Schlafwandel von Helen Meier, 2006, Ammann

Helen Meier

Schlafwandel
(Leseprobe aus: Schlafwandel, Erzählung, 2006, Ammann)

Davide Signoretti war tot, und für Nora Korn, seine Geliebte, änderte sich das Leben und das Erinnern. Davides letzte zwei Lebensjahre, in denen er zu kränkeln begonnen hatte, hatten ihre Meinung verstärkt, durch die katholische Kirche eines wichtigen Teils ihrer Jugend beraubt worden zu sein. Ihr Zorn über Nichtgelebtes trieb sie, ein Stück über einen Papstmord zu schreiben, und das ohne jede Schreiberfahrung. Zu ihrer Überraschung wurde es angenommen. Nora saß einige Zeit danach mit dem Intendanten, der Dramaturgin Frau Claassen, der Regisseurin und einem Mann unbestimmter Aufgabe im Restaurant, das neben dem Theater in einem kleinen Park lag. »Erzählen Sie uns, was Sie sich beim Schreiben des Stücks gedacht haben«, sagte die Regisseurin. Nora, verwirrt, beschämt, daß sie sich nicht mehr genau erinnerte – hatte sie es in Trance oder Trauer hervorgewürgt, in einer Art von Tollheit oder Trotz hingeschmettert –, fing an, über die Vernichtung des Symbolträgers anstelle seiner Lehre zu stammeln, spürte die Dünne der Argumentation, verhaspelte sich, fühlte sich unbehaglich. Der Intendant runzelte die Stirn, schürzte die Lippen. »Frau Claassen«, sagte er, »erklären Sie uns das Stück, es hat einige schwache Stellen, aber es läßt sich daraus etwas machen.« Die junge Frau krauste ihr Näschen, Rosenröte überflutete sie, nervös strich sie die Haarwelle hinter das Ohr, begann zu sprechen, wurde ruhig, und Nora hörte etwas ganz anderes als das, woran sie je gedacht hatte. Das Stück erschien ihr wie neu geschrieben, geistreicher, dichter, es bekam Form, die einer Aufführung wert war. Die handelnden Personen wurden zu Menschen, zu Wütenden, zu Suchenden, Irrenden, zu Bajassen, zu Ho‡enden, Verzweifelten. Und von diesen Augenblicken der Betrachtung und Bewunderung der schönen Vortragenden, den Augenblicken der Bezauberung durch ihre Redegewandtheit, wachte in Nora das auf, was an jenem Nachmittag weder Gedanke noch Ahnung war.

Davide war tot, und tot war er zwischen Sekunden und Ewigkeiten gewesen. Von einem Augenblick auf den andern war Mutter gestorben. Altersvorsorge erschien Nora sinnlos. Sie gab ihren Beruf als Bibliothekarin auf. Durch einen Bekannten, wie sie aus der Kirche ausgetreten, kam sie in Kontakt mit der Interkantonalen Humanistischen Sozietät. Das Ziel der IHS war, das Bedürfnis nach Hochzeitsfeiern und Abdankungen, nach Kerzenschein, Weihrauch, Taufwasser, Orgelmusik ohne die Rituale der Kirche zu befriedigen. Der Gedanke, einmal ohne Zeremonie fortgescha‡t zu werden, schien für manche der Konfessionslosen unerträglich zu sein. Nora organisierte Totenfeiern, verfaßte Nachrufe, wählte die dazu passende Musik. Sie ho‡te, ihre Aufgabe, jene Worte, die sich auf ein Leben im Jenseits richteten, auf die Erde zurückzubringen und sie dort zu belassen, würde ihre Trauer um Davide mildern.

Die Theatersaison begann, das Stück wurde aufgeführt. Mehr Verrisse als Lob bekam es. Ihm fehlte eine Szene, bei der über den Heiligen Stuhl gelacht und der Grund für die Tat der Frau unzweifelhaft verstehbar wurde. Nora und Frau Claassen verloren sich aus den Augen. Sie versuchte, sich an den Verlustschmerz zu gewöhnen, besuchte Mitglieder der IHS, die von Todesfällen betro‡en auf Hilfe ho‡ten, verfaßte Lebewohlreden. Morgens schaltete sie den Kultursender ein, hörte sich vom »Schubert Almanach« bis zu »Das Neueste aus Forschung und Wissenschaft« alles an, was für einen Augenblick die Richtung ihrer Gedanken änderte. Nach dem Besuch bei Hinterbliebenen in Zürich fuhr sie mit dem Tram zur Wohnung von Frau Claassen. Sie war zu Hause, freudige Röte überzog ihr Gesicht, ihre Augen leuchteten. Sie entkorkte eine Weinflasche, Nora, die wie immer sich in der Stadt zu warm angezogen fühlte, warf den Mantel über einen Stuhl. Die karg eingerichtete Wohnung war die einer Studentin, Bücher, Bücher überall, Musikanlage, Computer, Papiere, Zeitschriften, Zeitungen. Sie fielen in ein unangestrengtes, rasches Kommen und Gehen von Gedanken, assoziativ sich aneinanderreihend, unvorhersehbar ausbrechend, hüpfend. Vertrautheit entstand, als ob sie schon lange befreundet wären, sie wechselten vom Sie zum Du. Mit Celestina zu reden war eine Lust, Nora bekam Einfälle, die sie selbst überraschten. Sie setzten sich nebeneinander aufs Sofa. Mut unbekannter Herkunft packte Nora – Celestina war zartgliedrig, schmal, wie ein Mädchen sah sie aus, eine kecke, übermütige, auch scheue Elfjährige, zugleich schien sie eine seltsam sinnliche Frau zu sein, die wußte, was es zu wissen gab – woher Nora den Mut bekam, kümmerte sie nicht – sie küßte Celestina, streichelte ihre Brüstchen, zuerst wie viereckig, wurden sie allmählich rund. »Wie kann ich jetzt zu Foucault gehen?« Es kam das melodiöseste Lachen, das Nora je gehört hatte. – »Wer ist das ?« – »Ein französischer Philosoph. Ich leite ein Kolloquium, an dem wir über seine Texte nachdenken. Mittels Foucaultscher Denkstrategien sollen Studierende das Denken üben« – ihr leises Lachen, galt es jenen armen Anfängern oder ihr, Nora? – »Wie sieht denn so ein Text aus ?« – Nora las ihn und erschrak, als fiele sie bei einer Prüfung durch. Sie verstand nur Worte. »Darf ich dich begleiten?« fragte sie. An der nahen Universität, in die sie allein nie einen Fuß gesetzt hätte, nahmen sie einen Hintereingang, es ging durch Gänge, treppauf, treppab, sie gelangten in einen Raum, wo Studenten warteten. Celestina begann mit geschickten Fragen Lichter in das Dunkel zu setzen, ignorierte das Stammeln der Teilnehmenden, entwirrte ruhig das Unverstandene, führte Abschweifende auf die Gedankenwege zurück und die sich zu Wort Meldenden in ihre persönliche Klarheit. Nora war begeistert, riß sich los, hob die Hand, verließ leise den Raum. Zu Hause fühlte sie Gewissensbisse. Was hatte sie getan? Eine unerfahrene junge Frau auf den, nein nicht den Pfad, auf das Glasdach des Verderbens gelockt? Noch nie hatte sie mit einer Frau derart geküßt. Welche Macht hatte sie überwältigt? Sie entschuldigte sich am selben Abend durchs Telefon. Celestina schien es nicht zu hören, eilte darüber hinweg mit entzückendstem Lachen, in dem Nora hörte, daß die junge Frau kein Mädchen mehr war.

Rezension I Buchbestellung I home II06 LYRIKwelt © Ammann