Die Abenteuer der Mieze A. von Vladan Matijević, 2009, SchirmerGraf

Vladan Matijević

Mieze Aksentijevic hat lyrische Momente
oder
Der Heiratsantrag

(Leseprobe aus: Die Abenteuer der Mieze A., Ein Roman in 76 Kapiteln (2009,
SchirmerGraf - Übertragung Patrik Alac).

Die Lyrik ist ein Wunder, dachte Mieze Aksentijevic und fing an zu weinen, gerührt von so viel Schönheit. Sie mochte die Gedichte Rade Prousts wirklich und war froh, dass sie daran gedacht hatte, ihnen zu Ehren ein paar Tränen zu vergießen. In solchen Momenten ist sie stolz, ihre Empfindsamkeit zur Schau zu stellen, und weigert sich, auf ihre innere Stimme zu hören, die sagt: Nun übertreib mal nicht!  Es war ihr, als lieferten diese Tränen den Beweis dafür, dass sie eine Seele besaß. 

Ich sollte häufiger weinen, das hat eigentlich was ganz Schönes, schloss Mieze. Während Rade Proust ein Gedicht ans andere reihte. Ohne Atempause. Denn er spürte, dass sie ihm hingebungsvoll lauschte, und war umso inspirierter. Und tatsächlich: mit dem Rücken auf seinem Bauch, eine Hand in seiner Unterhose, den Ellbogen zwischen seine Rippen gepresst, genoss sie in vollen Zügen diesen Augenblick der Sprachkunst.

Und als Rade Proust, am Ende seiner Lektüre, sich über ihr tränennasses Gesicht beugte, erschien sie ihm mit einem Male wie jemand, der noch nie einer Seele etwas zuleide getan oder eines anderen Leben zerstört hatte, und, getäuscht von ihrem unschuldigen, sanftmütigen Aussehen, streichelte er ihr Haar, küsste sie aufs Auge und flüsterte zärtlich: Mieze, heirate mich. Red keinen Stuss, sagte Mieze und näherte sich mit dem Gesicht seinem Unterleib. Und ihr Kopf begann sich rhythmisch auf und ab, auf und ab zu bewegen.

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