Sie kamen wie die Schwalben von William Maxwell, 2001, ZsolnayWilliam Maxwell

aus: Sie kamen wie die Schwalben

"Was machst du da? Geschirrtücher?"
Bunny fiel auf, daß seine Mutter eine äußerst merkwürdige Art hatte, den Kopf zu schütteln. Als würde sie einen lästig herumsummenden Gedanken fortwedeln.
"Sie sehen aber doch wie Geschirrtücher aus!"
Er interessierte sich praktisch unablässig für alle ihre Angelegenheiten. Wenn sie irgendwo zum Kartenspielen eingeladen war, wollte er danach wissen, wer den Preis gewonnen und was es zu essen gegeben hatte und wie die Tischkarten ausgesehen hatten. Wenn sie in Peoria Einkäufe machte, wollte er unbedingt mit, so daß er sein Urteil über ihre Kleider abgeben konnte, auch wenn das langes Warten vor der Anprobekabine bedeutete. Und sie waren auch nicht immer einer Meinung. Über die Tapete im Eßzimmer zum Beispiel. Bunny hatte die alte ganz hübsch gefunden. Vor allem den Zierrand, auf dem jeden Meter der gleiche Berg mit einer Burg darauf zu sehen war. Und immer die gleichen drei Ritter, die zu jeder der Burgen hinaufritten. Trotzdem hatte seine Mutter sie mit einer einfarbigen Tapete überkleben lassen, die keinerlei Gedanken in ihm anregte und seiner Ansicht nach viel besser für die Küche gepaßt hätte, wo es nicht so darauf ankam.
"Wenn es keine Geschirrtücher sind, was sind es dann?"
Er wartete ungeduldig, während sie den Faden abbiß und ein neues Stück von der Spule abwickelte.
"Windeln."
Das Wort löste eine unbestimmte Erregung in ihm aus. Nachdenklich ging er hinüber und setzte sich neben seine Mutter auf die Fensterbank. Von hier aus konnte er den Garten und den Zaun sehen, den Garten der Koenigs und die Seitenfront des weißen Hauses der Koenigs. Die Koenigs waren Deutsche, aber sie konnten nichts dafür, und sie hatten ein kleines Mädchen, das Anna hieß. Im Januar würde Anna ein Jahr alt werden. Mr. Koenig stand sehr früh auf, um mit der Waschmaschine zu helfen, bevor er zur Arbeit ging. Die Waschmaschine stampfte und rumpelte, stampfte und rumpelte, um fünf Uhr morgens. Zur Frühstückszeit hing dann eine Leine voll weißer Flaggen, die im Herbstwind flatterten. Es waren natürlich keine Flaggen, es waren Windeln. Und eben das war's. Man nähte keine Windeln, wenn nicht jemand ein Baby erwartete.
Bunny lauschte. Einen Augenblick lang war er draußen im Regen. Er war naß und glänzte vor Nässe. Seine Gedanken wehten im Wind. Er riß ein nasses Blatt ab. Aber von solchen Dingen sprach man nicht.
Immer wenn er und seine Mutter allein waren, erschien die Bibliothek anheimelnd und vertraut. Sie redeten nicht miteinander und sahen sich nicht einmal an; nur gelegentlich. Und doch war jedes von ihnen bei dem und durch das, was sie gerade machten, sich der Gegenwart des anderen bewußt. Wenn seine Mutter nicht da war, wenn sie oben in ihrem Zimmer war oder in der Küche draußen Sophie Anweisungen für das Mittagessen gab, war für Bunny nichts wirklich - oder lebendig. Die zinnoberroten und die gelben Blätter, die sich auf den Vorhängen zusammenrollten und entfalteten, waren voll und ganz auf seine Mutter angewiesen. Ohne sie hatten sie weder Farbe noch bewegten sie sich.
Und als er jetzt neben seiner Mutter am Fenster saß, war Bunny ebenso von ihr abhängig. Alle Linien und Oberflächen des Raums liefen auf seine Mutter zu, so daß er, wenn er das Muster des Teppichs betrachtete, es notwendig in Beziehung zu ihrer Schuhspitze sah. In gewisser Hinsicht war er noch stärker auf ihre Gegenwart angewiesen als die Blätter oder Blumen. Denn alle seine Besitztümer waren so beschaffen, daß sie sein konnten, was sie tatsächlich waren, aber zu gewissen Zeiten sich auch in Ritter und Kreuzfahrer oder in Flugzeuge oder in einen Zug Elefanten verwandelten. Wenn seine Mutter in der Stadt war, um Binden für das Rote Kreuz zuzuschneiden (so daß er, wenn er nach der Schule nach Hause kam, allein spielen mußte), konnte er nie sicher sein, daß die Verwandlung vonstatten gehen würde. Er konnte stundenlang seine Murmeln über das verschlungene und gezackte Muster der Orientbrücke rollen, sie blieben einfach nur Murmeln. Jetzt steckte er seine Hand in die Tasche und zog eine gelbe Glasmurmel hervor, die zu König Albert von Belgien wurde.
Ein vertrautes Poltern brachte ihn unsanft wieder in die Welt der Bibliothek zurück. Rums, rums, rums - quer über die ganze Zimmerdecke hinüber. Robert war aufgestanden.
"Ich habe eine Idee."
Bunny blickte noch rechtzeitig hinunter, um zu sehen, wie die Hand seiner Mutter sich über seine legte und sie umschloß.
"Wegen des Hinterzimmers. Ich habe Robert gesagt, wir könnten ein Bett für ihn hineinstellen und ein paar Stühle und er könnte es sich herrichten, wie es ihm gefällt. Er kommt jetzt in das Alter, wo man gerne für
sich ist."
Bunny nickte. Manchmal, wenn er und seine Mutter allein waren, sprachen sie so über Robert und was man mit ihm machen sollte.
"Wenn wir das tun, hättest du freilich niemanden, der bei dir schläft."
Er liebte es, wenn sie sich herunterbeugte und ihm leicht mit ihrer Wange über den Kopf strich. Aber es wäre ihm lieber gewesen, sie hätte es ein andermal getan. Jetzt verwirrte es ihn. Er wandte seinen Blick ab, hin zum Fenster und zu den feuchten Bäumen und auf die regennasse Erde. Sobald die Scheibe klar genug zum Durchsehen war, kam ein neuer Schauer von der anderen Seite, und alles war wieder verwischt. So war es auch, als seine Mutter ihn küßte. Dieses Reden über Roberts Umzug ins Hinterzimmer, wo Bunnys belgische Stadt aufgebaut war und er seine Laterna magica aufbewahrte, was hatte das mit Windeln zu tun?
"Du siehst also -" Seine Mutter breitete das weiße Tuch über ihren Knien aus, faltete es zusammen, legte es auf den Stapel der anderen. "Was wir brauchen, ist ein weiteres Familienmitglied. Mindestens noch eine Person."
"Ich finde, wir kommen doch auch so ganz gut aus."
"Vielleicht. Aber das Zimmer, in dem du bist. Das ist einfach zu..."
Ihre Hand öffnete sich und lag still da.
Jemand, der in sein Zimmer ziehen sollte. Wie dieser Mr. Crumb, der bei Miss Brew wohnte, drei Häuser weiter unten auf derselben Straßenseite.
"Aber wir nehmen doch keine Untermieter auf, oder?"
"Nein, natürlich keine Untermieter. Das würde mir nicht gefallen."
"Mir auch nicht."
Mr. Crumb hatte so eine dicke Nase. Es war eine verstörende Vorstellung, früh am Morgen aufzuwachen und ihn in Roberts Bett liegen zu sehen.
"Ich habe eher an etwas wie einen kleinen Bruder oder eine kleine Schwester gedacht - was, wäre ja nicht so wichtig, nicht wahr? Dann würdest du da drinnen nicht mehr so herumrappeln, wie du es immer machst, wenn du ganz allein bist."
"Ja, schon. Aber heißt das..."
Er hatte sie manchmal beim Treppensteigen stehenbleiben und sich schwer atmend am Geländer festhalten sehen. So war das neuerdings. Und obwohl sie beruhigend lächelte, waren ihre Augen dunkler, als er je bemerkt hatte.
"Muv, heißt das, daß wir hier im Haus ein Baby bekommen werden?"
"Wenn ich alles recht erwäge, glaube ich schon."
Aber das war zuviel. Bunny saß völlig regungslos da und sah zu, wie die gelben Blätter sich zusammenzogen und die Spinne an ihrem Faden von der Decke schaukelte.

Rezension IV01 LYRIKwelt © Zsolnay