Bartleby, der Lohnschreiber
Eine Geschichte von der Wall Street
(Leseprobe aus:
Billy Budd, Roman, 1924/1938/2009, Hanser
- Übertragung Michael Walter und Daniel Göske)
Ich bin schon vorgerückten Alters. Die Art meiner Berufsgeschäfte
während der letzten dreißig Jahre hat
mich in ungewöhnlich enge Berührung mit einer, wie
es scheinen möchte, interessanten und irgendwie besonderen
Sorte Mensch gebracht, über die meines Wissens
bislang noch nie etwas geschrieben worden ist: –
ich meine die Kanzleikopisten oder Lohnschreiber. Ich
habe sehr viele von ihnen gekannt, beruflich wie privat,
und könnte, wenn ich nur wollte, allerlei Geschichten
erzählen, die gutmütige Herren vielleicht zum Lächeln
brächten und empfindsame Seelen vielleicht zum Weinen.
Aber ich entschlage mich der Biographien aller anderen
Lohnschreiber zugunsten einiger Ereignisse im
Leben Bartlebys, des sonderbarsten Schreibers, der mir
je vorgekommen ist. Während ich von anderen Kanzleikopisten
eine komplette Lebensbeschreibung liefern
könnte, ist bei Bartleby nichts dergleichen möglich. Für
eine ausführliche und befriedigende Biographie dieses
Menschen fehlt es völlig an Material. Das ist für die
Literatur ein unersetzlicher Verlust. Bartleby war eines
jener Wesen, über die nichts in Erfahrung zu bringen
ist, läßt man die Originalquellen außer Acht, und diese
sind in seinem Fall äußerst rar. Was meine erstaunten
Augen von Bartleby gesehen haben, das ist alles, was
ich von ihm weiß, wenn ich hier einmal einen vagen
Bericht aus der Acht lasse, den ich ans Ende setze.
Ehe ich den Schreiber vorstelle, so wie er zum ersten
Mal vor mir erschien, schickt es sich, ein Wort über
mich, meine Employés, meine Tätigkeit, meine Geschäftsräume
und das allgemeine Milieu zu verlieren;
denn für das richtige Verständnis der noch einzuführenden
Hauptperson ist eine solche Beschreibung unerläßlich.
Zuvörderst: Ich bin ein Mensch, den von Jugend an
die feste Überzeugung durchdrungen hat, daß eine
gemächliche Lebensweise die beste ist. Und obwohl
ich einem Berufsstande angehöre, der als sprichwörtlich
tatkräftig und betriebsam gilt, zuweilen bis zum
Ungestüm, habe ich nie zugelassen, daß mir etwas Derartiges
den Frieden stört. Ich bin einer dieser ehrgeizlosen
Anwälte, die niemals ein Plädoyer vor Gericht
halten oder sonst irgendwie den öffentlichen Beifall auf
sich lenken, sondern in der kühlen Ruhe bequemer Abgeschiedenheit
ein bequemes Geschäft mit den Obligationen,
Hypotheken und Eigentumsurkunden reicher
Leute betreiben. Allen, die mich kennen, gelte ich als
außerordentlich zuverlässiger Mensch. Der selige John
Jacob Astor, eine poetischer Schwärmerei eher abholde
Persönlichkeit, stand nicht an, als meine erste überragende
Eigenschaft die Vorsicht zu nennen und als
zweite methodisches Vorgehen. Ich sage das ohne alle
Eitelkeit, und berichte nur den Umstand, daß der selige
John Jacob Astor meine professionellen Dienste nicht
ungenutzt lassen wollte; ein Name, den ich zugegebenermaßen
gern wiederhole, besitzt er doch einen volltönenden
und gerundeten Klang und schallt wie lauteres
Gold. Ich will freimütig ergänzen, daß ich gegen des
seligen John Jacob Astor gute Meinung nicht unempfindlich
war.
Eine Weile vor dem Zeitpunkt, zu dem diese kleine
Geschichte beginnt, hatten meine Berufsgeschäfte eine
beträchtliche Ausweitung erfahren. Das schöne alte, im
Staate New York inzwischen abgeschaffte Amt eines
Beisitzers im Kanzleigericht war mir zugefallen. Ein
mäßig anstrengendes, doch aufs angenehmste einträgliches
Amt. Ich werde selten heftig und noch viel seltener
erlaube ich mir eine riskante Empörung über Unbilden
und Ungeheuerlichkeiten, hier aber muß man
mir gestatten, unbesonnen zu sein und zu erklären, daß
ich die plötzliche und durch die neue Verfassung erzwungene
Abschaffung des Amtes eines Beisitzers beim
Kanzleigericht für eine – übereilte Maßregel halte; insofern
als ich auf lebenslange Einnahmen daraus gerechnet
hatte, wohingegen mir diese lediglich für ein
paar kurze Jahre zuflossen. Doch dies nur apropos.
Meine Geschäftsräume befanden sich im Obergeschoß
des Hauses Wall Street Nr.
*. Zur einen Seite gingensie auf die weiße Wand im Inneren eines geräumigen
Lichtschachts, der das Gebäude von oben bis unten
durchzog. Dieser Ausblick mochte eher fad erscheinen,
mangelte es ihm doch an allem, was die Landschaftsmaler
»Leben« nennen. Aber wenn dem so war, dann
bot die Aussicht vom anderen Ende meiner Geschäftsräume
zumindest einen Kontrast, wenn nicht mehr.
In dieser Richtung gewährten meine Fenster den unbehinderten
Blick auf eine hohe, von Alter und ewigem
Schatten geschwärzte Ziegelmauer; es bedurfte
keines Fernglases, die verborgenen Schönheiten besagter
Wand zu erkennen, denn zum Vorteil aller kurzsichtigen
Betrachter war sie keine zehn Fuß vor meine Fensterscheiben
herangerückt worden. Infolge der großen
Höhe der benachbarten Gebäude sowie der Tatsache,
daß meine Geschäftsräume in der ersten Etage lagen,
erinnerte der Raum zwischen dieser Mauer und der
meinen nicht nur entfernt an eine riesige viereckige
Zisterne.
In der Zeit kurz vor Bartlebys Erscheinen standen
zwei Kopisten und ein vielversprechender Jüngling als
Laufbursche in meinen Diensten. Erstens, Puter; zweitens,
Kneifzange und drittens, Ingwerkeks. Derlei Na-
men findet man für gewöhnlich nicht im Adreßbuch.
Es waren denn auch bloße Spitznamen, die meine drei
Angestellten sich gegenseitig verliehen hatten, um so
ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten und Eigenschaften
zum Ausdruck zu bringen. Puter war ein kleiner,
korpulenter Engländer ungefähr in meinem Alter,
also bald an die Sechzig. Des Morgens, könnte man sagen,
zeigte sein Gesicht eine zart blühende Farbe, aber
nach zwölf Uhr mittags – seiner Essensstunde – glühte
es wie ein voller Kohlenrost zur Weihnachtszeit und
glühte immerfort – wenn auch gleichsam allmählich
verblassend – bis ungefähr gegen sechs Uhr abends.
Hernach sah ich nichts mehr vom Besitzer des Gesichts,
das mit der Sonne seinen Mittag erreichte und zusammen
mit ihr zur Rüste zu gehen schien, um am nächsten
Tag mit gleicher Regelmäßigkeit und unverminderter
Pracht aufzusteigen, zu gipfeln und zu sinken. Mir
sind im Laufe meines Lebens viele wunderliche Zufälle
begegnet, keineswegs der geringste darunter war der
Umstand, daß gerade dann, wenn Puters rot leuchtende
Miene den vollsten Strahlenglanz entsandte, daß just
dann in diesem kritischen Moment auch die tägliche
Zeitspanne begann, in der mir seine Arbeitsfähigkeit
für den Rest der vierundzwanzig Stunden als schwer
beeinträchtigt galt. Nicht etwa, daß er dann völlig müßig
oder arbeitsunwillig gewesen wäre; weit gefehlt.
Die Schwierigkeit lautete, er neigte zu einem durchaus
überschäumenden Tatendrang. Er entfaltete eine
ganz merkwürdige hitzig-hektische, fahrig-leichtfertige
Betriebsamkeit. Er tunkte seine Feder unbedacht
ins Tintenfaß. Die Kleckse, die er auf meinen Dokumenten
hinterließ, machte er alle nach zwölf Uhr mittags.
In der Tat war er nachmittags nicht nur leichtfertig
und verriet eine beklagenswerte Neigung zum
Klecksen, sondern trieb es an manchen Tagen sogar
noch bunter und veranstaltete einen beträchtlichen
Lärm. In solchen Augenblicken flammte sein Gesicht
dann auch in gesteigerter Pracht, so als hätte man Cannelkohle
auf Anthrazit gehäuft. Er scharrte aufs unangenehmste
mit seinem Stuhl; stieß die Streusandbüchse
um; zerschnitzelte beim Nachschneiden vor Ungeduld
alle Federkiele und schleuderte sie in einer jähen Gemütsaufwallung
zu Boden; stand auf, beugte sich über
den Tisch und warf seine Papiere in ganz ungehöriger
Weise kreuz und quer durcheinander – ein betrüblicher
Anblick bei einem Mann im vorgerückten Alter wie er.
Da er mir dennoch in vieler Hinsicht als wertvolle Person
galt und sich die ganze Zeit vor zwölf Uhr mittags
auch als der flinkste und beständigste Mensch erzeigte,
der ein großes Arbeitspensum auf eine Art erledigte,
die ihm so leicht niemand nachmachte – so bestimmten
mich diese Gründe, über seine Schrullen mit Nachsicht
hinwegzusehen, wiewohl ich ihm gelegentlich
durchaus auch Vorhaltungen machte. Ich tat dies allerdings
sehr behutsam, weil er am Morgen zwar die Höflichkeit,
nein die Sanftmut und Ehrerbietung selber
war, am Nachmittag aber eine Reizung gern mit loser
Zunge beantwortete, ja nachgerade impertinent wurde.
Da ich nun seine morgendlichen Dienste schätzte und
entschlossen war, ihrer nicht verlustig zu gehen, mich
aber gleichzeitig von seiner Hitzigkeit nach zwölf Uhr
unangenehm berührt fühlte und mir als friedliebender
Zeitgenosse keine ungebührlichen Widerworte durch
meine Ermahnungen einhandeln wollte, so unternahm
ich es eines Samstagnachmittags (samstags war er immer
besonders schlimm), ihm sehr freundlich zu bedeuten,
jetzt, wo er älter würde, sei es vielleicht angebracht,
seine Arbeitszeit zu beschränken; kurzum,
er brauche nach zwölf Uhr nicht mehr in mein Büro
zu kommen, sondern solle sich am besten gleich nach
Tisch in seine Wohnung begeben und bis zur Teestunde
ausruhen. Nichts da; er beharrte darauf, mir nachmit-
tags zu Diensten zu stehen. Seine Züge erhitzten sich
unleidlich, als er mich rednergleich versicherte – wobei
er am anderen Zimmerende mit einem langen Lineal
gestikulierte –, wenn seine Dienste schon am Morgen
nützlich seien, wie vollends unverzichtbar dann erst
nachmittags?
»Meine Ergebung, Sir«, sagte Puter bei dieser Gelegenheit,
»ich betrachte mich als Ihre rechte Hand.
Morgens ordne ich meine Kolonnen ja bloß und lasse
sie aufmarschieren; am Nachmittag aber stelle ich mich
an ihre Spitze und attackiere unerschrocken den Feind.
So –«, und dabei führte er einen heftigen Stoß mit dem
Lineal.
»Aber die Kleckse, Puter«, insinuierte ich.
»Wohl wahr, – aber, meine Ergebung, Sir, seht dieses
Haar! Ich werde alt. Aus ein paar Tintenklecksen
an einem warmen Nachmittage sollte einem grauen
Haupte doch sicherlich kein allzu harter Vorwurf werden.
Das Alter – wenn es auch Kleckse macht – ist
ehrenvoll. Meine Ergebung, Sir, wir werden beide alt.«
Diesem Appell an mein Mitgefühl war kaum zu
widerstehen. Eines jedenfalls sah ich deutlich, gehen
würde er nicht. Darum entschied ich mich, ihn zu behalten,
beschloß allerdings, Sorge zu tragen, daß er sich
nachmittags mit meinen weniger wichtigen Schriftstücken
beschäftigte.
Kneifzange, der zweite auf meiner Liste, war alles
in allem ein ziemlich piratenhaft wirkender junger
Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, blaßgelb und
mit einem Backenbart. Er galt mir immer als das Opfer
zweier übler Mächte, seines Ehrgeizes und seiner Verdauungsschwäche.
Der Ehrgeiz äußerte sich in einer
gewissen Auflehnung gegen die Pflichten eines bloßen
Kopisten, einer unverantwortlichen Anmaßung rein
fachlicher Angelegenheiten, wie das selbständige Abfassen
rechtsgültiger Urkunden. Die Verdauungsschwä-
che bekundete sich wohl durch eine gelegentliche nervöse
Übellaunigkeit und grinsende Gereiztheit, was ihn
vernehmlich mit den Zähnen knirschen ließ, wenn
ihm beim Kopieren Fehler unterliefen; durch überflüssige
im Arbeitseifer mehr gezischte als gesprochene
Verwünschungen; und besonders durch eine ständige
Unzufriedenheit mit der Höhe seines Schreibtisches.
Trotz der ausgeklügelten Mechanik, gelang es Kneifzange
nie, mit dem Pult zurechtzukommen. Er schob
Holzspäne unter, diverse Keile, Pappkartonstückchen
und versuchte schließlich sogar eine letzte Feineinstellung
mit zusammengefaltetem Löschpapier. Aber es
verschlug alles nichts. Schraubte er sich zwecks Schonung
seines Rückens die Pultklappe in einem spitzen
Winkel bis fast unters Kinn und schrieb so wie ein
Mann, der das steile Dach eines Holländerhauses als
Tisch benutzt: – dann erklärte er, dadurch stocke ihm
die Blutzirkulation in den Armen. Senkte er den Tisch
alsdann bis zum Hosenbund ab und krümmte sich
beim Schreiben drüber, so bereitete ihm dies schlimme
Schmerzen im Rücken. Kurz, die Sache war die, Kneifzange
wußte nicht, was er wollte. Oder wenn er doch
überhaupt etwas wollte, so war es dies: des Pults eines
Schreibers gänzlich quitt zu sein. Unter die Symptome
seines krankhaften Ehrgeizes rechnete seine Vorliebe,
die Besuche gewisser, dubioser Gesellen in schäbigen
Überziehern zu empfangen, die er als seine Klienten
ausgab. Mir entging keineswegs, daß er zeitweise nicht
nur als bedeutender Bezirkspolitiker in Erscheinung
trat, sondern sich im kleinen hin und wieder bei den
Amtsgerichten betätigte und auch auf den Stufen der
Tombs kein Unbekannter war. Indes habe ich guten
Grund zu der Annahme, daß es sich bei einem Individuum,
das ihn in meinem Büro aufsuchte und das er
ebenso vornehm wie hartnäckig als seinen Klienten
bezeichnete, um nichts anderes handelte als um einen
Eintreiber und bei der angeblichen Eigentumsurkunde
um eine Rechnung. Doch trotz all seiner Schwächen
und der Unannehmlichkeiten, die er mir bereitete, war
mir Kneifzange, so wie sein Landsmann Puter, doch
überaus nützlich; er schrieb eine reinliche und flüssige
Hand und ließ es, wenn ihm der Sinn danach stand, an
feinem Benehmen nicht fehlen. Überdies ging er stets
wie ein Gentleman gekleidet und warf so nebenbei ein
günstiges Licht auf meine Kanzlei. Wohingegen ich bei
Puter meine liebe Not hatte, zu verhindern, daß er mich
blamierte. Seine Kleidung war speckig und roch nach
Speisehaus. Sommers trug er schlabberige, ausgebeulte
Hosen. Seine Röcke waren scheußlich, sein Hut unmöglich.
Doch während ich an dem Hut keinen Anstoß
nahm, da er ihn als Engländer in abhängiger Stellung
aus angeborener Höflichkeit und Ehrerbietung beim
Betreten des Raumes sogleich abzog, so stand es um seinen
Rock doch anders. In punkto Röcke redete ich ihm
gut zu, jedoch ohne Erfolg. Die Wahrheit lautete vermutlich,
daß es sich ein Mann mit diesem geringen Einkommen
nicht leisten konnte, so ein illusteres Gesicht
und einen illusteren Rock gleichzeitig spazieren zu tragen.
Wie Kneifzange einmal bemerkte, setzte Puter sein
Geld hauptsächlich in rote Tinte um. Eines Tages im
Winter beschenkte ich Puter mit einem hochanständigen
Rock aus meinen eigenen Beständen, einem wattierten
grauen Rock, der behaglich wärmte und sich
von den Knien bis zum Hals durchknöpfen ließ. Ich
dachte, Puter wüßte diese Gunst zu schätzen und würde
seine nachmittägliche Unbesonnenheit und Ungebärdigkeit
bezähmen. Aber nein. Ich glaube wahrhaftig,
das sich Einknöpfen in einen so flaumweichen und plümeauartigen
Rock übte eine verderbliche Wirkung auf
ihn aus; etwa nach dem Grundsatz, daß zuviel Hafer
Pferden schlecht bekommt. Genauso eigentlich, wie es
von einem stätigen, störrischen Gaul heißt, daß ihn der
Hafer sticht, so stach Puter der Rock. Er machte ihn
unverschämt. Puter war ein Mensch, dem Wohlstand
schadete.
Obwohl ich über Puters maßlose Gewohnheiten
meine heimlichen Vermutungen nährte, hegte ich hinsichtlich
Kneifzange doch die gewisse Überzeugung,
daß er, ungeachtet seiner anderweitigen Fehler, zumindest
ein enthaltsamer junger Mann war. Indessen
schien bei seiner Geburt die Natur selbst den Weinschenk
gemacht und ihn so gründlich mit einem reizbaren,
branntweinartigen Temperament gebeizt zu
haben, daß es keiner nachträglichen Zechereien mehr
bedurfte. Wenn ich mir vors Auge stelle, wie Kneifzange
inmitten der Stille meiner Räume manchmal
ungeduldig von seinem Sitz auffuhr, sich mit weit ausgebreiteten
Armen über den Tisch warf, das ganze Pult
packte und mit einem scheußlichen Schrammen ruckartig
über den Fußboden schob, als sei es ein widerspenstiges
und eigenwilliges Werkzeug, einzig darauf aus,
ihn zu schikanieren und zu piesacken, dann erkenne ich
sonnenklar, daß für Kneifzange Branntwein mit Soda
vollkommen entbehrlich war.
Günstigerweise äußerten sich Kneifzanges Gereiztheit
und die daraus folgende Nervosität infolge ihrer
besonderen Ursache – Verdauungsschwäche – hauptsächlich
am Vormittag, wohingegen er sich am Nachmittag
vergleichsweise verträglich zeigte. Da Puters
Anfälle erst gegen zwölf Uhr Mittag einsetzten, bekam
ich es mit den diversen Überspanntheiten der beiden
nie gleichzeitig zu tun. Ihre Launen alternierten wie
Wachtposten. Tat Kneifzange Dienst, trat Puters ab und
vice versa. Dies hatte unter den obwaltenden Umständen
die Natur sinnig eingerichtet.
Ingwerkeks, der dritte auf meiner Liste, war ein
etwa zwölfjähriger Bursche. Sein Vater, ein Fuhrmann,
wollte, bevor er starb, unbedingt seinen Sprößling auf
der Richterbank statt auf dem Kutschbock sitzen sehen.
Daher schickte er ihn für einen Wochenlohn von einem
Dollar als Studenten der Rechte, Laufboten, Putzjungen
und Auskehrer in mein Büro. Er hatte sein eigenes
kleines Pult, benutzte dies jedoch nur selten. Bei einer
Inspektion gab die Schublade eine große Menge verschiedenartigster
Nußschalen preis. Für diesen aufgeweckten
Knaben fand die ganze hehre Rechtswissenschaft
tatsächlich Platz in einer Nußschale. Nicht die
geringste unter Ingwerkeks’ Obliegenheiten und eine,
die er mit größter Eilfertigkeit beobachtete, war seine
Tätigkeit als Keks- und Apfellieferant für Puter
und Kneifzange. Da das Kopieren von Rechtsurkunden
ein sprichwörtlich dröges, austrocknendes Geschäft ist,
fühlten sich meine beiden Schreiber bemüßigt, ihren
Mund sehr häufig mit Spitzenbergs anzufeuchten, die
man an den zahlreichen Ständen beim Zollhaus und
Postamt erstehen konnte. Außerdem schickten sie Ingwerkeks
sehr oft um jenes spezielle Gebäck – klein,
flach, rund und stark gewürzt –, nach dem sie ihn genannt
hatten. An kühlen Vormittagen, wenn das Geschäft
nur mäßig lief, vertilgte Puter Dutzende dieser
Kekse, als wären es bloße Oblaten – man bekommt freilich
auch sechs bis acht Stück für einen Penny –, wobei
das Kratzen seiner Feder mit dem Knirschen der knusprigen
Krümel in seinem Mund verschmolz. Unter die
vielen nachmittäglichen Mißgriffe, die hastigen und
hitzigen Heftigkeiten Puters zählte auch, daß er einmal
einen Ingwerkeks mit den Lippen befeuchtete und
als Siegel auf einen Pfandbrief klatschte. Damals hätte
ich ihn um ein Haar entlassen. Doch er beschwichtigte
mich mit einer orientalischen Verneigung und sprach:
»Meine Ergebung, Sir, es war doch großzügig von mir,
Sie auf eigene Kosten mit Bürobedarf zu versehen.«
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