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Karneval in
München
(Leseprobe aus: Das
verzauberte Haus, 2004, Transit - Nachwort von
Karl
Corino)
Grellbunte Bilder an den Anschlagmauern, kleine Läden, die vordem ein ganz solides Gesicht gezeigt hatten und nun plötzlich allerlei bunten Tand und Flitter, Masken und falsche Bärte ans Tageslicht brachten, kündeten auch dem Uneingeweihten, daß München sich zum Karneval gerüstet hatte. Oft war davon die Rede gewesen, daß ich, umgeben von meinen Trabanten, die eine oder
andere der berühmtesten Redouten besuchen solle: aber ein Trauerfall in meines Mannes Familie und mehr noch Fritzens Fernsein all diesen leichtsinnigen Plänen ein Ende gemacht. Immerhin, da die Nachrichten über ihn günstig lauteten und das Fieber, das die ganze Stadt befallen zu haben schien, mir als einer Norddeutschen völlig fremd war, reizte es mich, einmal in dieser südlicheren Luft zu atmen, und so machten wir uns am letzten Tage, am Faschingsdienstag, schon frühzeitig auf, um unserem Töchterchen in der Maximilianstraße einen guten Platz für den großen Maskenumzug zu erobern. Unsere Freunde waren mit den Vorbereitungen für eine Redoute, die am selben Abend in einer Malerschule stattfinden sollte, und von der man sich, da die holde Weiblichkeit gänzlich ausgeschlossen war, großen Spaß versprach, so in Anspruch genommen, daß sie uns nicht hatten begleiten können, und so fühlte ich mich recht fremd und entwurzelt in dem vergnügten Treiben um mich her.Pärchen, denen die Maskenlust nicht Ruhe
gelassen hatte bis zum Abend, gutmütigen Spaß und Spott trieben. Als endlich
der Aufzug erschien und Hallo und Jauchzen herüber und hinüber scholl, fehlte
mir jegliches Verständnis für diese wie auf Kommando aufgebrachte und doch so
urwüchsige Lust. Im Kaffee Luitpold, das wir, um unsere eingefrorenen
Lebensgeister zu beleben, nachher aufsuchten, tobte das Karnevalstreiben noch
toller, und als mir, kaum daß ich die heiße »Melansch« an die Lippen gesetzt
hatte, ein Arm von hinterrücks das Glas aus der Hand nahm und dem angebissenen
Kuchen das gleiche Schicksal widerfuhr, während jedesmal ein anderes Paar
lachender, junger Augen sich zu mir vorbeugte, wurde ich so traurig über meine
ungeschickte Schüchternheit, daß ich erst erleichtert aufatmete, als ich
wieder in meinen vier Wänden war.
Einer für den Abend geplanten Unternehmung sah ich mit größerer Ruhe
entgegen, weil ich mich dabei auf bekannterem Boden wußte. Ich hatte Block
versprochen, in sein Atelier zu kommen, um ihn und Nathan in ihrer
geheimnisvollen Maskerade für die bewußte Redoute in Augenschein zu nehmen.
Als ich gegen neun Uhr die fast dunkle Theresienstraße, das Münchener Quartier
Latin, durchschritt, erhielt ich einen Vorgeschmack von dieser tollen Nacht, in
der ein Jeder sich austoben wollte, ehe er in Sack und Asche ging. Hier
stolzierte ein junger Maler über die Straße, der sich trotz Kneifers und
Blondbärtigkeit augenscheinlich als südlicher Grande fühlte, denn einen
Zipfel seines zu kurzen Dominos hatte er mit Grandezza über die Schulter
geworfen ...
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