Mariella Mehr

aus: Silvia Z.
(Ein Requiem)

mutter:

kein weisser schnee fiel,
wüsste nicht wohin
er hätte fallen sollen,
ich tat nur immer meine pflicht,
mein pflichtchen,
mein süsses pflichtchen,
oh meine mütterleinspflicht
in aller mütterlicher unschuld.
kein schüldlein kroch mir in den nacken,
der ward gebeugt von gottes hand und gnaden.

(beginnt zu beten)

gnädiger gott gib meiner verirrten tochter ewigen frieden...

(wiederholt den satz mehrere male, aber beinahe 
unverständlich, etwa so,als würde sie gurgeln)

(schreit dann plötzlich laut und sehr präsent)

WAS WILL SIE EIGENTLICH!
DIE TOTE,  HIER,  IN  MEINER  NIEMANDSZEIT!

 

monolog der tödin auf die frage der mutter

tödin:

was will der mensch
wenn er zurück zum menschen kehrt?
was will der mann von seiner frau
die frau vom manne?
was will die tochter denn
von ihrer mutter
und diese wiederum von ihr der andern frau?
was will der sohn von vätern
diese von den söhnen
was treibt sie alle aus dem totenreich
zurück zu fragen
wie diese hier die tochter
der mutter nur als bastardin bekannt
und ungeliebt auch sie die mutter?

gefährlich grausam sei die handlung leben
so lehrt die macht sie lehrt mit schlauem wort
dass ohnmacht ewig krieche im staub der einfalt

FUEHRERGLAEUBIGKEIT UND STIEFELWICHS
so lehrt die macht
bewahrt den menschen vor der handlung leben
und FUEHRERFLUCHT  DESERTION
verbrecher nennt sie den
der eignes leben will
als eigne handlung
so kehrt zurück ins leben
was als handlung nur den tod erkannt
zu suchen eine unschuld
die das totenreich zum paradies erklärt
und trifft in kalten räumen
wieder macht und führergläubigkeit
und eine handlung
die vollzogen werden will
das leben

sie sind der zustand
den sie zu hassen glauben
das kreuz an dem sie hängen
sie sind die scheiterhaufen galgenbäume
kanonenfutter einheit der macht und ohnmacht
im körper aufgehoben sind sie
ohne es zu ahnen
und suchen jenen teil
der handlung erst ermöglicht
freiheit

freiheit der unschuld
freiheit der unversehrten worte
freiheit der handlung
dass macht nun endlich krieche im selben staub
wie vormals ohnmacht
dass alles fleisch den freien körper meint
und nichts als diesen freien körper der
zur unzucht gezwungen mit der macht
nur mehr zum hass befähigt
und zur tödlichen tat
nicht weiss dass handlung ungelebt
nie nachgeholt
erlebt getan und abgeschlossen werden kann

(1986)

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