Hajo Löwenzahn von Stephan Maus, 1999, RotbuchStephan Maus

Hajo Löwenzahn
(Leseprobe aus: Hajo Löwenzahn, S. 9-12, 1999, Rotbuch)

Angekommen jetzt also doch im dreißigsten Jahr, reich an Ideen, jedoch bequemlichen Gemütes, voller Elan, aber an chronischer Kurzatmigkeit laborierend, verließ der in fragilen finanziellen Verhältnissen lebende Hajo Löwenzahn ein Land und eine Stadt, transportierte eine umfangreiche Hausbibliothek in eine andere Stadt, ja in die Hauptstadt eines anderen Landes, und bezog in einem Altbauviertel der Peripherie eine noch in einem provisorischen Rohzustand sich befindende Zwei-Zimmer-Wohnung.

Dort wurde er vier Wochen lang sägend, dübelnd, vermessend und verzweifelnd als Heimwerker tätig und nahm ausschließlich während Einkäufen von Nährmitteln im generellen und Holz- und Mauerwerkschrauben im speziellen Kontakt mit seiner unmittelbar zu Fuß erreichbaren Umwelt auf.

Eine im Flurbereich erlangte und im Schlafzimmer dann verfeinerte handwerkliche Kunstfertigkeit durfte, auf ihrem Zenit angelangt, in der Küche vollends sich entfalten. Hier lieferte Löwenzahn einer äußerst widerspenstigen Rolle PVC-Bodens einen abschließenden Kampf im Namen des schöneren Wohnens. Es war ein Ringen mit zehn m2 synthetischer Moleküle, eine Bändigung von Aufwürfen und Wölbungen, eine Transsubstantiation von Rolle zu Fläche. Hajo wurde Magus, Gerade wurde Kante und Kante ab in die Ecke. Das Frisörteam Löwenzahn mit dem ungewohnten Hakenmesser trat selbstsicher auf: das Rohr bedeckt lassen oder freischneiden?

Tiefe Schnitte in die Wohnfläche, fiebriges Messen mit dem Zollstock: Nach einer Stunde wurde das Gehirn selbst ausklappbar, die Gelenke alle zwei Dezimeter farbbesprenkelt, geteilt, zerteilt und aufgeteilt. Nachdem die Rolle  verlegt war, rollte Löwenzahn sich selbst zusammen und fiel in einen leichten Schlaf, vermaß eine schwarzgenoppte Nacht und verlegte in weitem, freiem Raum unendliche Bahnen von Schwarz. Schnittreste wirbelten ins bodenlose Nichts.

In den Ecken der Küche sammelte sich schon wichtigtuerisch das Heideggersche Zeug. Besen, Eimer, Korb & Kelle. Und neben Löwenzahns ruhendem Haupt leuchtete still die unzertrennliche Konstellation einer Kehrschaufel und eines Handfegers: Castor und Pollux im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit.

Als Löwenzahn aufwachte, konnte er sich in einer sauberen Küche aufrecht setzen, einen Schreibtisch vor eine beruhigende Hinterhofaussicht stellen, ein Bier öffnen und probeweise Über seine zehn m2 herrschen.

Aus einem unbehausten war endlich ein behauster Hajo geworden.

Löwenzahn administrierte jetzt erst einmal den Boden, entfernte Krümel und ließ gelassen ein bißchen Wasser umkippen, denn alles war jetzt wasserdicht und abwischbar dazu. Hinter dem Fenster, am Dachhorizont, schoben ein Dutzend Antennen Nachtwache, ganz auf Sendung, und die neuere Generation, kreiselrund und parabol, bündelte derweil geschäftig Strahlen. Und wenn die Schornsteine vor ihm rauchten, dann rauchte er eben auch.

Insgesamt war Löwenzahn zufrieden. Also wurde ein Beschluß gefaßt. In außerordentlicher Küchensitzung, mit Blick über Dächer und in einladend beleuchtete, aber noch fremde gegenüberliegende Schlafzimmer, dekretierte Hajo Löwenzahn, daß in diesem Raum sein Hauptquartier sich etabliere. Von hier aus sollten neue Renovierungskonzepte und Restaurationsprogramme in die abzweigenden Wohnbereiche ihren Ausgang nehmen, aber auch ganz neue Lebensentwürfe sollten in diesem Binnenuniversum entstehen, Orientierungshilfen und Schicksalsprojekte. Landvermessungen würden hier koordiniert, größere Ausschweifungen fänden ihren Anfang in der wasserdichten Küche, Kapitel schriebe er um und würde bei ausreichender Notwendigkeit keine Sekunde zögern, Ersatz- und Subversivgrammatiken zu erfinden.

Dachte großspurig der dreißigjährige Hajo Löwenzahn, gähnte, stand auf und wechselte von der Küche in das Badezimmer, um ein Bad zu nehmen.

Hier müßte noch manches Kapitel geschrieben und manch neue Grammatik erarbeitet werden: Drei Schichten in Fetzen herunterhängender Tapeten zeugten von drei Generationen Badender: Eine hatte sich zwischen Blumen geschrubbt, eine sich im bunten Geplapper von Papageien gebürstet, die letzte sich inmitten von Rhomben und Rauten manikürt. Den Papageienkontinent hatte ein fahrlässiger Klempner mit Rohrverlegungen und Verspachtelungen in geometrische Länder zerlegt, ohne uralte Stammesrivalitäten, bewährte Allianzen und Verwandtschaftsverhältnisse zu berücksichtigen. Die Toilette war noch nicht verschraubt: ein wackliger Thron in einem Reich undeutlicher Konturen, schwelender Konflikte und ungeklärter Machtverhältnisse.

Abdichtungen fehlten, Ritzen klafften und Fugen verwiesen auf eine unruhige Tektonik. In einer Ecke des Fenstersimses stand ein Teller mit einer Kerze und einem Päckchen Streichhölzer. In einer Ecke des Raumes stand eine Electrolux-Waschmaschine.

Die Badewanne war neu, sehr groß und bequem. An ihrem Fußende hing ein aufblasbarer Globus. Löwenzahn füllte die Wanne mit Wasser, Schaum und seinem müden Körper, schrubbte, bürstete und manikürte sich, pflückte den Papageien einen Strauß Rhomben, streckte sich aus und schloß die Augen.

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