Sommer
in Berlin – 7 Tage Urlaub im Alltag
Auf einmal
hast Du gesagt/ Du verläßt diese Stadt
das
Leben hier/ hat Dich nur noch müde gemacht
(Blumfeld: Kommst du mit in
den Alltag?)
Die
Idee ist einfach dazubleiben, wenn alle anderen wegfahren. Und die Stadt ganz für
sich zu haben. Eine Fantasie von großartiger Einsamkeit, die natürlich schon
an der eigenen Wohnungstür aufhört, denn die asozialen Hundehalter aus dem
Erdgeschoß beispielsweise sind ja auch das ganze Jahr über hier.
Aber
ich greife vor.
Der
Entschluß fiel an einem Sonntagabend mitten im Sommer. Wir hatten das
Wochenende bei Freunden in Neuruppin verbracht, draußen ging alles wieder mal
schwül und regnerisch zu Ende, ich selbst war todmüde. Dann kam auf einmal der
rettende Gedanke: Du hast in der letzten Zeit viel gearbeitet und in der nächsten
Woche noch keine terminlichen Verpflichtungen und – du bist schließlich Freiberufler! – mach doch einfach mal Urlaub. Eine Woche Ferien
zuhause!
Mir
fiel Nanni Morettis Tagebuch-Film „Caro Diario“ ein, in dem der Held mit
seiner Vespa durch das sommerlich verlassene Rom fährt und dabei genießerisch
seufzt: „Ah, la citta deserta!“
– Genauso sah ich mich durch sonnendurchflutete Berliner Straßen radeln. Ich
stellte mir vor, was ich sonst noch alles in diesem Urlaub zuhause machen könnte
und ging gutgelaunt ins Bett. Morgen würde ich erstmal schön ausschlafen!
Gerade
deswegen komme ich am Montag jedoch nicht so richtig in die Gänge. Draußen ist
von sonnendurchfluteten Straßen nicht viel zu sehen und so geht der Vormittag für
Frühstücken und Zeitungslektüre drauf. Die Artikel, die ich lese, sind lange,
treffend analysierte und gut geschriebene Reportagen von der Krise des
Buchhandels, der Krise des Journalismus oder – als träfe das alles noch nicht
in ausreichendem Maße auf mich zu – ganz speziell von der Krise meiner
Generation, der Dreißigjährigen. Und ich mache hier Urlaub ...
Mittags
ruft mich G. an. Wir unterhalten uns über einen der Zeitungsartikel, den G.
auch gelesen hat. Er hat erst vor kurzem seinen Job bei einer großen
Werbeagentur verloren, die ihr Berlinbüro schließen mußte, und teilt somit
die Erfahrung einer Generation, deren historische Aufgabe offenbar darin
besteht, auf dem Arbeitsmarkt eine Runde aussetzen zu dürfen. Jetzt wird G.
erstmal Vater und macht gemeinsam mit seiner Freundin Urlaub an der Ostsee. Ich
erzähle ihm von meinem Projekt. Aber G. ist einigermaßen schwer zu vermitteln,
was ich hier gerade mache: „Wieso? Zuhause rumhängen, lesen und ein bißchen
was schreiben – das ist doch genau das, was du immer machst ...“
Derart
aufgerüttelt überlege ich den Rest des Tages, was ich noch mit ihm anfangen könnte.
Welche Sehenswürdigkeiten, Museen oder Ausstellungen ich zum Beispiel besuchen
könnte. Aber das hat alles keinen Zweck! Das würde man ja auch machen, wenn
man irgendwo hingefahren wäre und ist somit viel zu touristisch. Es soll doch
bei diesem Urlaub gerade darum gehen, mal etwas anderes zu machen, wofür sonst
keine Zeit bleibt.
Ein
gefährlicher Ansatz, wie sich heraustellt. Ich ertappe mich dabei, meine
verwahrloste Wohnung gründlich aufzuräumen und überfällige Anrufe bei der
Krankenkasse und der Bundesversicherungsanstalt zu erledigen. Abends überrasche
ich mich mit einem kleinen Spaziergang durch Friedrichshain. Tagsüber wäre das
zu riskant, weil man sich dann zu arbeitslos fühlen würde.
Ich
gehe zur Modersohnbrücke, die nach mehreren Jahren Sanierung nun tatsächlich
fertig zu werden droht. Vorerst gibt es aber glücklicherweise noch keinen
Verkehr. Man kann sich also ganz gemütlich hinsetzen und in aller Ruhe einen
der schönsten Sonnenuntergänge Berlins irgendwo hinterm Alex bewundern, während
unter einem die S-Bahn hindurchfährt. Das einzige, was einen davon abhält,
vollkommen in dieser Betrachtung zu versinken, ist der Umstand, daß man die Brücke
dann doch nicht ganz für sich hat. Ein paar Meter weiter hat sich ein Pärchen
gerade den mitgebrachten Rotwein aufgemacht. Und neben einem sitzen noch andere
ernsthafte junge Männer mit Dosenbier in der Hand auf dem Geländer und starren
so angestrengt auf den Horizont, daß sie einen an sich selbst erinnern.
Ich
gehe nach Hause. Meinen ersten Urlaubstag habe ich mir anders vorgestellt.
Der
Dienstag beginnt dafür früh und wolkenlos. Der Wetterbericht im Radio
prophezeit jedoch den Durchzug einer Gewitterfront und anschließend Regen für
den ganzen Tag. Dummerweise glaube ich das und bleibe somit lieber bei
strahlendem Sonnenschein zuhause und schreibe Urlaubspostkarten, unter anderem
an meinen alten Philosophie-Lehrer: „Ich mache hier gerade eine Woche Urlaub
zuhause, um dann darüber zu schreiben. Sie sehen, wir Geistesmenschen haben nie
frei.“ Wir haben uns letztes Jahr auf einer Ehemaligen-Feier wiedergetroffen
und seitdem den Kontakt gehalten. Zur Zeit haben wir gerade die Walser-Debatte
(ich) sowie den Berliner Antisemitismusstreit von 1880 (er) am Wickel, aber ich
fasse mich kurz und schreibe lieber etwas über das Wetter, wie sich das auf
einer Urlaubspostkarte gehört.
Abends
gehen M. und ich ins Kino und trinken anschließend noch was im Biergarten vor
dem Filmtheater am Friedrichshain. M. arbeitet bei einem großen amerikanischen
Computerhersteller, das Unternehmen hat gerade erfolgreich eine Fusion hinter
sich gebracht; die Stimmung bei der Belegschaft ist schlecht, da jetzt Personal
abgebaut werden muß. M. hat natürlich keinen Urlaub, muß morgen früh raus
und trinkt Apfelschorle. Ich trinke ein Bier und lasse mich von M. noch bei P.
vorbeibringen.
Mittwoch
bemerke ich den entscheidenden Nachteil, wenn man im Urlaub zuhause bleibt: Man
ist immer noch erreichbar. Ich werde angerufen und merke, daß ich den
kurzfristigen Auftrag fast dankbar annehme. Einen Tag Urlaub vom Urlaub. Zum Glück
regnet des draußen.
Das Gute an dem Urlaubsgedanken ist, daß er zunächst jedem Tagen den Druck und das schlechte Gewissen nimmt. Das Schlechte daran ist, daß dann allmählich doch mal was passieren muß.
Donnerstag
werde ich also aktiv. Ich will mal wieder so richtig Sport treiben. (– ... richtig
Sport treiben: Allein schon diese Formulierung würde einen normalerweise
nur noch tiefer ins Sofa sinken und zum Bier greifen lassen! Im Urlaub scheint
einem dieser KdF-Jargon aber weniger auszumachen.) Passend zum Urlaubsmotto
trainiere ich zuhause auf meiner hinreichend unglamourösen blauen
Gymnastikmatte. Dann laufe ich im vernieselten, windigen Park meine Runden, bis
ich Knieschmerzen bekomme. Ich habe dabei die ganze Zeit David Bowies
bombastisch-trauriges neues Album im Ohr und singe grimmig vor mich hin: „Here
we shall live in this terrible town“. Slow
Burn – könnte leicht der Soundtrack für diesen Sommer in Berlin werden.
Eigentlich
habe ich mir fest vorgenommen, heute abend noch in einen Club zu gehen, den Tita
von Hardenberg für den besten in ganz Berlin hält. Ich habe mich sogar von
einem befreundeten Flyerverteiler, der gerade in Barcelona wohnt, extra noch per
SMS auf die Gästeliste setzen lassen, „+1“.
Aber
dann sitze ich mit M. in einer Kneipe am Boxhagener Platz, und K. ruft dauernd
auf M.s Handy an. Wir sollen später unbedingt noch in den besten Club Berlins
mitkommen, oder haben die vielleicht gerade Sommerpause oder etwa schon ganz
dichtgemacht oder was? Es gäbe da so Gerüchte, ob wir irgendwas wüßten? Wir
wissen nichts und trinken unser Bier. Die Fenster der Kneipe sind offen, draußen
liegt der Boxhagener Platz grün und still im Regen, es ist ein melancholischer
Abend. K. ruft noch mal an und macht Druck. Seine Freundin hat heute ihr Examen
bestanden und sie wollen mit ihren Kommillitonen und vor allem Kommillitoninnen, wie K. betont, jetzt noch im besten Club Berlins abfeiern und
wir sollen gefälligst mitkommen. Wir richten ihm aus, daß er uns mit seiner
Horde euphorischer Landschaftsarchitektinnen und dem besten Club Berlins heute
am Arsch lecken kann. Wir trinken jeder noch zwei Bier und gehen nach Hause.
Dafür
dürfen wir uns dann am nächsten Tag von K. wieder die „dollsten
Geschichten“ (Gerhard Schröder) über das Cookies anhören. Die
unglaublichsten Frauen, und der Laden entwickele sich, so K., mehr und mehr zum
Swinger-Club. Er selbst sei zwar auch schon um Zwei nach Hause gegangen, aber
seine Freundin sei danach noch dauernd angetanzt worden, unter anderem von einer
Frau, die ihr einen flotten Dreier vorgeschlagen hätte. – Ditt
is Berlin. Dazu gehört auch, daß man natürlich kein Wort glaubt.
Ich
habe dann doch bei P. in Mitte übernachtet. Allerdings muß sie am Freitag
schon früh zur Arbeit, so daß ich, der ja – schon vergessen? – allein im
Urlaub ist, erst mal ausschlafe. Erst am späten Vormittag gehe ich in der
Corinther Straße zum Zeitung- und Brötchenholen. Ein etwa 30jähriger Sohn
schlendert mit seiner Mutter gemächlich vor mir her. Der Sohn hat sich das Hemd
in seine hellen Jeans gesteckt, an seinem Gürtel baumelt eine Handytasche, und
er zeigt seiner Mutter offenbar die Gegend, in der er wohnt.
„Sag
mal“, fragt seine Mutter ihn gerade, als ich die beiden überhole, „hast Du
eigentlich keine Sandalen, jetzt für den Sommer.“
„Doch“,
erwidert der Sohn mit einer vollkommen ruhigen, sympathischen Stimme, „aber
die trage ich eigentlich nie.“
„Warum
denn nicht?“
„Na
ja, ich finde, die sehen nicht so gut aus.“
Ich
beschließe spontan, mich auch mal wieder bei meinen Eltern zu melden.
Dann
beantworte ich meine Mails von P.s Computer aus, viele sind es nicht. Irgendwie
sind alle im Urlaub. Die Feuilleton-Suchmaschine Perlentaucher.de hat der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung kürzlich eine „anorektische“ Sommerausgabe
attestiert (für mich jetzt schon das Wort der Woche, im Fremdwörter-Duden
gleich neben „Anorgasmus“ zu finden).
Nachmittags
bin ich dann soweit, daß ich sogar mit P. in der Friedrichstraße Shopping
mache. Ich lasse mich von ihr zum Kauf einer braunen Cordhose überreden, die
ich garantiert wieder umtauschen werde. Dann trinken wir einen Kaffee im
Innenhof des Quartier 206, wir streiten uns ein wenig und durch das Glasdach des
Quartiers hat man einen schönen Ausblick nach oben.
Am
Abend wollte ich eigentlich mit Freunden im Treptower Park Fußball spielen.
Aber es regnet und das ganze wird kurzfristig abgesagt. Am letzten Freitag sind
wir noch bei bestem Wetter über die Spreewiesen gerannt: Die Sonne ging langsam
neben den beiden Trep-Towers unter, Leute grillten, jemand spielte Saxophon und
man fühlte sich kurz wie im New Yorker Central Park. Heute schaue ich in meinen
verregneten Hinterhof, und es kommt mir vor, als wäre das alles ein Jahr her.
Das
bringt mich darauf, mal wieder in meinen alten Tagebüchern und Terminkalendern
nachzugucken, was ich in den letzten Jahren um diese Zeit gemacht habe. Aber das
muß auch aufhören und bevor ich so völlig aus dem Hier und Heute falle, lese
ich lieber weiter Jochen Schmidts „Müller haut uns raus“. Es ist ein
angenehm autobiographischer Roman, bei dem mir am besten gefällt, daß der
Autor Gleichaltrige die „jungen Leute“ nennt und daß sich sein Ostberliner
Held immer wieder in so komische Mädchen verliebt, wie man das sonst nur noch
von sich selbst kennt.
Ich
schaffe siebenundfünfzig Seiten und zwei Bier.
Den
Abend seines fünften Urlaubstags würde man sich normalerweise gemeinsam in
irgendeiner Pinte schönsaufen. Aber P. hatte schon was anderes vor, die Freunde
sind nicht mehr erreichbar und ich bin mit niemandem gemeinsam in meiner
Wohnung. Zum Einschlafen fällt eine schöne Formulierung von Gottfried Benn
ein: „Nie einsamer als im August“.
Samstags
würde ich normalerweise mit M. und K. Premiere gucken. Aber die WM ist vorbei
und die Bundesliga macht noch Sommerpause. Also gehört das Wochenende der
Familie. Ich fahre zu P., wir kochen mit Freunden Semmelknödel mit
Pfifferlingen und lassen es uns schmecken.
Abends
haben wir Freikarten für Dominik Grafs neuen Film „Der Felsen“ im
Freiluftkino Friedrichshain. Auf der Leinwand flimmert die Hitze von Korsika,
davor zittern die Zuschauer im bodenfrostgefährdeten Berlin. Karoline Eichhorn
fängt in dem Film dauernd was mit wildfremden Menschen an, irgendwo aus dem
Friedrichshain hört man dazu stimmungsvoll ein paar Punks rumgrölen. Nach der
Vorführung wird der anwesende Hauptdarsteller Antonio Wannek nach vorne
gebeten, die Punks brüllen aus der Dunkelheit in den Applaus hinein: „Auf die
Fresse!“. Wannek meistert die Situation, indem der den Typen zuwinkt, als wären
es seine größten Fans.
Zuhause
geht P. sofort durchgefroren ins Bett. Ich halte noch bis spätnachts zu den Sopranos
durch, damit dies nicht der spießigste Tag in der Geschichte des Sonnabends
wird.
Am
Sonntag gehen P. und ich dann doch in eine Ausstellung, die ich unbedingt noch
besuchen wollte. Unter dem Titel „Here is New York“ sind im Martin
Gropius-Bau Fotos vom 11. September zu sehen. Es geht den Ausstellern um die
„Demokratie der Bilder“, weswegen die Bilder des Terror-Akts einfach
ungeordnet von quer über die Besucherköpfe gespannten Wäscheleinen herunterhängen.
Man verliert sich bald in der Masse der schon zu oft gesehenen Fotos und wundert
sich dann nur noch, wie lange das alles jetzt schon her scheint. Auf dem Foto,
das mich dennoch am meisten beeindruckt, sind die Tennisplätze der New Yorker
Universität zu sehen. Im Hintergrund brennen bereits die beiden Türme, aber
immer noch spielen ein paar Studenten an diesem sonnigen Septembermorgen dort
auf dem Greenset ...
Draußen,
vor den Fenstern des Gropius-Bau, geht heftiger Gewitterregen runter, und als
wir herauskommen, ist die Temperatur um einige Grade gefallen. Wir sind mit dem
Rad hier, fahren zwischen zwei Schauern zum überfüllten Barcomi’s und nehmen
den Cheesecake einfach mit nach Hause. Als ich dort Kaffee aufsetze, strahlt
draußen schon wieder die Sonne.
Am
Abend eines schönen Herbsttages im August fahre ich schließlich mit dem
Fahrrad aus dem Urlaub nach Hause zurück. In der beginnenden Dämmerung halte
ich an und blicke zum Abschied noch mal die beleuchtete Karl-Marx-Allee
hinunter, auf den Alexanderplatz.
Ich
denke: Wahrscheinlich wieder einer von diesen atlantischen Tiefausläufern,
wieder ein Stück vom Sommer weg. Und Berlin fühlt sich wie eine ferne Großstadt
an, in die man immer noch gerne mal fahren würde. Auf dem Weg dahin, denke ich,
eine Woche verloren, eine Woche gewonnen.
(August 2002)
Rezension I Buchbestellung I home IV03 LYRIKwelt © Andreas Merkel