Ich bin in Sehnsucht eingehüllt von Selma Meerbau-Eisinger, 1998, HoCa

Selma Meerbaum-Eisinger

Schlaflied für die Sehnsucht
(Leseprobe aus:
Ich bin in Sehnsucht eingehüllt, Gedichte eines jüdischen Mädchens an seinen Freund, 1980, Hoffmann und Campe/2005, S. Fischer, hrsg. von Jürgen Serke).

O lege, Geliebter,
den Kopf in die Hände
und höre, ich sing’ dir ein Lied.
Ich sing’ dir von Weh und von Tod und vom Ende,
ich sing’ dir vom Glücke, das schied.

Komm, schließe die Augen,
ich will dich dann wiegen,
wir träumen dann beide die goldensten Lügen,
wir träumen uns weit, weit zurück.

Und sieh nur, Geliebter,
im Traume da kehren
wieder die Tage voll Licht.
Vergessen die Stunden, die wehen und leeren
Von Trauer und Leid und Verzicht.

Doch dann – das Erwachen,
Geliebter, ist Grauen –
ach, alles ist leerer als je –
Oh, könnten die Träume mein Glück wieder bauen,
verjagen mein wild-heißes Weh!

(Zu singen nach der Melodie: „di zun iz fargangen“ von M. Gebirtig)

Rezension I Buchbestellung I home 0I09 LYRIKwelt © Hoffmann und Campe