Einer bleibt übrig,damit er berichte von Christoph Meckel, 2005, Hanser

Christoph Meckel

Einer bleibt übrig, damit er berichte
(Leseprobe aus: Einer bleibt übrig, damit er berichte, Sieben Erzählungen und ein Epilog, 2005, Hanser)

Sie lag auf der Erde, allein mit sich selbst und den Kleidern, der Zeit und dem Zufall, zwischen Rücken und Beinen von Leuten, die sie nicht kannte, den Kopf auf einem Stück Gras, zertrampelt und dürr, und hörte die Sirene des Wagens, der den Suppenkessel ins Lager fuhr. Hunderte drängten sich zu der Stelle, mit Eimern, Büchsen, Plastikbeuteln, andere standen mühsam vom Boden auf, kehrten mit leeren Behältern um. Sie hatte keinen Behälter, sie blieb zurück, allein mit dem Hunger, der ihr gleichgültig war, sah den Wagen zwischen den Leuten schwanken und hörte den Schrei, als der Kessel umfiel und der Mann mit der Schöpfkelle in die Menge flog.

Sie stand auf und ging fort. Kein Auge sah, daß sie aufstand und fortging, hier wurde kein Mensch bemerkt, weil er aufstand und rumlief, zwischen seinesgleichen herumstand und weiterging, wimmerte oder schwieg und weiterging, etwas verloren hatte, nichts mehr suchte, das Lager hinter sich ließ und weiterging, den Müll, die Toiletten, die Toten zurückließ, allein mit sich selbst, in verbrauchten Kleidern, Haare vor dem Gesicht, mit leeren Händen, die schmalen Arme vor der Brust verschränkt, als trüge ein Schlaf sie mit sich fort, ein stilles Tier, das nichts von sich wußte, nach ein paar Schritten nicht mehr da.

Sie ging durch das fremde Land, sie war allein, von Angst und Hunger in Ruhe gelassen, in verbrauchten Kleidern und flachen Schuhen, vor Augen ein Horizont, der den Süden verbarg, ein Fahrweg aus Schotter und trockenem Schlamm. Von ihm gingen Pfade fort in alle Richtungen – Panzerketten, Schuhe, Reifen, Pfoten der Tiere –, vermischten und trennten sich, brachen spurlos ab, und verloren sich fern in Rinnen aus Sand und Gras. Brachland, verkümmerte Felder, von Wildgras umgeben, im flachen Grasmeer verschwanden die Steine, ein Vogel flog senkrecht aus dem Gras in die Höhe, sie blieb stehen und hörte ihr Herz und ein Flügelschlagen, das sich leicht und schnell in der Luft verlor. Glück, eine schnelle Freude, durchwärmte ihr Blut, weil der Name des Vogels ihr Eigentum war – Lerche! Die Lerche! Sie war kaum ein paar Schritte allein unterwegs, da war schon die Lerche mit ihrem Namen da, eine Lerche allein in der Fülle aus Gras und Luft. Als sie weiterging, wußte sie, daß sie lebte und nichts weiter brauchte von sich und den Sachen als die Gewißheit ihres Lebendigseins. Nichts fehlte, seit ihr die Lerche begegnet war. Sie sprach mit den Sachen, die sie umgaben, ungefähr singend, weil sie kein Wort dafür brauchte, ungefähr horchend auf sich und die Stille, sie wollte wissen, wie ihr geschah.

Sie hatte Zeit gebraucht, um fortzugehen, aus dem Lager und was es war, aus dem Schweigen der Leute, danach war die Zeit wie von selber weg. Der Tag, der sie umgab, war da ohne Rest, mit allem Licht, das er brauchte, um hell zu sein. Wo sie war und stand und weiterging, war auch die Sonne mit ihrer Wärme, war ein Omnibus und ein Traktor, in Schlamm versunken, ein paar Männer mit Hunden verschwanden hinter dem Hügel, und es war ein Brunnen am Weg, sie hörte das Wasser, es spuckte und schnalzte aus einem Rohr auf die Steine, sie ging hin und trank aus den Händen und zog sich aus, und hängte die Kleider auf einen Busch. Sie stand nackt vor dem Wasser, es sprühte auf ihre Füße, ein glücklicher starker Frost lief durch ihre Glieder, Ungeduld und Gier vor dem vielen Wasser, die Hände fingen es auf und ließen es fallen, holten es kalt ins Gesicht und in die Haare, auf die Gänsehaut, auf den Bauch und zwischen die Beine, Wasser floß kalt an ihr herunter, immer mehr Wasser aus Haaren und Händen, gutes, befreundetes Wasser von ihren Schultern, von den Spitzen der Brüste und der Finger, nasses Rieseln und Kitzeln bis unter die Füße, bis sie neu war wie das Wasser selbst, kühl wie die Luft auf der frischen Haut.

Was dort am Busch hing, waren ihre Kleider, beliebig grau und alt, an ihr hängengeblieben, sie waren voll Dreck und rochen nicht nach ihr. Sie hatte angezogen, was sie besaß, zwei Hosen übereinander und mehrere Hemden, die wattierte Winterjacke und einen Hut, in dem sie ihr Haar verschwinden ließ, schwarze Strähnen hingen um ihren Hals. Sie zog eine Hose an, die Schuhe, die Jacke, wusch ihre Kleider mit Sand, der war ihre Seife, drückte die Stoffe in den gewaschenen Hut und ging auf dem Fahrweg fort nach Süden. Der Süden war ihre Richtung, der sie vertraute, einzige Richtung, die in Frage kam, quer zum Bogen der Sonne und geradeaus. Wer ihr entgegenkam, ging seiner Wege, schien sie nicht zu bemerken und war vorbei. Sie grüßte gern, ein Gruß war Teil ihres Atems, und kam keine Antwort, blieb sie stumm erstaunt, ohne Wink und Wort an fremden Gestalten vorbei, als sei sie nicht sichtbar, ein Geist allein, nicht hörbar im Schotter, in den schiefen Schuhen. Niemand ging hinter ihr her, da war sie froh. Sie kam durch eine Siedlung und niemand sah sie, kein Huhn, kein Hund, kein Mensch sowieso. Einmal kam einer schnell durch das Gras auf sie zu, pfiff durch die Zähne, kaum hörbar – Komm mal her! Harte, tonlose Stimme – Na los, komm her! Er stand an der Straße nicht weit von ihr und pfiff und zischte. In seinem Blick war ein Funkeln, das sie nicht kannte, dunkel und scharf auf sie gerichtet, so wie sie dastand, zehn fremde Sekunden, dann ging sie weiter, und niemand lief hinter ihr her.

Später saß sie am Straßengraben, die Kleider trockneten in der Wärme, hell auf dem Gras wie Stücke Schnee. Das Hemd ging schnell, am längsten brauchte der Hut. Nun trug sie frische Kleider unter dem Arm, leicht zusammengefaltet, gut riechend nach nichts. Dann riecht es gut nach der Luft und der Sonne, gut nach dem Regen und gut nach ihr! Aber sie kannte nicht mehr den eigenen Duft. Sie kannte den Geruch ihrer Haare, ihrer dreckigen Hände und ihres Urins.

In der Dämmerung wartete sie auf das letzte Licht. Das Blau über ihr war für die Vögel da, es begann im Wassergraben neben dem Weg und kam an kein Ende in der Luft. Sie spürte den Nachtwind auf der Haut, das kam – sie wußte es –, weil sie gewaschen und ohne Hemd in der Jacke war. Im fahlen Schimmer vor Dunkelheit sah sie ein Haus nicht weit vom Weg unter Bäumen und wußte, daß es ihr Schlafhaus war.

Das Haus war groß und alt, voll leerer Räume, auf brüchigen Bretterböden lag Stroh herum. Sie hob Arme voll Stroh auf einen Wagen, kroch in die staubige Wärme und schlief ein.

Sie schlief, als ein Traktor zu hören war. Er fuhr rückwärts durch das Tor ins Haus und blieb mit laufendem Motor stehen. Kein Schweinwerfer brannte, das Haus blieb dunkel, zwei stumme Gestalten sprangen ab. Der Wagen, auf dem

sie schlief, wurde angehängt. Sie schlief, als der Wagen das Haus verließ und auf der Straße nach Osten fuhr, über eine Brücke und fort ins Land. Sie schlief, als der Wagen zum Stehen kam, die Gestalten im Dunkeln verschwanden, der Motor schwieg.

Sie sammelten die Toten zusammen und warfen sie auf den Wagen, so viele es waren. Sie spürte nicht ihre Kälte und ihr Gewicht, sie schlief, als die Toten auf Bretter schlugen, die Schlafende begruben, den Wagen füllten. Sie schlief, als der Motor ansprang, der Traktor drehte, der beladene Wagen langsam zurückfuhr, auf der Straße und über die Brücke ins dunkle Haus.

Wälder, durch die sie ging, lagen voll von Müll. Geplatzte Säcke am Rand der Chaussee, Papiere in Fetzen und Haufen, verkohlte Kleider, nasse halbe Matratzen und ihr Gestank.

Sie sah zugeschüttete Gräber und offene Trichter, tief ausgehobene Schächte, verfallene Gräben, es lagen Eisenrohre und Schuhe herum. Kein Stück, das herumlag, roch nach sich selbst. Jedes Stück stank nach allen, ein fauliger Dunst, der unbewegt zwischen den Bäumen hing. Sie schaute herum, ohne etwas zu suchen, berührte nichts und nahm nichts mit.

Zwischen Bäumen im Wald entdeckte sie einen Stuhl. Er stand auf dem Weg, als sei er bereitgestellt für einen, der hier vorbeikam, vielleicht für sie, ein einzelner Stuhl, er konnte ein Signal sein in einem Spiel, das ihr unbekannt und nicht mit dem Krieg zu verwechseln war. Der Stuhl war alt, aber vollständig mit vier Beinen, zerkratzt und naß und wackelte nicht.

Sie faßte den Stuhl an, um zu probieren, der Stuhl stand an seiner Stelle und knurrte nicht, und keins der vier Beine trat nach ihr. Sie setzte sich auf den Stuhl und nichts passierte, sie saß auf dem Stuhl und blieb auf ihm sitzen, stand auf und setzte sich wieder hin. Der Stuhl blieb derselbe, ob sie saß

oder stand, nur daß der Stuhl nicht im Zimmer war. Der Stuhl gehörte ins Haus und an den Tisch, im Wald war er einzeln und übrig wie sie, im Wald gab es Bänke. Sie setzte sich auf den Stuhl und blieb auf ihm sitzen, beschäftigt damit, auf dem Stuhl zu sitzen, und stellte sich vor, sie säße auf einem Stuhl, auf einem gepolsterten Stuhl im Caféhaus, auf einem Thron, auf einem Stuhl vor dem Spiegel, aber unsichtbar und so lang sie wollte – und sie sprang auf, weil sie sichtbar war, einzig und allein auf dem Stuhl im Wald.

Sie hatte sich nie im Spiegel gesehen – vielleicht im Wasser, ohne sich zu erkennen, in einer Fensterscheibe, in Scherben aus Glas? Sie wußte es nicht, je mehr sie dran dachte, der Krieg hatte Gläser und Spiegel zerschlagen, oder sie wußte nicht, wo ein Spiegel war. Sie stellte sich ihren Anblick im Spiegel vor und erkannte Jacke, Schuhe und Hut. Nichts anderes wurde sichtbar und alles fehlte, und was ihrem Anblick fehlte, war sie selbst. Sie saß ohne Spiegel auf dem Stuhl im Wald, sah ihre Hände und kannte sie nicht.

Sie erstarrte im Halbschlaf, ohne zu träumen, saß auf dem Stuhl und hatte vergessen, daß sie dort sitzen geblieben war.

Sie schreckte auf, weil sich etwas bewegte. Irgendwas schien seine Stelle zu wechseln, nahm sie wahr, bewegte sich durch den Wald. Ein fremdes Auge kam auf sie zu. Sie sprang vom Stuhl, sah sich um und horchte, stand sichtbar für jedes Auge im Wald, ohne Spiegel sichtbar für sich selbst und die Tiere. Sie ging davon wie immer, ging fort und wußte, daß niemand ihr folgte, sie war allein.

Sie ging durch ein Land, das sie nicht kannte, mit einer Sprache, die sie nicht verstand. Sie konnte entziffern, was an den Häusern stand, Wörter auf Bussen und Straßenschildern, und konnte nicht sprechen, was sie las, nicht spielen mit Wörtern und Zahlen und nichts erfinden. Sie konnte nicht fragen, keine Antwort geben und wußte nicht, wie man die Sprache lernte. Es war für sie am besten, den Mund zu verschließen, überhaupt nichts zu sagen von Fall zu Fall. Stumm und taub, sie war stumm und taub, solang sie durch die fremde Sprache ging.

Stumm und taub, und niemand bemerkte sie. Und hätte

sie um Hilfe gerufen, auf dem Markt voller Leute früh um neun – man wäre an ihr vorübergegangen, und niemand hätte gefragt, was sie damit meint. Wer sie bemerkte und ansprach, vielleicht aus Versehen, erkannte oder ahnte die schweigsame Antwort: ihr Finger zeigte auf Mund und Ohren, sie schüttelte den Kopf und verschenkte ein Lächeln, das um Nachsicht bat und sorglos war. Da hatte der Krieg eine Spur hinterlassen, die harmloser war als Blindheit und fehlende Beine. Man sah ein Kind, das erwachsen sein mußte, ein Gesicht, das geküßt werden konnte, keinen entsetzte, niemandem auffiel.

Einmal mehr taub und stumm auf der Straße nach Süden, sie kam durch ein Dorf, an der Straße stand ein Caféhaus. Männer in Uniform blickten ihr entgegen, saßen in der Sonne und taten nichts, Streichhölzer zwischen den Lippen und Zigaretten, als hätten sie auf die Unbekannte gewartet. Sie konnte nicht fliegen, sie mußte laufen, Schritt für Schritt am Café vorbei.

Die Fremde war taub, als man nach ihr rief, taub und stumm, als man sie bewarf, mit ein paar Messern, mit Gläsern, Kernen, Schalen, taub und stumm, als man lachte und nach ihr rief – na los, komm her! Sie blieb stehen, um die Zeichen zu geben auf Mund und Ohren, ihr Lächeln – sie hatte ihr Lächeln nie gesehen – schien für die Männer ein Signal zu sein. Das Caféhaus war still wie die Trümmerfassade daneben. Von den Tischen kam einer mit einem Stock, sie sah ihm entgegen ohne Angst. Er kratzte mit dem Stock in den Sand vor ihr, das konnten die Buchstaben eines Namens sein. Er lachte nicht, er zeigte auf sein Gesicht, sein Finger war ernst. Sie nahm seinen Stock und schrieb, was sollte sie schreiben. Sie hatte geträumt, in Tagen und Nächten, einen Namen zu haben für alle Fälle, ein Wort, das ihr Name war, wenn sie einen brauchte. Sie zeichnete Findel in den Sand, versuchte ein Lächeln, zeigte auf ihr Gesicht.

Findel! Der Name flog durch die Luft und ging im Caféhaus von Mund zu Mund. Sie ging auf der Straße fort und hörte, wie der Name weniger wurde und verklang. Niemand ging hinter ihr, niemand blickte ihr nach.

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