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Die
Rasur
(Leseprobe aus: Hermes
Baby, Geschichten und Essays, 2006, Ammann)
Auch
an diesem Donnerstag, der auch ein Mittwoch sein
könnte, aber niemals ein Freitag, liege ich unter meiner
Bettdecke in Los Angeles und höre das Summen des fernen
Verkehrs von der Franklin Avenue bis hinunter zum Hollywood
Boulevard. Im ersten Licht des Morgengrauens sind die
Bäume, die vor dem Fenster wuchern, noch fast schwarz.
Nachdem ich den Entschluß zu einer Körperdrehung über eine
Minute lang in mir reifen ließ, gelang mir die Ausführung zufriedenstellend,
und ich liege jetzt dem Fenster abgewandt in
meinem Bett.
Wie ich diesem Tag irgendeine Form von Sinn gebe, weiß
ich noch nicht. Zähne putzen, heiße Dusche, das ist doch
schon mal was. Dann wird die Entscheidung anstehen, ob ich
mich rasieren oder die Bartstoppeln in den dritten Tag hinein
stehen lassen soll. Tatsächlich bin ich nach dieser Frage noch
einmal eingeschlafen.
Die Sonne wirft goldene Lichtstreifen durch die Jalousien
an die Wand. Seit dem Entschluß, mich zu drehen, muß über
eine Stunde vergangen sein. Ich sitze jetzt auf der Bettkante und
warte auf den Tag. Ich entscheide, ihn noch nicht zu beginnen,
und lege mich noch einmal nieder. Die tief brüllende Hupe
eines Feuerwehrautos bringt Abwechslung in die vierte Minute
nach acht, die meine Armbanduhr auf dem Nachttisch anzeigt.
Ich überlege, ob es bis zum Nachtessen, das ich mit einem Dry
Martini erö‡nen werde, etwas zu tun gibt, das allein schon deshalb
sinnvoll wäre, weil es sein muß. Liegt noch Brot in der
Büchse, unten in der Küche neben der Ka‡eemühle ? Leider ja.
Auch Olivenöl, das ich zum Frühstück auf das getoastete Brot
tropfe, habe ich erst vor zwei Tagen eingekauft.
Wie Sie vermuten, verehrter Leser, suche ich nach einem
Grund, der die Fahrt zum Supermarket rechtfertigen würde.
Sicher könnte ich auch hinfahren und etwas kaufen, das ich
nicht unbedingt brauche, aber das wäre nicht das gleiche, weil
diesem Vorgang die Notwendigkeit im gleichen Ausmaß
fehlte, wie er allen anderen Verrichtungen fehlt, die dem Meiermach-
schon an diesem Donnerstag in Aussicht stehen.
Oh, wie ich mich sehne nach den Tagen, die durch Arbeit
an einem Film einen wie auch immer oberflächlichen Sinn hatten
und eine Struktur. Oh, wie ich es liebe, irgend etwas losgetreten
zu haben, das eine Eigendynamik erhält und damit
den endlosen Zweifel beendet, der mich sonst bei fast allem
Tun an die Grenzen der Verrücktheit führt, die dann aber umgekehrt
als Ebene, von der aus mir das Schreiben erst möglich
ist, eine Bedeutung hat. Ja, ich liebe ihn, den Rhythmus, wo
ich immer mit muß, und wenn ich ihn habe, weiß ich nichts
Besseres, als ihn zu meiden, um wieder am Morgen im Bett
zu liegen, voller Sehnsucht nach einem Sinn aufzustehen, die
Bettdecke auf den Stuhl neben das Fenster zu legen und die
Stationen des Tages zu planen. An diesem Donnerstag habe
ich mich dann doch rasiert, nicht weil mich die Bartstoppeln
gestört hätten, sondern weil ich es genießen wollte, etwas so Sinnvolles zu
tun.
Rezension I Buchbestellung I home III07 LYRIKwelt © Ammann