Nach dem Regen von Jon McGregor, 2005, Klett-Cotta

Jon McGregor

Nach dem Regen
(Leseprobe aus: Nach dem Regen, Roman, 2005, Klett-Cotta - Übertragung Anke Caroline Burger)

Mach die Ohren auf, dann hörst du’s.

Sie singt, die Stadt.

Wenn du ruhig dastehst, hinten im Garten, in der Mitte der Straße, oben auf dem Dach.

Nachts ist das Lied am klarsten, wenn der Klang schneidend über die Oberfläche der Dinge streicht, wenn er tief in dich eindringt.

Es ist ein Lied ohne viele Worte, aber ein Lied ist es trotzdem, und jeder, der es hört, weiß genau, was es singt. Und das Lied klingt am lautesten, wenn du jeder Note einzeln lauschst.

Das leise, einlullende Summen der Klimaanlagen, die aus Läden und Cafés und Büros in der ganzen Stadt Hitze und Dünste blasen, laufen an und laufen aus, lange, einander überlappende Atemzüge, ein Wiegenlied für müde Straßen.

Der brausende Verkehr fliegt noch immer über Hochstraßen, selbst in den dunklen Stunden ein fortwährendes Rauschen, Reifen auf Asphalt, Motoren grollen, lose Gatter und Gullys kla-klacken wie Kastagnetten aus Stahl. Straßenarbeiter arbeiten, nutzen die Stunden der geringsten Unterbrechungen, zerreißen die kalte Nachtluft mit Bohrern und Preßlufthämmern und pneumatischen Pumpen, schwitzen unter dem sirrenden Zischen der Flutlichter, rufen sich etwas zu wie die Schlagzeuger in einer Rockband, geben den Rhythmus an, kleben neue Haut auf die Adern der Stadt.

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