Sternwerdungssage von Nikola Anne Mehlhorn, 2002, FVANikola Anne Mehlhorn

aus: Sternwerdungssage

Luzifer Lichtbringer Stern des Morgens Fürst der Finsternis. Wären wir uns nie begegnet. Wäre der Tag, an dem alles begann, niemals angebrochen!

Es war Abend. Wir saßen am hölzernen Eßtisch.
Mein Vater brach das Brot und sagte:
"In euren Augen spiegelt sich mein Bild, das ich nicht ertrage."
Meine Mutter schloß ihre Augen und schwieg. Ich schob mißmutig den Stuhl nach hinten und nahm mein Grogglas.

Draußen war eine kühle, klare Nacht. Arneb und Nihal schimmerten durch die nackten Zweige der Weide. Ich setzte mich auf die Friesenbank und prostete ihnen zu: "Moin moin."
El Arneb, der Hase, den Hermes an den Himmel schoß, damit Orion etwas zu jagen hatte. Nihal, die Kamele zum Auf?dem?Meer?Reiten.
Plötzlich ertönten zwei Schüsse im Haus. Ich trank das Grogglas aus und stellte es ab.

Unser großes Gutshaus auf der Griesenwarft, das am Ende seiner Kastanienallee mit dunklen Efeumauern über Watt und Wiesen sah, war nun taghell erleuchtet.
"Wi mut leider kiek in", sagten Sanitäter und Polizisten.
Sie putzten sorgfältig ihre Schuhe ab, drängten in
die geräumige Diele und redeten leise miteinander.
Kriminalkommissar Lehnert, der als letzter erschien, bestaunte die groteske Lage meines Vaters, das viele Blut meiner Mutter, murmelte von mutmaßlichem Doppelsuizid, schüttelte tadelnd sein kahles Haupt und nahm einen Kaffee in Empfang.

Währenddessen hörte man aus der Küche unsere alte Haushälterin. Sie jammerte in ihrem Herrgottswinkel unter Votivbildchen und Kruzi?xen wie eine aufgeschreckte Äf?n. Sprach man sie an, legte sie beide Hände auf die Ohren und kniff ihre Augen zu. Alles deutete darauf hin, daß sie ahnte, was gleich geschehen sollte.
Ich kochte Kaffee auf dem rußgeschwärzten Ofen und nahm Tassen aus der Anrichte.
Da stand ein junger Sanitäter vor mir. Er war blond, hatte volle Lippen und helle Augen. Ich sah ihn an und sah ihn an und sah ihn an. Dann ?elen mir die Tassen aus der Hand.
Daß Ole einen Klumpfuß hatte und die ganze Küche nach Pech und Schwefel roch, bemerkte ich nicht.
Stieg vielmehr in meine Gummistiefel und lief, so schnell es ging, zum Hühnerstall.

Als ich die quietschende Tür öffnete, saß der Hahn in der Dunkelheit auf seiner Stange und ?uchte vor sich hin. Daß Papageien sprachen, wußten alle. Daß ein Hahn sprach, war neu. Unser Hahn hatte lange Beine, üppige Kehllappen und sprach undeutlich:
"Trau schau wem", meinte man heute zu verstehen.

Spätnachts, im stillen Haus, stand ich vor einem Lyriktäfelchen meiner Mutter. Sie hatte viel und gerne gedichtet. Hätten wir gewußt, daß sie so früh sterben würde, hätten wir es vielleicht gelesen.
Zwischen Küchentür und Holztreppe hing:
alles ist variation /auf
ein unbekanntes thema.
Schräg darunter mit dunkler Tinte auf blauem Stoff:
erkalten / lange vor
dem tod / wer nicht?
Ich sank schwach auf die unterste Treppenstufe.
Es war, als sollte der Tod meiner Eltern das Unglück auf mich aufmerksam machen.

Am nächsten Morgen fuhr Ole, der Sanitäter, auf den Hof. Es war ein grauer, windiger Tag. Ein Gewitter nahte und rumpelte bereits, als ob jemand oben Möbel rückte.
Ole parkte seinen Krankenwagen unter den hohen Kastanien, zog eine dunkle Jacke über seinen weißen Dienstkittel und kam zum Haus.
Ich band hastig mein helles Haar zum Zopf und öffnete die Windfangtür, ehe Ole klopfen konnte. Er hielt mir einen Mistelzweig entgegen. Der Mistelzweig zitterte:
"Gegen Blitz Krankheit Verhexung - und selbst geschnitten!"
"Mörder!" sagte ich, "P?anzen zu köpfen."
Ole hatte rote Flecken im Gesicht.
"Wir machen es anders als die anderen", sagte er und atmete schwer.
Es donnerte.
"Die Angst vor Fehlern ist auch ein Fehler."
"Nicht geschossen ist immer daneben!" rief Frau Hedwig laut aus der Küche.
Ich zog Ole ins Haus, schob Frau Hedwig aus der Küche und schloß die Tür zwischen der Alten und uns.
Wir sanken auf die warme Ofenbank, Bein an Bein, und Ole machte mir seine erste Liebeserklärung.
Die erste der vielen, die ich so liebte, von Anfang an.
"Einst", begann er, "hatte Gott schlechte Laune. Auf der Erde war zum einhundertneunundsiebzigtausendsten Mal Krieg, und bei dem Lärm konnte Gott einfach nicht schlafen. Als er so schlaflos dalag und überlegte, wie er die Drachensaat strafen könne, ?el ihm etwas Gutes ein: Er nahm Unmengen von Orangen und ein scharfes Messer. Damit schnitt er die Orangen durch, mischte die Hälften und warf sie auf die Erde. So, rief er hinterher, ihr dürft suchen! Da hörte man von der Erde ein lautes Klagen. Denn all die Orangen waren Menschenpaare gewesen. Rund und glücklich, und nun geteilt und verzweifelt. Sie irrten auf der Erde umher und suchten und riefen. Und man weiß, wie groß die Erde ist und wie klein eine Orange! Gott aber saß oben und freute sich. Seine schlechte Laune war verraucht, und er schloß zum Zeitvertreib mit Luzifer die Wette ab, wie viele Paare sich wieder?nden würden. Diese Wette gilt bis heute. Und heute ist etwas passiert..."
Ole beugte sich zu mir und küßte mich unbeholfen auf die Wange.
"Heute ist etwas passiert", wiederholte er und küßte mich auf den Mund.
Ole war kein guter Mensch; sein Reden wich von seinem Tun ab. Aber das sollte ich erst merken, als es zu spät war.

Im Siwan zog er bei mir ein.
Unser großes Gutshaus auf der Griesenwarft, das am Ende seiner Kastanienallee mit dunklen Efeumauern über Watt und Wiesen sah, war nun meins.
Frau Hedwig hatte das Elternschlafzimmer für uns hergerichtet. Laken aufgeschüttelt und Fenster gekippt. Das Frühlingstschilpen der Meisen erfüllte den Raum.
"Das Zimmer?" fragte Ole, stellte seine Koffer ab und stockte vor der Tür.
Er trat zögerlich ein und bestaunte die Stuckdecke und den Dielenboden gebührend. Über dem frisch bezogenen Ehebett hing ein gerahmtes Lyriktäfelchen:
liebe ist /
ein magnet
in der brust.

Es bestand aus grüner Seide und war weiß bestickt. Vor dem Astrolabium blieb Ole stehen. Ich zog das schwere Messinggewicht nach unten. Das Pendel schlug kräftig aus, und sein Ticken hallte von den hohen Wänden wieder.
"Dieses Astrolabium", begann ich zu dozieren, "ist ein uraltes astronomisches Instrument. Dem astronomischen Zifferblatt sind vier konzentrische Anzeigesysteme vorgelagert: Sonne Mond Drache und Rete. Der nach hinten verlängerte Sonnenzeiger umläuft das Zifferblatt einmal in vierundzwanzig Stunden, der Mondzeiger läuft langsamer und wird vom Sonnenzeiger in einem Zeitraum von 29,53 Tagen einmal überrundet..." Ole legte seine kräftigen Arme um mich und küßte meinen Nacken. Seine Lippen fühlten sich weich und warm an.
"Astronomische Indikationen können unmittelbar abgelesen werden: Kulmination eines Gestirns; numerisch ablesbare Position am Himmel, Höhe und Azimut; Mondphasen; horoskopische Daten durch zwölf himmlische Häuser."
"Himmlisches Haus", murmelte Ole. Er hatte sich hinabgebeugt, mir Pullover und Hemd hochgeschoben und sog traumvergessen an meiner linken Brust.
Kaum war Ole eingezogen, begannen die Merkwürdigkeiten.

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