Zweimal Ortwin von Inge Meidinger-Geise, 192, GeyInge Meidinger-Geise

FREIWILLIG
(aus: Zweimal Ortwin, Erzählungen, 1982, Gey Verlag).

Er sah uns nicht an, als er sich mit einem Handwinken im Flur verabschiedete.
In dem braunen Hemd wirkten seine Hängeschultern noch lächerlicher als
sonst, seine Hände, die unfähig blieben, einen Nagel einzuschlagen, baumelten
verlegen. Diese Mützen, murmelte meine Großmutter, warum müssen sie denn mit
solchen Mützen marschieren!

Es war Sonntag. Wir gingen nicht spazieren. Meine Mutter versuchte nicht, mit mir zu
spielen. Wir sahen aus dem Fenster ab und zogen die Köpfe ein, wenn wir die
Familienväter, im Straßenanzug Hand in Hand mit Frau und Kindern schlendernd,
betrachtet hatten. Am Nachmittag, als wir den Kuchen aßen, der mit den wenigen
Zutaten doch ganz gelungen war und schmeckte fragte meine Mutter über den Tisch: Ob es
jetzt schon zu Ende ist?

Ich hatte gesehen, wieviel Briketts meine Großmutter in den Tornister geschichtet
hatte. Vorher hatte sie ein Brikett abgewogen und danach, bis es dreißig Pfund
ergab, füllte sie ab. Mein Vater rieb seine Füße mit Hirschtalg ein, band feine
Leinenlappen um die Fersen, zog dann die grobgestrickten Strümpfe an, darüber die
Schaftstiefel. Mein Vater stand in der Küche, sie halfen ihm beide, meine Großmutter
und meine Mutter, den Tornister anschnallen. Mein Vater wankte zuerst ein
bißchen, aber dann stand er vor uns und so gerade er konnte. Sieh dich vor, sagte
meine Mutter. Er antwortete nicht. Sein Gesicht war jung und ernst, so ähnlich,
wie auf seinem Schülerbild, als sein Vater schon im Feld war.

Als wir in den Abend warteten, mußte ich immer wieder an die Briketts denken. Einmal
lachte ich los. Man fragte mich nicht, weshalb. Meine Großmutter hielt Wasser
warm auf dem Gasherd. Meine Mutter hob immer wieder den Deckel von dem tiefen
Teller, in dem angemachtes Tatar duftete. Die unregelmäßigen Schritte die Treppe
hinauf hörte ich zuerst. Ich riß die Tür auf. Mein Vater hielt vor den letzten
Treppenstufen an. Er sah auf seine verdreckten Schaftstiefel, schob die kantige
Mütze aus der rotgebrannten Stirn und atmete vor sich hin. Komm bloß rein, rief
meine Mutter, versuchte ihn zu ziehen, wollte weinen, weinte nicht. Meine Großmutter
hatte eine kleine Wanne mit heißem Wasser gefüllt und einen Stuhl bereitgestellt.
Die Frauen hoben langsam und seufzend den Tornister weg. Mein Vater hatte überhaupt
keine Schultern mehr, das braune Hemd klatschte schweißnaß an ihm. Die Frauen
zogen ihm ächzend die Stiefel aus. Das weiße, tote Fleisch hing von den Fersen,
die Leinenlappen waren blutig. Mit Watte tupften ihm meine Großmutter und meine
Mutter die Füße ab, mein Vater bog sich nach hinten, er fletschte die Zähne, er
gurgelte etwas hervor, niemand verstand es.

Hast du es denn bis zuletzt geschafft, fragte meine Mutter. Mein Vater nickte.
Dann hörte ich deutlich: Diese elende Scheiße, dieser Blödsinn. Ich sah in
das Blutwasser, als die Frauen meinen Vater aus der Küche führten. Sehr lange
war ich allein. Ich mußte daran denken, als mein Vater sich am hellichten Tag
weinend, geschüttelt von rauhen Tönen, in das noch ungemachte Bett geworfen
hatte, weggewendet vom Tag, von der Großmutter, von mir. Auf dem Tisch lag
der Brief . Meine Mutter hatte am Abend gesagt: Wir hungern ja nicht, meine
Aushilfsstelle geht noch über drei Wochen, bewirb dich woanders. Später hatte mein
Vater nicht mehr geweint. Es dauerte zu lange. Jahrelang . Es kamen immer wieder
solche Briefe. Meine Mutter bekam immer wieder Aushilfsstellen.

Aber jetzt gäbe es neue Aussichten, sagte meine Mutter, natürlich nicht für jeden,
dafür müsste man schon was tun, Mitglied werden, mitmarschieren. Mein Vater durfte
nicht mehr damit warten, sagte meine Mutter.

Wir machten kein Licht. Wir saßen in der Küche, auf der Strasse hörte man die
Schlenderschritte der Sonntagsgänger. Er kriegt einen Mitgliedsausweis, sagte meine
Mutter, er hat es mir gesagt, bevor er einschlief, aufgrund des freiwilligen
Gepäckmarsches der SA-Anwärter ist das geregelt. Der Kuhn, der ihm die stelle
besorgen will, hat dann jetzt etwas in der Hand ...
Meine Großmutter goss das blutige Wasser weg und trocknete sich lange die Hände.

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