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aus: Mono
S.11 - S. 14
In diesen Wochen rieche ich das
Feuer. Nicht den Rauch von den Hecken, die die Bauern verbrennen. Es ist etwas
anderes. Roswitha sagt, das sei Unsinn, das liege einfach an der Hitze im
August, und das sei das Heu, das unten auf der Wiese liegt und trocknet, seit
der alte Berwanger mit der Sense da war. Aber ich rieche es nun mal, ich kann
Heu von Feuer unterscheiden, und dann muß irgendwo Feuer sein. Da kann Roswitha
noch so energisch den Kopf schütteln.
Dabei ist sie sonst immer so vorsichtig. Sie sagt mir immer, ich soll mich nicht
so an das Geländer lehnen, mich nicht dagegen werfen und nicht daran rütteln,
es gibt sonst nach, reißt ab, und dann stürze ich hinunter auf die Wiese. Aber
ich mache es trotzdem. Wenn das Geländer einmal abreißt, falle ich sowieso
nicht hinunter, denn im Fallen schwinge ich mich auf in einem langen Bogen wie
die Schwalben, und mit den Schwalben jage ich den Mücken hinterher. Roswitha
wird es nicht glauben können und Melchior auch nicht, der wie so oft bis zum
Knie im Glan stehen wird, Muscheln suchend, aber da fliege ich hin und rufe ihn:
„Melchior, Brudermohr mit Trauerflor.“
Wenn Melchior kommt, sagt er mir, daß es Zeit für mich ist. Aber ich will
jetzt nicht zum Friedhof, ich will nicht weg vom Geländer. Melchior sagt, das
hier, das Land, diese Gegend, in der wir leben, ist das schönste Land, das es
gibt. Wir kennen überhaupt kein anderes Land, außer aus dem Fernsehen, aber
ich glaube Melchior. „Es ist nicht so leicht, hier wegzukommen für Leute wie
uns,“ sagt Roswitha. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Manchmal denke ich, sie
sagt solche Dinge, damit Melchior gar nicht erst versucht, ihr wegzulaufen. Es
geht ihm nicht schlecht mit ihr, und auch mir geht es nicht schlechter, seit sie
mit ihm mitgekommen ist, aber wir sind die Geschwister: Melchior und ich. Uns
gehören das Haus und der Garten und die Wiese, die wir an Berwanger verpachtet
haben. Und Roswitha gehört davon nichts, außer den paar Möbeln, die sie
mitgebracht hat, und Melchior eben, der ihr sowieso nie davonlaufen würde. Er
weiß gar nicht, wie das geht. Manchmal möchte ich ihn dazu anstiften, nur weil
es neu für ihn wäre. Und für Roswitha.
Ich rüttele am Geländer und lehne mich weit darüber. Wo die Bäume in einer
Schlangenlinie wachsen, verläuft der Glan. Davor liegt die Wiese mit dem Zaun
vom Berwanger. Der Zaun besteht aus alten Türen und Hasenställen, aus den
zerborstenen Rückwänden alter Schränke und aus kaputten Stühlen, an denen
noch Samtfetzen hängen, Stroh quillt heraus, und die Ziegen knabbern lustlos
daran, denn das Stroh ist längst verwittert.
Im Herbst kann ich den Glan riechen. Melchior fragt: „Erst jetzt?“ Und ist
überrascht wie jedes Jahr. Roswitha riecht nichts, und sie hält auch nichts
von unseren Gesprächen über den Geruch der Wasser, der Bäume, der Wiesen und
Hügel. „Erzählt mir noch was“, sagt sie, aber sie weiß, daß wir recht
haben. Melchior riecht den Glan noch deutlicher als ich. Er weiß sogar, wie der
Fluß sich gerade fühlt. „Heute nicht,“ sagt er an manchen Tagen und läßt
die Stiefel stehen, „er möchte heut allein sein, weißt du.“ Dann steht er
am Fenster und beobachtet argwöhnisch, ob die Kinder, die auf der anderen Seite
des Glans spielen, den Fluß nicht vollends aufbringen. Melchior ist ein
Wassermensch, der lange im Regen stehen kann, ohne sich die Tropfen aus dem
Gesicht zu wischen, die dünn über seine Wangen laufen wie der Glan übers
Wehr. Er behauptet, er kann im Wasser atmen, und nachts, wenn ich nicht schlafen
kann, glaube ich es.
Melchior riecht den Fluß noch im Hochsommer, wenn er fast ausgetrocknet ist,
Ende August, Anfang September, bevor der erste Regen wieder fällt und wenn die
Fische in den stinkenden Pfützen nach Luft schnappen. Er weiß auch im Voraus,
daß der Glan über die Ufer treten wird und warnt den alten Berwanger, damit
der seine Ziegen in Sicherheit bringt. Bei Melchiors erster Warnung hat
Berwanger die Tiere nicht weggetrieben, sondern nur abgewunken. Damals verlor er
zehn seiner zwölf Ziegen.
Wir hörten ihre gestotterten Angstschreie, als nachts das Wasser an ihnen
hochkroch und sie nicht mehr wußten, wo die Wiese endete und das abschüssige
Ufer des Glans begann, so daß eine nach der anderen abtrieb und ertrank.
Roswitha lag im Bett auf dem Bauch, preßte sich ein Kissen über den Kopf und
wimmerte, weil sie die Schreie der Tiere nicht ertragen konnte. Ihre Füße
ragten unter ihrer Decke hervor, die Sohlen waren schwarz, und ohne dieses
Wimmern hätte ich sie gemocht dafür, daß sie mit dreckigen Füßen ins Bett
ging. Melchior und ich standen auf dem Balkon und hörten den Ziegen beim
Ertrinken zu. Ich wäre gerne weggeflogen. Melchior sagte: „Wir dürfen ihnen
nicht helfen, der Berwanger muß diese Lektion lernen.“ Melchior mag die
Ziegen, aber er wird wütend, wenn man seinen Ahnungen nicht glaubt. Jetzt
glaubt Berwanger Melchior. Tage später, als das Wasser wieder abgeflossen war,
beobachtete ich Berwangers Frau, die mit gesenktem Kopf auf der schlammigen
Wiese umher ging, als könnte sie die toten Ziegen finden und wieder lebendig
machen.
Jetzt kommt Gerhard über den Traktorpfad vor der Wiese, und die Ziegen stehen
am Zaun und strecken die Schnauzen, dabei gibt er ihnen nie etwas zu fressen.
Die Ziegen sind dumm und klein, nicht wie die großen, die Berwanger vor der Überschwemmung
hatte und die mit ihren schwarzen glänzenden Augen gefährlich glotzten.
Gerhard sagt jetzt manchmal: „Du machst mich scharf, Kleine.“ Dann zwinkert
er mir nicht nur zu, sondern wackelt mit dem Mittelfinger und deutet auf den
Ziegenbock, wenn der auf einer Geiß sitzt. „Schau, das möcht ich mit dir
machen,“ soll das wohl heißen. Gerhard hat das noch nie mit mir gemacht, und
ich weiß nicht, ob er es wollte, wenn ich ihn irgendwann mal ließe.
Er hat eine Freundin aus der Stadt, Pia, die immer freitags nach Mühlbach
kommt, und Roswitha sagt, sie kann sich gar nicht vorstellen, was die hier will.
Melchior sagt, daß sie ja auch hierhergekommen ist. „Ja,“ sagt Roswitha,
„aber nicht wegen Gerhard.“
„Na, mein Schatz?“ ruft Gerhard. Ich breite die Arme aus. Pia kommt bald.
Sie hat Grübchen wie ich und Sommersprossen. Ich habe keine Sommersprossen.
Niemand heißt mehr so, sagt Roswitha. Pia ist aus dem Norden. „Ich komme auch
aus einem Kaff,“ sagt sie, „deswegen mag ich es bei Euch. Aber man muß ja
weggehen,“ sagt sie, „das ist doch solch ein brennendes Verlangen.“ Pia
betont das sogar und lacht und kitzelt mich dabei. „Was für ein
unbeschreibliches Gefühl das war, als ich zum ersten Mal allein in der Stadt
war - wie Fliegen,“ sagt sie. Und daß sie mich mitnimmt, wenn ich sechzehn
bin. Nach diesem Gespräch hat sie eine Weile jedes Wochenende gefragt: „Na,
kleine Freundin - Sonntag mal eine Woche zur Probe?“ Ich habe immer den Kopf
geschüttelt. Ich werde übermorgen erst fünfzehn. Aber wenn sie es mir heute
anbietet, sage ich sofort ja.
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