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Der balue
Kristall
(aus: Der blaue Kristall,
Roman, 2004, Eichborn)
Staunend bemerken wir, daß wir
imstande sind zu reden, ohne die Stille zu brechen.
Wir müssen im Kern der Stille sein.
Mein Vater hat mich nicht dazu angehalten, daß ich Steinesammler werde, Steinesammler wie er, aber ich bin einer geworden. Oder hat er es doch getan, und mir ist es nicht aufgefallen? Hat er sein Bemühen nur zu verschleiern gewußt? perfekt zu verbergen in der Stille, die ihn umgab? Meine Erinnerung an ihn besteht zu großen Teilen aus Stille. In der Woche und an den Sonnabenden habe ich ihn kaum gesehen. Er ist morgens zeitig in die Universität gegangen und ist abends spät zurückgekommen, manchmal erst nachts, meist habe ich schon geschlafen. Nur an den Sonntagen ist mein Vater zu Hause gewesen, doch hat er dann kaum geredet, weder mit mir noch mit meiner Mutter. Er hat auf dem großen, ausziehbaren Wohnzimmertisch unserer kleinen Wohnung seine Papiere ausgebreitet und hat überlegt und geschrieben. Und ich, ich habe währenddessen den Fernseher nicht anschalten dürfen, das hat zu jenen Gesetzen gehört, mit denen ich aufgewachsen bin, daß ich sonntags, wenn mein Vater zu Hause zu arbeiten hatte, wenn er nicht unfreundlich, aber doch stumm über seinen Papieren saß, den Fernseher nicht habe anschalten dürfen.
An manchen Tagen habe ich meinen Vater in der Universität abgeholt, aber das habe ich nur getan, weil meine Mutter mich darum gebeten hat, ich habe dort, in der Universität, nichts mit mir anzufangen gewußt. Das einzige im großen, weit verzweigten Gebäude, was mich interessiert hat, ist ein riesiger Stein gewesen, der im Foyer auf einem Holzgerüst geruht hat. Jenes Gerüst hatte extra für den Stein gezimmert werden müssen, erst dadurch, erst durch seine ungewöhnliche Hervorhebung hat er seine volle Bedeutung erlangt.
Genaugenommen hat es sich um die sauber getrennte Hälfte eines gewaltigen Steines gehandelt. Wo hat sich die andere Hälfte befunden? Ist sie identisch mit der ausgestellten Hälfte gewesen? oder war da eine Deformation, eine Entstellung? oder ist sie, jene andere Hälfte, vielleicht geborsten gewesen? Das weiß ich bis heute nicht. Es ist auch unwichtig. Ich frage es nur aus einer spärlich aufflackernden, bedeutungslosen Neugier heraus, ich frage, ohne nach einer Antwort zu verlangen.
Die ausgestellte Hälfte hat mich immer an einen Mund erinnert. Oben und unten, auf den spröden, rauhen Lippen des Riesenmundes, haben tausend kleine Kristalle gefunkelt. In der Mitte aber ist der Mund glatt und eben gewesen, geschliffen wie die Oberfläche einer Eisbahn. Natürlich war der Stein dieses erstaunlichen Kontrastes wegen getrennt worden. Nach dem Schnitt durch seine Eingeweide hat er allen seine grandiose Vielfalt, seine überraschende Schönheit offenbaren sollen. Und ist das nicht geschehen? hat er nicht bei jedem Angestellten und bei jedem Besucher der Universität ein Wundern und Freuen, ein stilles Jubilieren hervorgerufen? Nein, nicht bei jedem, mich hat er beunruhigt. Dieser Koloß hatte etwas mühsam Unterdrücktes. Obwohl er halbiert, also geöffnet worden war, ist er mir weiterhin kompakt, völlig geschlossen erschienen. Ich habe gemeint, noch immer gebe er nur seine Oberfläche zur Betrachtung frei. Verbarg er etwas?
Rezension I Buchbestellung I home IV04 LYRIKwelt © Eichborn