Die Dublin-Karte eines Kindes von Paula Meehan, Göttert-Vrlag

Paula Meehan

Autobiographie
(Leseprobe aus: Die Dublin-Karte eines Kindes, Gedichte, deutsch/englisch, 2001, Göttert-Verlag)

Sie beschleicht mich durch die gelben Lilien.
Blicke ich über die Schulter, sehe ich sie,
stolz einherschreitend, einen Speer in der Hand.
Ich brauche sie so dringend -
wenn auch ihr Mut von
Unwissenheit und Unschuld rührt. Gern würde ich mit ihr
im Schatten der Pappeln liegen, eingerollt
wie ein Fötus auf ihrem Schoß, von ihrer
Milch aus Feuer saugen, damit ich fliegen kann.
Ihr Gesicht ist mein Gesicht, makellos;
ihre Augen Ozeanlachen, die von Flechtengewächs,
Gewittern sprechen; ihre Haut wie wässrige Seide
ist golden. Sie führt mich zu Heilkräutern
an Wiesenrändern. Sie spricht 
in keiner Sprache, die ich kenne.
Sie ist Mutter für mich, jung 
genug, um meine Tochter zu sein.

Die andere wartet in düsteren Hecken.
Sie stößt in der Nacht hervor. Sie weiß, ich habe keine Wahl.
Sie sagt: "Ich bin deine Zukunft.
Sieh meinen Nacken, wie der eines Huhnes,
zu alt für den Kochtopf; meine Haut schält sich
zu papierenen Flocken. Hörst du's knistern?
Meine Augen sind die klaffenden Wunden
frisch geöffneter Gräber. Schau nicht 
auf mich herab, Madame.
Du brauchst mich vielleicht noch.
Ich bin dein Fahrschein unter die Erde." Es stimmt,
sie wurde an meiner Brust gestillt.
Ich habe tief von ihrem Gestank geatmet -
der üble Geruch von Bahnhofspissoirs,
von Sperrstundkotze, von Suppenausschank
und Wohlfahrtsläden. Sie spricht
mit menschlicher Stimme, und ich verstehe.
Ich bin Mutter für sie, jung
genug, um ihre Tochter zu sein.

Ich stehe auf einer Heuwiese - Mittag, Mittsommer,
mein Geburtstag. Aus der einen Brust
strömt die Milchstraße, der Sternenpfad,
Eiter tröpfelt schwer aus der anderen.
Wenn ich losfliege, schaue ich
kurz, wie meine Hülle ins Gras sinkt.
Storchschnabel und Weiderich werden
sie mit Samen begießen wie eine Segnung.

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