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Das Erwachen
(Leseprobe aus: Alle Sprachen dieser Welt,
Roman, 2006, dtv - Übertragung
Paulina Schulz)
Der Traum war entsetzlich.
Anfangs konnte ich mich nicht darin zurechtfinden, wusste nicht, was ich
eigentlich träumte, wovor ich mich fürchtete, was diese Fetzen rohen Fleisches
waren, die – in einen blutigen Haufen verwandelt – immer noch Lebenszeichen
von sich gaben.
Erst nach einer Weile, nachdem das aus dem Chaos entstandene Bild schärfer
wurde, sah ich unzählige menschliche Zungen, die Toten und Lebenden
herausgerissen wurden, Zungen, aus denen unsichtbare Hände ein Gebilde in Form
einer Pyramide entstehen ließen; oder aber einen bis zum Himmel reichenden
Scheiterhaufen.
Ich sah mit Entsetzen, wie die Zungen immer mehr wurden: rotbraune, bläuliche,
beinahe schwarze; und ich hatte das Gefühl, dass jemand über sie herrschte –
denn sogar dann, wenn sie sich ineinander verhedderten, bildeten sie eine
amorphe Masse, die nur Baumaterial war. Doch nicht einmal dann wurden die Zungen
still, sie bewegten sich in fiebrigen Zuckungen, als ob die ganze verletzte
Menschheit, als ob die ganze Welt – unsere Welt – um Hilfe schrie … fragte
… fluchte … betete … um Gnade winselte ?
Seltsam war nur, dass ich trotz des ganzen Grauens nicht schreiend, zu Tode
verängstigt oder schweißüberströmt aufwachte. Nein, ich schlug einfach die
Augen auf und lag da in meinem Bett; mein Atem ging ruhig und tief, mein
angeborener Herzfehler machte mir keine Probleme, es war ein ganz ruhiges
Aufwachen.
Ich war in meiner Heimatstadt Warschau, in der Wohnung im ersten Stock eines der
kleineren Häuser an der Henryk-Siemiradzki-Straße. Henryk Siemiradzki war ein
Künstler, der vor hundert Jahren symbolische Wandbilder auf die größte
Leinwand der Welt, einen Theatervorhang, gemalt hatte.
Der Wintertag wurde nur langsam munter, es war noch finster und nur aus dem
Gedächtnis konnte ich die Titel der Bücher in den Regalen entziffern, die mich
umgaben. Ich hob den Kopf, um die Uhrzeit am Display meiner Sony-Stereoanlage
erkennen zu können. Die Digitaluhr zeigte 6 : 00, aber in Wirklichkeit war es
erst fünf. Nach der Zeitumstellung hatte ich die Anzeige immer noch nicht
verändert. Eine Weile habe ich versucht, mich an die Bezeichnung für die
Winterzeit zu erinnern, in die wir jeden Herbst wechselten: ost-, west- oder
mitteleuropäisch ? Ich glaube, osteuropäisch, aber ich kann mich auch irren.
Oder doch westeuropäisch ? Ach, egal.
Seit der Heilige Geist herabgekommen ist und das Antlitz der Erde erneuert hat
– unserer Erde –, seit die Kommunisten ihre Macht verloren haben, seit die
Mauern eingestürzt sind und das Imperium zerfallen ist, sind mir die
Zeitumstellungen egal. Als Kind habe ich ihnen noch, naiv wie ich war, eine
Bedeutung beigemessen.
Es war fünf Uhr. 6 : 03, laut der Digitalanzeige.
Ich wusste, es würde nicht mehr lange dauern, da wäre meine Nachtruhe zu Ende.
In einer Stunde würde an dem alten Mietshaus gegenüber, wo sie für die
Angestellten einer amerikanischen Bank das Dachgeschoss zu Mansarden-Wohnungen
ausbauten, der Betonmischer anfangen zu rattern, und der Lastenaufzug in einem
Stahlschacht hinauf und hinunter geschickt werden.
Raaauf !
Ruuunter !
Raaauf !
Ruuunter !
Raaauf !
Ruuunter !
Raaauf !
Ruuunter !
– würden sie brüllen.
Ich hätte noch mindestens zwei Stunden schlafen können, aber ich war nicht
mehr müde. Ich lag mit offenen Augen da, hörte meinem Herzen beim Schlagen zu;
zum ersten Mal seit langer Zeit spürte ich keine Arrhythmie, nicht die leiseste
Störung, lag nur da und überlegte, was mir der kommende Tag bringen würde.
An diesem Tag sollte mein Vater mit 82 Jahren zum letzten Mal arbeiten gehen, in
die Apotheke des Städtischen Krankenhauses für Infektionskrankheiten. Und ich
hatte ihm versprochen, dass ich ihm helfen würde, die Torte und die Plätzchen
für die Mitarbeiter hinzubringen und eine kleine Abschiedsfeier auszurichten.
Mein Vater, der Zögling einer Kadettenschule, späterer Leutnant der
Infanterie, geriet im September 1939 in deutsche Gefangenschaft, kehrte nach
fünf Jahren im Lager Woldenberg nach Polen, in ein völlig anderes Polen,
zurück, legte die Uniform ab, heiratete und wurde Apotheker. Er fing an, in der
Apotheke seines Schwiegervaters zu arbeiten; und als kurz darauf die Kommunisten
die Apotheker enteigneten, wechselte er auf eine Beamtenstelle und versuchte,
jeden Monat mit dem mageren Gehalt auszukommen.
Im Städtischen Krankenhaus für Infektionskrankheiten, das vor dem Zweiten
Weltkrieg der Familie Baumann gehört hatte, versäumte mein Vater in all den
Jahren keinen einzigen Arbeitstag und verspätete sich auch kein einziges Mal.
Er hatte gearbeitet. Gearbeitet, alles gegeben, und nach 25 Jahren, zum Tag der
Arbeit am 1. Mai, das Bronzene Verdienstkreuz und eine Aktentasche aus
künstlichem Schweinsleder bekommen. Die Zeitung des Berufsverbandes für die
Mitarbeiter des Gesundheitswesens brachte einen Artikel mit Foto. Als meine
Mutter die Zeitung in die Hand nahm und die Überschrift las, fing sie
hysterisch an zu lachen: »Vom Degen zur Pille, ich fass es nicht, Vom Degen zur
Pille …«
Mutter lachte Tränen, schüttelte ungläubig den Kopf und las den Artikel laut
vor: »Vielleicht schlummerte in seinem Ranzen der Marschallstab, aber Rudolf
Hintz entschied sich für einen anderen verantwortungsvollen Posten, um seinem
Vaterland zu dienen, der Polnischen Volksrepublik …«
Sie las zu Ende. Dann erstarrte sie mit offenem Mund, als ob sie beim
Aussprechen eines Wortes stumm geworden wäre, schließlich schmiss sie die
Zeitung auf den Boden und begann, darauf herumzutrampeln. Ich sah zu, wie das
Konterfei meines in einen weißen Kittel gekleideten Vaters in Stücke zerfiel.
»Diese Bastarde ! Bastarde !«, – die Zeitung wurde in immer kleinere Stücke
zerfetzt. »So einen Unsinn habe ich noch nie im Leben gelesen. Warum schreiben
sie nicht, was er verdient und wie er damit seine Familie durchbringen soll ?«
In dem Moment dachte ich, dass gleich etwas Schlimmes passieren würde. Vater
sah Mutter mit zusammengekniffenen Lippen an, und versuchte, die Zeitung wieder
zusammenzusetzen. Seit ich denken konnte, war das Zusammenleben meiner Eltern
nicht sonderlich harmonisch.
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