Moses Mendelssohn

An die Freunde Lessings
(Leseprobe aus: An die Freunde Lessings, 1786)

Die Anhänglichkeit unsers Freundes an den Spinozismus soll nicht bloss Hypothese sein, wie der Patriarch im Nathan sich ausdrückt, die man sich etwa so erdenkt, um pro et contra zu disputieren. Ein Mann von bewährtem Ansehen in der Republik der Gelehrten, Herr Jacobi, tritt öffentlich auf, behauptet, dass es ein wahres Faktum sei: Lessing sei wirklich und in der Tat ein Spinozist gewesen. Die Beweise hiervon sollen in einem Briefwechsel zwischen ihm, einer dritten Person, und mir enthalten sein, den er dem Ketzergericht im Publiko vorlegt, und der das Faktum ausser allen Zweifel setzen soll.

Dieser Briefwechsel ist eigentlich die nähere Veranlassung, die ich gehabt, meine Morgenstunden oder Vorlesungen über das Dasein Gottes, die ich vor einigen Jahren entworfen hatte, schleuniger, als ich willens war, herauszugeben. Ich erwähnte diese Veranlassung in der Vorrede zum ersten Teil der Morgenstunden; den Briefwechsel selbst wollte ich erst in dem zweiten Teile nachfolgen lassen. Anfangs war ich zwar willens, mit dem philosophischen Dispute sogleich herauszurücken, und erhielt auch des Herrn Jacobi Erlaubnis, von seinem Briefe den beliebigen Gebrauch zu machen. Allein es entstunden so manche Bedenklichkeiten. Die Materie schien mir zu delikat, und die Leser zu unvorbereitet, als dass ich es wagen dürfte, eine so missliche Untersuchung geradezu zu veranlassen. Ich wollte vorher die Sache selbst ins Keine bringen, und hernach das berühren, was die Personen angehet! zuvörderst in eine Begriffe vom Spinozismus, vom Schädlichen und Unschädlichen dieses Systems, an den Tag legen, und hernach untersuchen, Öl diese oder fünf Person dem System anhänge, und in welchem Verstande sie das System genommen habe.

Ist Lessing Spinozist gewesen? Hat Jacobi dieses von ihm selbst gehört? Wie und in welcher Laune waren sie beide, als diese Vertraulichkeit zwischen ihnen vorging? Diese Fragen konnten dahingestellt bleiben, bis wir mit unserm Leser uns über die Sache selbst, über das, was Spinozismus eigentlich sei, oder nicht sei, verstanden hatten. Ich änderte daher meinen ersten Entschluss und wollte mir die gütige Erlaubnis meines Korrespondenten bis auf den folgenden Teil vorbehalten. Allein erbat, wie ich sehe, für gut befunden, mir zuvorzueilen. Über alle Bedenklichkeiten hinwegwirft er den Zankapfel in das Publikum, und klagt unsern Freund, Gotthold Ephraim Lessing, den Herausgeber der Fragmente, den Verfasser des Nathan, den grossen bewunderten Verteidiger des Theismus und der Vernunftreligion bei der Nachwelt als Spinozisten, Atheisten und Gotteslästerer an. Was ist nun zu tun? Wollen wir die Verteidigung unsers Freundes übernehmen? Das strengste Glaubensgericht pflegt diesen Beistand dem angeklagten Ketzer nicht zu missgönnen. Allein ich dächte, wir könnten getrost den Verfasser des Nathan seiner eigenen Verteidigung überlassen: und wenn ich Plato oder Xenophon wäre, so würde ich mich wohl hüten, diesem Sokrates eine Schutzrede zu halten. Lessing und Heuchler, der Urheber Nathans und Gotteslästerer – Wer dieses zusammen denken kann, der allein vermag das Unmögliche, der kann ebenso leicht Lessing und Dummkopf zusammen denken! Indessen, da ich doch einmal in die Sache mit verwickelt worden, und Herr Jacobi mich zuerst in Privatbriefen, und nunmehr öffentlich auffordert, die Sache unsers Freundes zu übernehmen, so lassen Sie uns gemeinschaftlich den Grund der Beschuldigung untersuchen! Ich werde die Klageanmeldung vor Ihren Augen durchgehen, werde in der Geschichtserzählung ergänzen, was von meiner Seite zu ergänzen ist, und Anmerkungen hinzufügen, wo ich solche für nötig halten werde.

Herr Jacobi hatte, wie er erzählt, von einer Freundin vernommen: Mendelssohn sei im Begriff, über Lessings Charakter zu schreiben, und erkundigte sich bei ihr, wieviel oder wenig Mendelssohn von Lessings religiösen Gesinnungen bekannt geworden wäre. – Er schrieb: Lessing sei ein Spinozist gewesen.

»Meine Freundin, sagt er, fasste meine Idee vollkommen; die Sache schien ihr äusserst wichtig, und sie schrieb den Augenblick an Mendelssohn, um demselben, was ich ihr entdeckt hatte, zuoffenbaren.«

Er fährt fort: »Mendelssohn erstaunte, und seine erste Bewegung war, an der Richtigkeit meiner Aussage zu zweifeln.«

Dass ich erstaunte, ist wohl nicht mehr Geschichtserzählung, sondern Vermutung des Erzählers. Was Herr Jacobi der gemeinschaftlichen Freundin entdeckt, und diese mir offenbart hatte, konnte bei mir in Wahrheit keine Bewegungen von dieser Art verursachen. In meiner Überzeugung von der Unwahrheit des Spinozismus kann mich weder Lessings noch irgendeines Sterblichen Ansehen im mindesten irremachen; auf meine Freundschaft für Lessing konnte diese Nachricht auch keinen Einfluss haben, sowie meine Begriffe von Lessings Genie und Charakter durch dieselbe gleichfalls nicht leiden konnten. Lessing ist ein Anhänger des Spinoza? Je nun! Was haben die spekulativen Lehrsätze mit dem Menschen gemein? Wer würde sich nicht freuen, Spinozen seihst zum Freunde gehabt zu haben, so sehr er auch Spinozist gewesen? Wer sich weigern, Spinozens Genie und vortrefflichen Charakter Gerechtigkeit widerfahren zu lassen? – So lange man meinen Freund noch nicht als heimlichen Gotteslästerer, mithin auch als Heuchler, anklagte, war mir die Nachricht: Lessing sei ein Spinozist gewesen, so ziemlich gleichgültig, ich wusste, dass es auch einen geläuterten Spinozismus gibt, der sich mit allem, was Religion und Sittenlehre Praktisches haben, gar wohl verträgt, wie ich selbst in den Morgenstunden weitläuftig gezeigt; wusste, dass sich dieser geläuterte Spinozismus hauptsächlich mit dem Judentume sehr gut vereinigen lässt, und dass Spinoza, seiner spekulativen Lehre ungeachtet, ein orthodoxer Jude hätte bleiben können, wenn er nicht in andern Schriften das echte Judentum bestritten, und sich dadurch dem Gesetze entzogen hätte. Die Lehre des Spinoza kommt dem Judentume offenbar weit näher, als die orthodoxe Lehre der Christen, konnte ich also Lessingen lieben, und von ihm geliebt werden, als er noch strenger Anhänger des Athanasius war, oder ich ihn wenigstens dafür hielt; warum nicht vielmehr, wenn er sich dem Judentum näherte, und ich ihn als Anhänger des Juden Baruch Spinoza erkannte? Der Name Jude und Spinozist konnte mir bei weitem weder so auffallend, noch so ärgerlich sein, als er etwa dem Herrn Jacobi sein mag.

Endlich wusste ich auch sogar schon, dass unser Freund in seiner frühesten Jugend dem Pantheismus geneigt gewesen, und solchen mit seinem Religionssystem nicht nur zu verbinden gewusst, sondern auch die Lehre des Athanasius aus demselben zu demonstrieren gesucht hatte. Die Stelle aus einem jugendlichen Aufsatze dieses frühzeitigen Schriftstellers, die ich in den Morgenstunden S. 277 fgg. anführe, zeiget dieses gar deutlich, und ich hatte diesen Aufsatz von ihm gleich zu Anfang unserer Bekanntschaft zum Durchlesen bekommen.

Die Nachricht also, dass Lessing ein Spinozist sei, konnte für mich weder erstaunlich, noch befremdend sein. Aber höchst unangenehm war mir der Antrag von Seiten des Herrn Jacobi; dieses gestehe ich. Im Grunde hatte ich Herrn Jacobi nie gekannt, ich wusste von seinen Verdiensten als Schriftsteller, aber im metaphysischen Fache hatte ich nie etwas von ihm gesehen. Auch wusste ich nicht, dass er Lessings Freundschaft und persönlichen Umgang genossen habe. Ich hielt also diese Nachricht für eine blosse Anekdote, die ihm etwa ein Reisender möchte zugeführt haben. Man kennt diese Klasse der Reisenden in Deutschland, die ihre Stammbücher von Ort zu Ort herumtragen, und was sie bei einem Manne von Verdienst sehen oder erfragen, in grösster Eil, und Geschwindigkeit hier und da wieder anbringen, oder gar zum öffentlichen Drucke befördern. Ein solcher dachte ich, hat vielleicht ein halbverstandenes Wort von Lessing vernommen, oder Lessing hat ihm etwa das griechische Motto in sein Stammbuch geschrieben:

Eins und Alles,

und der Anektodenkrämer macht alsofort Lessing zum Spinozisten. Indessen sahe ich wohl, dass man geneigt sei, Lessing auf diese Weise den Prozess zu machen. Die Deutschen buhen sich durch die Naturgeschichte gewöhnt, alles zu klassifizieren. Wenn sie mit den Gesinnungen und Schriften eines Mannes nicht recht fertig werden können; so ergreifen sie den ersten den besten Umstand, bringen den Mann in eine Klasse und machen ihn zum – isten, als wenn damit alles übrige schon getan wäre. Da ich also wirklich im Begriffe war, über Lessings Charakter zu schreiben; so sähe ich gar wohl, dass mich diese Anekdote weit von meinem Ziele abführen würde, dass sie Erörterungen und Untersuchungen erforderte, zu welchen ich nicht gestimmet war, und dass sie mich in dornigte Subtilitäten verleiten und einen Streit zu erneuern zwingen würde, der schon lange abgetan sein sollte. Sie war mir also höchst unwillkommen, die Äusserung des Herrn Jacobi, und ich drang auf nähere Erklärung, wie? bei welcher Gelegenheit? und mit welchen Ausdrücken Lessing seinen Spinozismus zu erkennen gegeben? Die Fragen, die ich Herrn Jacobi vorlegte, sind vielleicht etwas zu lebhaft ausgedrückt, aber doch der Sache angemessen und ohne Empfindlichkeit.

Ich erhielt sie in vollem Masse, die nähere Erläuterung, die ich verlangt hatte. Ein an mich gerichtetes Sendschreiben des Herrn Jacobi gab mir genugsam zu erkennen, dass ich meinen Mann nicht gekannt hätte; dass Jacobi in die Subtilitäten der spinozistischen Lehre tiefer eingedrungen, als ich vermutete, dass er mit Lessingen wirklich persönlichen Umgang gehabt, öfters mit ihm vertrauliche Unterredungen gepflogen, und dass also die Nachricht von Lessings Anhänglichkeit an Spinoza keine blosse Anekdotenkrämerei, sondern das Resultat dieser vertraulichen Unterredungen sein solle.

(...)

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