Hast Du mal
Feuer?
(Leseprobe
aus: Alles Mafia! Eine Gangsta Rhapsodie, S. 12-17, 2000, Rowohlt Berlin Verlag)
(Ich hatte Feuer und der lächelnde Mann vor mir Zigaretten. Mit dem Gesicht stand ich nach Westen, im Rücken spürte ich den leichten Druck der Taiga und des Ural. Herz. Wildheit. Jugend. Träume. Er fuhr sich durch´s Haar, das er borstig hatte. Mir stockte der Atem. Eine Überdosis Leben. Ich wurde zum Abziehbildchen meinerselbst und geriet in einen Strudel des Bösen. So o. ä. Eine Welt an der Bruchstelle demokratischer Kultur, in der aufgestauter Rassismus, Gewinnsucht, Arroganz und Gehorsam einen Nährboden der Gewalt bereitet hatten. Auch Zyankali war im Spiel. Realismus live. Daseins- und Todesfülle in Echtzeit. Das war der hohe Preis für weibliches Körperglück. Ich brauchte männlichen Input, Moschusdüfte. Sein Waschmittel konnte man nicht riechen, es wurde vom Geruch seines Weichspülers dominiert. Mich hinsetzen, unterhalten, guten Wein dazu trinken: das bin ich. Hallöle erst mal. Ich freu mich.
Noch denken alle, ich bin die Danke-Anke, aber die haben sich getäuscht. Licht aus, Spot an. Ich heiße Nina. Geld spielt keine Rolle. Alles dunkle Geheimnisse, die heute in meine Gegenwart ragen. Ein Katastrophengebiet der Erinnerung, in das ich mich selten hineinwage. Horror in Tüten. In Thermotaschen. Noch nie war ich in einer solchen Lebensgefahr. Ich kroch durch ein kosmisches Wurmloch, das mich durch ein Schwarzes Loch in ein anderes Universum führte. Parallel, höchstwahrscheinlich. Was soll ich sagen? Eine Vorwärtsfrau geht den dornigen Weg einer Großstadtschamanin, pflückt gedankenverloren eine Blume und klemmt sie sich hinter´s Ohr. Glückwunsch. Verwilderungswünsche durchwucherten mich, absolutes Bauch-Ding, schon klar. Ich hatte damals nicht mal jemanden, den ich aus Langeweile hätte küssen können. Wochenlang lag mein Telefonhörer in Embryohaltung auf der Gabel und nährte sich durch seine eingerollte Nabelschnur von Stille. Dann wieder klingelte der Apparat immer nur nachts, ein einziges Mal, als schreckte das Netz kurz aus seinen unterirdisch sich verzweigenden Alpträumen hoch.
Mein seelenloser Anrufbeantworter hatte 15 Minuten Speicherzeit. Immerrotes Zyklopenauge der Einsamkeit. 15 Minuten! Zwei Minuten länger als die netzunabhängige Betriebsdauer meines Vibrators. Ein Leben im asketischen Einzelbett. Eine Frau in labio-digitaler Zwiesprache mit sich selbst. Wenn ein Duschkopf in einem Katalog als Modell „Single“ präsentiert wird, ist das eine diskrete Art, auf seine Multiple-Orgasmus-Funktion hinzuweisen. Näheres gerne auf Anfrage. Sogar mein Deo-Roller war verkrustet. Trockene Parfümschuppen rieselten aus seinem Gewinde. Nur die Thermostate meiner Heizkörper zeigten noch ein bißchen Einfühlungsvermögen. Einem Rock-, Mantel- oder Pulloverkauf wohnt keine lebensverändernde Kraft inne. Bodybags sind erklärungsbedürftig. Nur kurz gibt dir dein Frisör ein neues Kopfgefühl. Manchmal hilft Renovieren. Kauf Tiefkühlerbsen mit mir ein. Zeige Deine Wunde. Fütter deine Angst, denn sie wird niemals satt. Geh lieber durch die Wand, als immer durch die Tür. Resensualisier mich, Du Umtriebiger der Nacht. Am Seeufer schluck ich Mücken mit dir. Ich steh auf Drängelknutschen. Gib mir die Hand, ich bau dir ein Schloß aus Sand, irgendwie, irgendwo, irgendwann. Ich geh klug mit Deiner Nacktheit um. Sag einfach Nina, und wir werden Freunde. Ich bin gespannt. Ich drück Euch vorab schon mal ganz lieb. Fühlt Euch ganz groß umarmt.
Mittags fiel mir der getrocknete Schlaf aus den Augen in die Mittelfalte der Tageszeitung. Das füllige Volumen des Tages, am Morgen noch vielversprechend gebläht, sackte ganz schnell in sich zusammen und hing mir schon am frühen Nachmittag schlabbrig zwischen den Beinen. Langeweile ist die schnellste Abkürzung zur Ewigkeit. Im Stehsatz ruhte schon die Battle-Tech-Romanze. Brunnenkresse gedeiht in einer einfachen Pappschachtel mit Nährstoffvlies. Was mir fehlte, war jemand, mit dem man ungeniert ein Kräuterfußbad nimmt, in das man zischend eine geteilte Zigarette fallen läßt, um sich in eine Wolke warmen Johanniskrautduftes zu hüllen.
Der Himmel hatte Zellulitis und der lächelnde Mann viele Zigaretten. Aber davon später. Erst mal den liebeshungrigen Bauch voll lasziver Luxusschmetterlinge von der Sorte chloroformsüchtiges Piercinginsekt mit Faible für Schaukastenexhibitionismus. Welt, ich komme! Alleine war gestern. Einfach mal Bauchgefühl entscheiden lassen. Mega-dupi. Hi, ich heiße Nina, alles im grünen Bereich? Flugzeuge im Bauch, Klobürste im Hirn. Die Straße ist eine Kontaktbörse. Fisch meets Fahrrad vor der Nordsee-Filiale, Sofortkontakt mit Männern aus deinem PLZ-Gebiet, schön für dich. Wer kann mir Babykleidung in Erwachsenengrößen nähen? Offenbar dehnt sich das All immer schneller aus. Mach dich nackig, Sternschnuppe, ich muß mit dir reden! Glück, du näherst dich uns im Krebsgang, und möcht´ man dir an den Panzer, kneifst du einem rücklings in den Arsch!
Flittchenpower, Schlampengroove, Girliefunk. Endlich zog die Frau in meinen Körper ein. Ich habe in meinem Leben schon viele Gürtelschnallen klimpern hören, aber dieses Klingeln hier war wie das fröhliche Läuten der Osterglocken. Das Mädchen Nina gab es nicht mehr. Verschwunden. Im Abendnebel um die Ecke gebogen, von der Morgensonne aus dem schattigen Kelch seiner jungen Mädchenblüte geleckt, von der Mittagssonne lotrecht in den Staub gebohrt, während die Düsentriebwerke der Kampfjets mit konspirativ verblassender Geheimtinte verfassungswidrige Symbole in den Himmel schrieben. Wann hatte ich das letzte Mal das Wort „Waldsaum“ unter meiner Vorstellungsnähmaschine gehabt?
Ich hielt ihm mein Feuerzeug hin. „Eines Tages, und dieser Tag wird vielleicht niemals kommen, werde ich dich bitten, mir dafür einen Gefallen zu tun“, sagte ich hüstelnd in Moll und lutschte eins (Pull). Eine Sprechblase aus kalter Morgenluft. Im Kölner Dom schlug ein Blitz ein und schlängelte sich an den eisernen Aufhängungen der wertvollen Rubens-Teppiche entlang. Seine Augen leuchteten wie angelutschte Wick-Gletscherbonbons, wie die Spitzen von langsam abtauendem Waldmeister-Wassereis. Das schweißige Flüstern der Schicksalslinien hinter vorgehaltener Hand. Es war Winter. Das Wetter war von Anfang an gegen uns. Der stern ritt wieder einmal sein liebstes Steckenpferd: Die Kohlesubvention.
Thanh gab mir eine raffiniert synkopierte Telefonnummer: 54312. Die verrückte Person war Vietnamese, was man nicht sah. Auf Anhieb nicht sofort. Nicht auf den ersten Blick. Wer sind eigentlich diese meist dünnen Männer und Frauen mit den kleinen, otterähnlichen Füßen? Kann ein Heimatloser Heimat geben? Wenn ich ihn gut finde. Wenn er mein Mann ist. Dann atme ich anders.
Thanh, herrlich expressiv, schlicht und zu Herzen gehend. Wenn er in die Knie ging, vibrierte der Raum. Manchmal fiel ihm ein bißchen Putz auf´s Haupt. Wir waren Exoten. Mein Gott, Daddy, waren wir Exoten. Good morning, Vietnam! Sauerkrautige Verschlingung meets bambussprossige Luftigkeit, Clash-of-Cultures-mäßig. Und dann erst mal Melting Pot, aber volles Rohr. Der Sohn eines Reisbauern und die Tochter eines Kreditberaters, nie hätten wir uns begegnen dürfen. Doch der Zauber des Fernen Ostens legte sich über diese unerlaubte Beziehung. Die Teth-Offensive des Lächelns. Asien hautnah. Er küßte mich, Berlin, Bundesrepublik Deutschland, Dezember 1999. War super für mich. Ich küßte am Ende des zweiten Millenniums, er im Jahr des Drachen. Die übereinandergelegten Jahreskurven des Nikkei- und des Hang-Seng-Index sahen aus wie ein hungrig geblecktes Tigergebiß. Auf jeden Fall eine geballte Ladung Future in der Warteschleife.
Rezension I Buchbestellung 0I04 LYRIKwelt © Stephan Maus/Rowohlt