Gottgewimmer von Christoph Meckel, 2010, Hanser

Christoph Meckel

Gevatter
(Leseprobe aus: Gottgewimmer, Gedichte, 2010, Hanser).

Er kam am Abend zu mir,
hatte nachts in der Nähe zu tun.
Frühstückte meinen Schlaftrunk,
wusch die Glasaugen,
wechselte Haar und Hände.

Ich erkannte ihn noch
an Blech und Blei seiner Zähne.
Seit er sich bei mir aufhält
versorge ich seine Schatten
in meinem Lichtschrank,
die Gestorbenen und die Ratten.
Früher fuhr er allein
auf dem Tandem entlegene Wege.

Heute chauffiert er einen Autobus,
Plätze für 60 Seelen
auf wechselnden Pisten.

Er scheint alt geworden, krank,
sein Geschäft geht schlecht,
der Autobus bleibt zur Hälfte leer.
An die ganz großen Sachen
kommt er nicht ran.
Kein Sterblicher beneidet ihn
um seinen Job.

Er kommt immer seltener zu mir.
Seine Verkleidung
hängt in meinem Spind,
er läßt sie hängen.
Er ist alt geworden, krank.

Stürzte den Autobus ins Meer.

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