Das Witwenhaus von Askold Melnyczuk, 2008, Deuticke

Askold Melnyczuk

Eine Theorie der Wende
(Leseprobe aus: Das Witwenhaus, Roman, 2008, Deuticke - Übertragung Andrea Marenzeller und Martin Amanshauser

1

Wien, 1. Mai 2006, morgens

Der Grammatikfehler, der am weitesten verbreitet ist, ist die Lüge.

Das kam mir in den Sinn, als ich die Treppen meiner nahe der Oper gelegenen Wohnung hinuntereilte und etwas außer Atem in die frische Luft des ersten strahlenden Tages dieses Jahres trat.

Diese Lüge leben und atmen wir, dachte ich blinzelnd. An der Randsteinkante bückte ich mich und band meinen Schnürsenkel.

Ich war spät dran. Ich sah Silvias Brauenbogen vor mir, wie sie auf die Uhr über der Tür blickte, hinter der die Botschafterin in einer Besprechung saß. Ich starrte ins Licht – wie so viele noch vom Wetter der vergangenen Monate gefangen –, als ein dunkelhaariges Mädchen mit einem gelben Schal auf der anderen Straßenseite mir beinahe den Atem raubte. Ein Stich ins Herz. Völlig ausgeschlossen! Und doch war ich sicher, Selena. Sie spukte durch meinen Kopf. Ich hob die Hand, wollte ihren Namen rufen – auf gut Glück, denn das Leben ist voll unerklärlicher Wendungen –, als ein Pritschenwagen voll gehäuteter Hasen in Richtung Naschmarkt vorbeibrauste und meine Schuhe mit dem Regen von gestern bespritzte. Ein zweiter Lastwagen mit leuchtenden Import-Tomaten verstellte mir die Sicht. Ich starrte auf die für die Jahreszeit unpassenden Früchte, dann wieder auf meine Schuhe.

Um uns herum erhebt sich eine Syntax der Täuschung im öffentlichen Imperium der Zeitungen, des Fernsehens, des Internet. Unwahrscheinlich, dass sich daran etwas ändern wird. Dafür müssten auch wir uns ändern. Die Privatsphäre ist leider kein Hafen, der Schutz garantiert. Das hat mir mein Vater beigebracht.

Nicht mit so vielen Worten.

Er zog es vor, zu handeln.

Bevor er sich umbrachte – diese Woche vor genau sechzehn Jahren –, gab er mir einen Brief in einer Sprache, von der er wusste, dass ich sie nicht verstand. Ich war sein einziger Sohn.

Sein Besitz bestand aus dem Inventar einer staubigen Einzimmerwohnung, die er gemietet hatte, nachdem er seine Frau Sheila Donovan nach dreißig Jahren verlassen hatte. Die Einsamkeit meiner Mutter verstärkte sich durch die selbst auferlegte Isolation.

Sie war eine stolze Frau. Ihr kardamomfarbenes Haar und die hohen Backenknochen hätten Besseres verdient. Nachdem mein Vater sie verlassen hatte, weigerte sie sich, die Mitglieder ihrer Familie um Hilfe zu bitten. Alle – mit Ausnahme von Onkel Bill – hatten sie vor diesem schlaksigen Slawen mit den kalten lasurblauen Husky-Augen gewarnt, der eines Nachts in der Bar, in der sie arbeitete, hängen geblieben war. Auch ich hätte ihr abgeraten, wäre ich dabei gewesen.

Als die Lastwagen durchgefahren waren, war das Mädchen bereits Geschichte.

Beim Anblick des Parks gegenüber fühlte ich den Pulsschlag des neuen Wien. Die Bäume brannten darauf, ihre Blüten zu öffnen.

Der süße Schmerz des Frühlings. Die Stadt der Rentner hatte sich in ein kulturelles Mekka verwandelt. Überall UNESCO-Kulturdenkmäler.

Blonde, ultraschlanke Mädchen aus Prag stöckelten kichernd vorbei, gefolgt von Japanerinnen. Tulpensalven rund um Kastanien. Die Natur ergrünte wieder. Die Jugend Ost- und Mitteleuropas strömte scharenweise heran. Der Kunstmarkt boomte.

Nicht deswegen fühle ich mich zu Hause. Bis vor zehn Jahren lebten hier Verwandte von mir: meine Großmutter Vera und mein Onkel Kij.

Beide sind tot.

Nicht verschwunden ist hingegen der Schorf des Krieges, wofür ich allerdings dankbar bin.

Nur unter den Schuldigen kann ich frei atmen.

Im Frauenhuber trank ich einen Espresso und verschlang eine Dobostorte. Zu üppig für diese Tageszeit, doch mein Gewicht ist meine geringste Sorge.

»Zahlen, bitte«, winkte ich Franz, der lächelnd herbeieilte, um das Geld einzukassieren, mit dem er die Studiengebühren seines Sohnes zu zahlen gedachte. Höhere Schulbildung hatte hier kaum etwas gekostet, bis das sozialistische Europa sich für das amerikanische System entschied: Der Papa soll es blechen. Das Trinkgeld muss die Inflation ausgleichen, wenn ich zu den Einheimischen ein gutes Verhältnis haben will.

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