Wanderungen im Innern des Häftlings von Stefanie Menzinger, 1996, Ammann

Stefanie Menzinger

Wanderungen im Innern des Häftlings
(Leseprobe aus: Wanderungen im Innern des Häftlings, 1996, Ammann)

Ich möchte unbedingt, daß Sie nichts Schlechtes von mir denken, schreibt Emily ein paar Tage später es ist ihr gutes Recht bevor Sie sich mir erklären, wie Sie sagen, weinige Sätze über micht und meine nääheren Umstände einzubitten; ob Ihnen eine Schilderung meines Äußeren gnügen wird, schreibe ich und denke dabei an mein sorgfältig zurückgekämmtes glattes Haar,wage ich allerdings zu bezweifeln - und meine Strickjacke und mein dunkelblauer Faltenrock! aber ich will es trotzdem versuchen und Ihnen von meiner Winzigkeit schreiben, an der Sie vielleicht Gefallen finden, eine Däumlingswinzigkeit, die mir kleine Hocker vor den Fenstern abverlangt, auf die ich steigen muß, wenn ich nach Ihnen Ausschau halten würde, gesetzt: Sie würden einmal den Weg zu mir heraus finden wollen, schreibe ich und verliere mich in der Vorstellung meines Madamchenwuchses, und wie ich auf Stühlen sitze oder den Bänken draußen im Garten und dabei die Beine baumeln, ohne den Boden zu fassen, schreibt Emily, obwohl ich, wie Sie sich denken können, Absätze trage. Es sind spitze Schnürschuhe, die über die Knöchel reichen, weil ich auf meinen Wanderungen zum Umknicken neige, bin ich auf diese Schnürschuhe verfallen und besitze etliche Paare von ihnen in verschiedenen Farben. Schwarze mag ich am meisten. Aber gleich danach kommt braun; rostbraun mit leichtem Glanz. Im Herbst und im Winter trage ich Schuhe mit Pelzfutter, wegen der Kälte, vom Boden kriecht sie hoch und an meinen Strumpfhosen hoch, nistet sich ein, eini kaltes Vogelnest Kälte, denkt Emily und reibt, während sie flink eine weitere Zeile schreibt, ihre Beine aneinander. Im Frühling, im Sommer ist aber kein Innenfutter mehr nötig und, wie ich hoffe, haben Sie nun eine Vorstellung von mir, wer Emily Hazelwood ist. Vielleicht noch dies: daß ich neugierig bin und mich die Umstände des Todes Ihrer Frau wirklich interessieren; und daß ich mir keinen anderen Weg weiß, als den direkten zu Ihnen. Über Sie kann ich am meisten erfahren. Wie es andererseits Leute gibt, deren Interesse bestimmt nicht weniger groß und weniger herzlich als ihres, Emily Hazelwoods, ist, die aber lieber, wie sie schreibt, Umwege gehen aus Angst vor Kränkung oder Beschämung. So bin ich nicht. Ich möchte alles aus Ihrer Feder und aus Ihrem Mund erfahren. Jeder Umstand, wissen Sie, und auch, wie es Ihnen dabei erging. Schreiben Sie alles auf, schreibe ich, und danach kommen Sie mich bitte besuchen. Das Jahr geht jetzt heftig und mit schnellen Schritten seinem Ende entgegen. Täglich werden bei uns hier draußen die Weihnachtsgänse geschlachtet. Ich bin, müssen Sie wissen, eine kleine Meisterin im Kreuzstich, so jedenfalls behauptet es Herr Johannsen. Umd meine Bratäpfel werden Ihnen gewiß in guter Erinnerung bleiben. Schreiben Sie bitte und denken an die kleine Emily Hazelwood hier draußen, die auf Ihre Schilderung wartet; ungeduldig am Morgen auf dem Hocker vorm Fenster der Südseite steht sie und wartet auf Ihren Brief.

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