaub zuhause machen könnte und ging gutgelaunt ins Bett. Morgen würde ich erstmal schön ausschlafen!

Gerade deswegen komme ich am Montag jedoch nicht so richtig in die Gänge. Draußen ist von sonnendurchfluteten Straßen nicht viel zu sehen und so geht der Vormittag für Frühstücken und Zeitungslektüre drauf. Die Artikel, die ich lese, sind lange, treffend analysierte und gut geschriebene Reportagen von der Krise des Buchhandels, der Krise des Journalismus oder – als träfe das alles noch nicht in ausreichendem Maße auf mich zu – ganz speziell von der Krise meiner Generation, der Dreißigjährigen. Und ich mache hier Urlaub ...

Mittags ruft mich G. an. Wir unterhalten uns über einen der Zeitungsartikel, den G. auch gelesen hat. Er hat erst vor kurzem seinen Job bei einer großen Werbeagentur verloren, die ihr Berlinbüro schließen mußte, und teilt somit die Erfahrung einer Generation, deren historische Aufgabe offenbar darin besteht, auf dem Arbeitsmarkt eine Runde aussetzen zu dürfen. Jetzt wird G. erstmal Vater und macht gemeinsam mit seiner Freundin Urlaub an der Ostsee. Ich erzähle ihm von meinem Projekt. Aber G. ist einigermaßen schwer zu vermitteln, was ich hier gerade mache: „Wieso? Zuhause rumhängen, lesen und ein bißchen was schreiben – das ist doch genau das, was du immer machst ...“

Derart aufgerüttelt überlege ich den Rest des Tages, was ich noch mit ihm anfangen könnte. Welche Sehenswürdigkeiten, Museen oder Ausstellungen ich zum Beispiel besuchen könnte. Aber das hat alles keinen Zweck! Das würde man ja auch machen, wenn man irgendwo hingefahren wäre und ist somit viel zu touristisch. Es soll doch bei diesem Urlaub gerade darum gehen, mal etwas anderes zu machen, wofür sonst keine Zeit bleibt.

Ein gefährlicher Ansatz, wie sich heraustellt. Ich ertappe mich dabei, meine verwahrloste Wohnung gründlich aufzuräumen und überfällige Anrufe bei der Krankenkasse und der Bundesversicherungsanstalt zu erledigen. Abends überrasche ich mich mit einem kleinen Spaziergang durch Friedrichshain. Tagsüber wäre das zu riskant, weil man sich dann zu arbeitslos fühlen würde.

Ich gehe zur Modersohnbrücke, die nach mehreren Jahren Sanierung nun tatsächlich fertig zu werden droht. Vorerst gibt es aber glücklicherweise noch keinen Verkehr. Man kann sich also ganz gemütlich hinsetzen und in aller Ruhe einen der schönsten Sonnenuntergänge Berlins irgendwo hinterm Alex bewundern, während unter einem die S-Bahn hindurchfährt. Das einzige, was einen davon abhält, vollkommen in dieser Betrachtung zu versinken, ist der Umstand, daß man die Brücke dann doch nicht ganz für sich hat. Ein paar Meter weiter hat sich ein Pärchen gerade den mitgebrachten Rotwein aufgemacht. Und neben einem sitzen noch andere ernsthafte junge Männer mit Dosenbier in der Hand auf dem Geländer und starren so angestrengt auf den Horizont, daß sie einen an sich selbst erinnern.

Ich gehe nach Hause. Meinen ersten Urlaubstag habe ich mir anders vorgestellt.

Der Dienstag beginnt dafür früh und wolkenlos. Der Wetterbericht im Radio prophezeit jedoch den Durchzug einer Gewitterfront und anschließend Regen für den ganzen Tag. Dummerweise glaube ich das und bleibe somit lieber bei strahlendem Sonnenschein zuhause und schreibe Urlaubspostkarten, unter anderem an meinen alten Philosophie-Lehrer: „Ich mache hier gerade eine Woche Urlaub zuhause, um dann darüber zu schreiben. Sie sehen, wir Geistesmenschen haben nie frei.“ Wir haben uns letztes Jahr auf einer Ehemaligen-Feier wiedergetroffen und seitdem den Kontakt gehalten. Zur Zeit haben wir gerade die Walser-Debatte (ich) sowie den Berliner Antisemitismusstreit von 1880 (er) am Wickel, aber ich fasse mich kurz und schreibe lieber etwas über das Wetter, wie sich das auf einer Urlaubspostkarte gehört.

Abends gehen M. und ich ins Kino und trinken anschließend noch was im Biergarten vor dem Filmtheater am Friedrichshain. M. arbeitet bei einem großen amerikanischen Computerhersteller, das Unternehmen hat gerade erfolgreich eine Fusion hinter sich gebracht; die Stimmung bei der Belegschaft ist schlecht, da jetzt Personal abgebaut werden muß. M. hat natürlich keinen Urlaub, muß morgen früh raus und trinkt Apfelschorle. Ich trinke ein Bier und lasse mich von M. noch bei P. vorbeibringen.

Mittwoch bemerke ich den entscheidenden Nachteil, wenn man im Urlaub zuhause bleibt: Man ist immer noch erreichbar. Ich werde angerufen und merke, daß ich den kurzfristigen Auftrag fast dankbar annehme. Einen Tag Urlaub vom Urlaub. Zum Glück regnet des draußen.

Das Gute an dem Urlaubsgedanken ist, daß er zunächst jedem Tagen den Druck und das schlechte Gewissen nimmt. Das Schlechte daran ist, daß dann allmählich doch mal was passieren muß.

Donnerstag werde ich also aktiv. Ich will mal wieder so richtig Sport treiben. (– ... richtig Sport treiben: Allein schon diese Formulierung würde einen normalerweise nur noch tiefer ins Sofa sinken und zum Bier greifen lassen! Im Urlaub scheint einem dieser KdF-Jargon aber weniger auszumachen.) Passend zum Urlaubsmotto trainiere ich zuhause auf meiner hinreichend unglamourösen blauen Gymnastikmatte. Dann laufe ich im vernieselten, windigen Park meine Runden, bis ich Knieschmerzen bekomme. Ich habe dabei die ganze Zeit David Bowies bombastisch-trauriges neues Album im Ohr und singe grimmig vor mich hin: „Here we shall live in this terrible town“. Slow Burn – könnte leicht der Soundtrack für diesen Sommer in Berlin werden.

Eigentlich habe ich mir fest vorgenommen, heute abend noch in einen Club zu gehen, den Tita von Hardenberg für den besten in ganz Berlin hält. Ich habe mich sogar von einem befreundeten Flyerverteiler, der gerade in Barcelona wohnt, extra noch per SMS auf die Gästeliste setzen lassen, „+1“.

Aber dann sitze ich mit M. in einer Kneipe am Boxhagener Platz, und K. ruft dauernd auf M.s Handy an. Wir sollen später unbedingt noch in den besten Club Berlins mitkommen, oder haben die vielleicht gerade Sommerpause oder etwa schon ganz dichtgemacht oder was? Es gäbe da so Gerüchte, ob wir irgendwas wüßten? Wir wissen nichts und trinken unser Bier. Die Fenster der Kneipe sind offen, draußen liegt der Boxhagener Platz grün und still im Regen, es ist ein melancholischer Abend. K. ruft noch mal an und macht Druck. Seine Freundin hat heute ihr Examen bestanden und sie wollen mit ihren Kommillitonen und vor allem Kommillitoninnen, wie K. betont, jetzt noch im besten Club Berlins abfeiern und wir sollen gefälligst mitkommen. Wir richten ihm aus, daß er uns mit seiner Horde euphorischer Landschaftsarchitektinnen und dem besten Club Berlins heute am Arsch lecken kann. Wir trinken jeder noch zwei Bier und gehen nach Hause.

Dafür dürfen wir uns dann am nächsten Tag von K. wieder die „dollsten Geschichten“ (Gerhard Schröder) über das Cookies anhören. Die unglaublichsten Frauen, und der Laden entwickele sich, so K., mehr und mehr zum Swinger-Club. Er selbst sei zwar auch schon um Zwei nach Hause gegangen, aber seine Freundin sei danach noch dauernd angetanzt worden, unter anderem von einer Frau, die ihr einen flotten Dreier vorgeschlagen hätte. – Ditt is Berlin. Dazu gehört auch, daß man natürlich kein Wort glaubt.

Ich habe dann doch bei P. in Mitte übernachtet. Allerdings muß sie am Freitag schon früh zur Arbeit, so daß ich, der ja – schon vergessen? – allein im Urlaub ist, erst mal ausschlafe. Erst am späten Vormittag gehe ich in der Corinther Straße zum Zeitung- und Brötchenholen. Ein etwa 30jähriger Sohn schlendert mit seiner Mutter gemächlich vor mir her. Der Sohn hat sich das Hemd in seine hellen Jeans gesteckt, an seinem Gürtel baumelt eine Handytasche, und er zeigt seiner Mutter offenbar die Gegend, in der er wohnt.

„Sag mal“, fragt seine Mutter ihn gerade, als ich die beiden überhole, „hast Du eigentlich keine Sandalen, jetzt für den Sommer.“

„Doch“, erwidert der Sohn mit einer vollkommen ruhigen, sympathischen Stimme, „aber die trage ich eigentlich nie.“

„Warum denn nicht?“

„Na ja, ich finde, die sehen nicht so gut aus.“

Ich beschließe spontan, mich auch mal wieder bei meinen Eltern zu melden.

Dann beantworte ich meine Mails von P.s Computer aus, viele sind es nicht. Irgendwie sind alle im Urlaub. Die Feuilleton-Suchmaschine Perlentaucher.de hat der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kürzlich eine „anorektische“ Sommerausgabe attestiert (für mich jetzt schon das Wort der Woche, im Fremdwörter-Duden gleich neben „Anorgasmus“ zu finden).

Nachmittags bin ich dann soweit, daß ich sogar mit P. in der Friedrichstraße Shopping mache. Ich lasse mich von ihr zum Kauf einer braunen Cordhose überreden, die ich garantiert wieder umtauschen werde. Dann trinken wir einen Kaffee im Innenhof des Quartier 206, wir streiten uns ein wenig und durch das Glasdach des Quartiers hat man einen schönen Ausblick nach oben.

Am Abend wollte ich eigentlich mit Freunden im Treptower Park Fußball spielen. Aber es regnet und das ganze wird kurzfristig abgesagt. Am letzten Freitag sind wir noch bei bestem Wetter über die Spreewiesen gerannt: Die Sonne ging langsam neben den beiden Trep-Towers unter, Leute grillten, jemand spielte Saxophon und man fühlte sich kurz wie im New Yorker Central Park. Heute schaue ich in meinen verregneten Hinterhof, und es kommt mir vor, als wäre das alles ein Jahr her.

Das bringt mich darauf, mal wieder in meinen alten Tagebüchern und Terminkalendern nachzugucken, was ich in den letzten Jahren um diese Zeit gemacht habe. Aber das muß auch aufhören und bevor ich so völlig aus dem Hier und Heute falle, lese ich lieber weiter Jochen Schmidts „Müller haut uns raus“. Es ist ein angenehm autobiographischer Roman, bei dem mir am besten gefällt, daß der Autor Gleichaltrige die „jungen Leute“ nennt und daß sich sein Ostberliner Held immer wieder in so komische Mädchen verliebt, wie man das sonst nur noch von sich selbst kennt.

Ich schaffe siebenundfünfzig Seiten und zwei Bier.

Den Abend seines fünften Urlaubstags würde man sich normalerweise gemeinsam in irgendeiner Pinte schönsaufen. Aber P. hatte schon was anderes vor, die Freunde sind nicht mehr erreichbar und ich bin mit niemandem gemeinsam in meiner Wohnung. Zum Einschlafen fällt eine schöne Formulierung von Gottfried Benn ein: „Nie einsamer als im August“.

 

Samstags würde ich normalerweise mit M. und K. Premiere gucken. Aber die WM ist vorbei und die Bundesliga macht noch Sommerpause. Also gehört das Wochenende der Familie. Ich fahre zu P., wir kochen mit Freunden Semmelknödel mit Pfifferlingen und lassen es uns schmecken.

Abends haben wir Freikarten für Dominik Grafs neuen Film „Der Felsen“ im Freiluftkino Friedrichshain. Auf der Leinwand flimmert die Hitze von Korsika, davor zittern die Zuschauer im bodenfrostgefährdeten Berlin. Karoline Eichhorn fängt in dem Film dauernd was mit wildfremden Menschen an, irgendwo aus dem Friedrichshain hört man dazu stimmungsvoll ein paar Punks rumgrölen. Nach der Vorführung wird der anwesende Hauptdarsteller Antonio Wannek nach vorne gebeten, die Punks brüllen aus der Dunkelheit in den Applaus hinein: „Auf die Fresse!“. Wannek meistert die Situation, indem der den Typen zuwinkt, als wären es seine größten Fans.

Zuhause geht P. sofort durchgefroren ins Bett. Ich halte noch bis spätnachts zu den Sopranos durch, damit dies nicht der spießigste Tag in der Geschichte des Sonnabends wird.

Am Sonntag gehen P. und ich dann doch in eine Ausstellung, die ich unbedingt noch besuchen wollte. Unter dem Titel „Here is New York“ sind im Martin Gropius-Bau Fotos vom 11. September zu sehen. Es geht den Ausstellern um die „Demokratie der Bilder“, weswegen die Bilder des Terror-Akts einfach ungeordnet von quer über die Besucherköpfe gespannten Wäscheleinen herunterhängen. Man verliert sich bald in der Masse der schon zu oft gesehenen Fotos und wundert sich dann nur noch, wie lange das alles jetzt schon her scheint. Auf dem Foto, das mich dennoch am meisten beeindruckt, sind die Tennisplätze der New Yorker Universität zu sehen. Im Hintergrund brennen bereits die beiden Türme, aber immer noch spielen ein paar Studenten an diesem sonnigen Septembermorgen dort auf dem Greenset ...

Draußen, vor den Fenstern des Gropius-Bau, geht heftiger Gewitterregen runter, und als wir herauskommen, ist die Temperatur um einige Grade gefallen. Wir sind mit dem Rad hier, fahren zwischen zwei Schauern zum überfüllten Barcomi’s und nehmen den Cheesecake einfach mit nach Hause. Als ich dort Kaffee aufsetze, strahlt draußen schon wieder die Sonne.

Am Abend eines schönen Herbsttages im August fahre ich schließlich mit dem Fahrrad aus dem Urlaub nach Hause zurück. In der beginnenden Dämmerung halte ich an und blicke zum Abschied noch mal die beleuchtete Karl-Marx-Allee hinunter, auf den Alexanderplatz.

Ich denke: Wahrscheinlich wieder einer von diesen atlantischen Tiefausläufern, wieder ein Stück vom Sommer weg. Und Berlin fühlt sich wie eine ferne Großstadt an, in die man immer noch gerne mal fahren würde. Auf dem Weg dahin, denke ich, eine Woche verloren, eine Woche gewonnen.

(August 2002)

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