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Nachtzug nach
Lissabon
(Leseprobe aus: Nachtzug nach
Lissabon, Roman, 2004, Hanser)
Der
Tag, nach dem im Leben von Raimund Gregorius nichts mehr sein sollte wie zuvor,
begann wie zahllose andere Tage. Er kam um Viertel vor acht von der
Bundesterrasse und betrat die Kirchenfeldbrücke, die vom Stadtkern hinüber zum
Gymnasium führt. Das tat er an jedem Werktag der Schulzeit, und es war immer
Viertel vor acht. Als die Brücke einmal gesperrt war, machte er nachher im
Griechischunterricht einen Fehler. Das war vorher nie vorgekommen, und es kam
auch nachher nie mehr vor. Die ganze Schule sprach tagelang nur von diesem
Fehler. Je länger die Diskussion darüber dauerte, desto zahlreicher wurden
diejenigen, die ihn für einen Hörfehler hielten. Schließlich gewann diese Überzeugung
auch bei den Schülern, die dabeigewesen waren, die Oberhand. Es war einfach
nicht denkbar, daß Mundus, wie alle ihn nannten, im Griechischen, Lateinischen
oder Hebräischen einen Fehler machte.
Gregorius blickte nach vorn zu den spitzen Türmen des Historischen Museums der
Stadt Bern, hinauf zum Gurten und hinunter zur Aare mit ihrem gletschergrünen
Wasser. Ein böiger Wind trieb tiefliegende Wolken über ihn hinweg, drehte
seinen Schirm um und peitschte ihm den Regen ins Gesicht. Jetzt bemerkte er die
Frau mitten auf der Brücke. Sie hatte die Ellbogen auf das Geländer gestützt
und las im strömenden Regen, was wie ein Brief aussah. Sie mußte das Blatt mit
beiden Händen festhalten. Als Gregorius näher kam, zerknüllte sie das Papier
plötzlich, knetete es zu einer Kugel und warf die Kugel mit einer heftigen
Bewegung in den Raum hinaus. Unwillkürlich war Gregorius schneller gegangen und
war jetzt nur noch wenige Schritte von ihr entfernt. Er sah die Wut in ihrem
bleichen, regennassen Gesicht. Es war keine Wut, die sich in lauten Worten würde
entladen können, um dann zu verrauchen. Es war eine verbissene, nach innen
gewandte Wut, die schon lange in ihr glimmen mußte. Jetzt stützte sich die
Frau mit gestreckten Armen auf das Geländer, und ihre Fersen glitten aus den
Schuhen. Gleich springt sie. Gregorius überließ den Schirm einem Windstoß,
der ihn übers Brückengeländer hinaustrieb, warf seine Tasche voller
Schulhefte zu Boden und stieß eine Reihe von lauten Flüchen aus, die nicht zu
seinem gewohnten Wortschatz gehörten. Die Tasche ging auf, und die Hefte
glitten auf den nassen Asphalt. Die Frau drehte sich um. Für einige Augenblicke
sah sie reglos zu, wie die Hefte vom Wasser dunkler wurden. Dann zog sie einen
Filzstift aus der Manteltasche, machte zwei Schritte, bückte sich zu Gregorius
hinunter und schrieb ihm eine Folge von Zahlen auf die Stirn.
»Entschuldigen Sie«, sagte sie auf französisch, atemlos und mit fremdländischem
Akzent, »aber ich darf diese Telefonnummer nicht vergessen und habe kein Papier
bei mir.«
Jetzt blickte sie auf ihre Hände, als sähe sie sie zum erstenmal.
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