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Einsatz
(aus: Hiobs Spiel, Roman,
2002, Eichborn)
a) Einsatz
Der Arzt hieß Facundo. Facundo oder so ähnlich.
Er hatte kein freundliches Gesicht, eigentlich überhaupt kein Gesicht, aber er
war so dick und violett und ädrig, und die Gummischlaufe an der Kehle war so
hart, als der mongoloide Junge ihn in den Mund nehmen mußte und lutschen und
saugen, während der Zwiebelpfleger dem Jungen roh den Klistierschlauch einführte.
Walzer blechte im hellen Hintergrund.
Facundo grunzte und bewegte seine schlaffen Hüften.
Er strich dem Jungen durch das volle Haar, und als Facundos Augen hinter den
dicken Brillengläsern zuquollen, gab er dem Pfleger einen Wink. Der öffnete
feixend den Hahn und füllte den Jungen mit sengenden Flammen; der brüllte und
riß sich zuckend von den Schläuchen los. Am nassen, kalten Boden schlenkerte
er und quoll auf, bis seine Haut fettrosa wurde wie eine Wurst und Risse bekam.
Der Pfleger lachte seinen Zwiebelatem und drehte an der Einlaufdüse das
kochende Öl ab. Ein Tenor belferte durch die dicken tauben Steine.
Facundo war nicht fertig, er war unzufrieden, wurde schrumpelig und schlaff.
"Guillermo", keuchte er dem Pfleger zu, der bleckend lachte. "Laß
uns in die Zelle da drüben gehen und diesmal richtig böse sein."
Der Zwiebelpfleger nickte, packte die Schläuche unten in den Rollwagen und
schob ihn quietschend zur nächsten Tür. Ein Blick durch die Luke. Zwei Kinder,
die dort im Unrat schliefen. Mädchen. Zwei Mädchen. Der Geruch ihrer
Exkremente war berauschend. Facundo schwoll wieder an, und die beiden betraten
nebeneinander den Ort, wo alles erlaubt war, und schlössen hinter sich ab. Der
Sänger walzerte hängend immer wieder wieder wieder. Es war Carneval Joselito.
Der Mongoloide lebte noch, in einer Pfütze aus geschmolzenem Fleisch. Er träumte
von den Heiligen. Vom Karneval. Wieder. Wieder. Wied.
Hinter der dicken tauben Backsteinmauer des
Krankenhauses Moabit begann ein routinierter Montag. Draußen war Januar,
schneelos, die Sonne stach hinterlistig zwischen grauen Wolkenfetzen hervor, und
hinter den aseptischen Glasschiebetüren wallte der monotone Straßenlärm. Der
junge Mann ohne Papiere, der am Donnerstag in der Nazarethkirche mit
apoplektischen Symptomen zusammengebrochen war, hatte am Sonnabend einer
Aushilfsschwester den qualligen Kartoffelbrei ins Gesicht gedrückt und seinen
asthmatischen Bettnachbarn mitsamt der Matratze aus dem Bett geworfen, um seine
Gesundheit zu demonstrieren und seine Entlassung zu beschleunigen. Die
Untersuchung durch den Ordnungsdienst am Sonntagmorgen ließ er nervös und
fahrig über sich ergehen, gab seinen Namen einmal so und einmal anders an,
schenkte einem schnurrbärtigen jungen Uni-Formpolizisten seine baumwollene
blaukarierte Holzfällerjacke und konnte gehen.
Die Sonne warf ihn mit winterlicher Wucht fast wieder in die sich schließende
automatische Tür zurück, aber mit dem linken Arm vorm Gesicht kam er am Pförtner
vorbei, ohne allzuviel Aufsehen zu erregen. Er rannte die Birkenstraße
hinunter, schlüpfte an streitenden jugendlichen Türken vorbei in die
U-Bahnstation, kurz bevor es draußen kalt zu regnen begann, fuhr drei Stationen
schwarz bis zum Leopoldplatz, schaute dort, ob die Linie nach Alt-Tegel gerade
einlief, was aber nicht der Fall war, sprintete durch karstadttütenbehängte
Wintermantelmütter hindurch die Treppen hinauf und rannte im gallert-öligen
Platzregen an der immer noch vibrierenden Nazarethkirche vorbei die Müllerstraße
bis zur Amsterdamer Straße hinauf. Dort warf er sich gegen die Tür von Nummer
9, bis sie aufknackte, und lief zu seiner Wohnung im Quergebäude hoch. Mit nach
Krankenhausseife riechendem Schweiß in den Augen trat er seine eigene
unbezeichnete Wohnungstür ein und kam gerade noch rechtzeitig, um der fellos
fleischigen Katze, die vorne an seinem Fernseher hing, mit einem splintigen
Baseballschläger das Gehirn über die Mattscheibe zu dreschen und den
aufzuckenden Kadaver an den Stromkreis der Modelleisenbahn anzuschließen, bis
das Ding mit der Stimme von Kathleen Byron zu reden anfing.
"Guten Montag, guter Montag, mein hübscher Lieb-Haber", schnarrte der
rosafarbene, nackte Leib, "spielst du noch immer mit Weiß? Brauchst du ein
Brett?" Der junge Mann ließ sich nach hinten aufs ungemachte Bett fallen,
strich sich durchs nasse Haar und gönnte sich die ersten Sekunden der
Entspannung seit fünf oder sechs Tagen.
"Ist dir nach Plaudern zumute, Widder? Du willst doch nur von der Tatsache
ablenken, daß ich dich erwischt habe. Was wolltest du vom Fernseher?
Kulenkampffs knisternde Seele rauslutschen?"
Das pulsierende Katzenaas lachte, bis ein paar offenliegende Schenkelsehnen
rissen. Die Stimme wurde tiefer. "Ich wollte Porno-Kabel sehen. Hast du
Porno-Kabel?"
"Denkst du, ich könnte mir das leisten? Niemand bezahlt mich."
"Du und ich, wir könnten wieder Porno-Kabel werden. Würdest du
wollen?" Der Mann richtete sich auf die Ellenbogen auf. "Komm jetzt,
Widder. Gib mir meine Karten."
"Wie du willst, süßer Scheißer. Versuch es in Barranquilla. Dort ist
Carneval Joselito, oh Mama, da ficken die Leute ü-ber-all!"
"Kolumbien? Eine Drogengeschichte?"
Die Katze lachte schmatzend. "Nein. Eine Gruselgeschichte. Sie schlachten
dort Menschen und werfen sie weg, und man soll nie wegwerfen, was man noch
brauchen könnte."
"Shit." "Ja, genau. Bleib mir treu, mein Kleiner. Du weißt
genau, daß nur ich dich wirklich glücklich machen kann."
Mit der schmierigen Imitation eines Hundebellens wich alle Bewegung aus der
Katze, und der junge Mann riß das Ding von den Schienen, wickelte es mitsamt
ein paar Schafgarbenzweigen in Alufolie und preßte es tief in den Mülleimer.
Er löste vier orange-sprudelnde Vitamintabletten in einem gesprungenen Glas mit
Wasser, kippte das Gesöff herunter, dachte kurz nach, holte sein Kampfmesser
unter dem toten Kohleofen hervor, pustete die Staubmäuse runter, stürmte aus
der Wohnung und zwei Etagen weiter nach oben.
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