Ich bin in Sehnsucht eingehüllt von Selma Meerbau-Eisinger, 1998, HoCa

Selma Meerbaum-Eisinger

Stefan Zweig
(Leseprobe aus:
Ich bin in Sehnsucht eingehüllt, Gedichte eines jüdischen Mädchens an seinen Freund, 1980, Hoffmann und Campe/2005, S. Fischer, hrsg. von Jürgen Serke).

Leuchtendes, glühendes, rauschendes Leben
springt an und reißt mit und läßt keinen mehr los,
macht heiß und macht kühn und macht freudig und groß,
rüttelt auf und macht wacher mit kraftvollem Stoß,
lässt die Fluten von Glanz nie und nimmer verebben –

packt dich und hält dich und sprudelt dich an.
Sturzflut erfaßt dich und rast mit dir fort –
was kein Wildbach, kein Wirbel, kein Hochwasser kann,
hat dies Atmen vieltausende Mal schon getan,
dieses heiße, verzehrende, glasklare Wort.

Kühl dann und still wie ein nordischer See,
glitzernd und weich wie frisch fallender Schnee,
sieht es uns an wie viel uraltes Gold,
das altrot und schwer durch die Finger rollt
und schön ist wie sonst nur unsagbarer Traum,
der dich ansieht, tiefleuchtend aus dunkelndem Raum –

und bäumt sich dann auf, als besinne es sich,
und packt wieder an und reißt wieder mit,
schreit dich an, lacht dich an, weint dich an: das bin ich!
Und es packt dich ein Sehnen, das süß ist und zieht,
ein Sehnen nach Menschen, ein heißes: „verspricht!“
und dann klingt es aus wie ein Nachtigall-Lied.

(24.12.1941)

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