Mono vonJörg Matheis, 2003, Beck

Jörg Matheis

aus: Mono
S.11 - S. 14

In diesen Wochen rieche ich das Feuer. Nicht den Rauch von den Hecken, die die Bauern verbrennen. Es ist etwas anderes. Roswitha sagt, das sei Unsinn, das liege einfach an der Hitze im August, und das sei das Heu, das unten auf der Wiese liegt und trocknet, seit der alte Berwanger mit der Sense da war. Aber ich rieche es nun mal, ich kann Heu von Feuer unterscheiden, und dann muß irgendwo Feuer sein. Da kann Roswitha noch so energisch den Kopf schütteln.
Dabei ist sie sonst immer so vorsichtig. Sie sagt mir immer, ich soll mich nicht so an das Geländer lehnen, mich nicht dagegen werfen und nicht daran rütteln, es gibt sonst nach, reißt ab, und dann stürze ich hinunter auf die Wiese. Aber ich mache es trotzdem. Wenn das Geländer einmal abreißt, falle ich sowieso nicht hinunter, denn im Fallen schwinge ich mich auf in einem langen Bogen wie die Schwalben, und mit den Schwalben jage ich den Mücken hinterher. Roswitha wird es nicht glauben können und Melchior auch nicht, der wie so oft bis zum Knie im Glan stehen wird, Muscheln suchend, aber da fliege ich hin und rufe ihn:
„Melchior, Brudermohr mit Trauerflor.“
Wenn Melchior kommt, sagt er mir, daß es Zeit für mich ist. Aber ich will jetzt nicht zum Friedhof, ich will nicht weg vom Geländer. Melchior sagt, das hier, das Land, diese Gegend, in der wir leben, ist das schönste Land, das es gibt. Wir kennen überhaupt kein anderes Land, außer aus dem Fernsehen, aber ich glaube Melchior. „Es ist nicht so leicht, hier wegzukommen für Leute wie uns,“ sagt Roswitha. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Manchmal denke ich, sie sagt solche Dinge, damit Melchior gar nicht erst versucht, ihr wegzulaufen. Es geht ihm nicht schlecht mit ihr, und auch mir geht es nicht schlechter, seit sie mit ihm mitgekommen ist, aber wir sind die Geschwister: Melchior und ich. Uns gehören das Haus und der Garten und die Wiese, die wir an Berwanger verpachtet haben. Und Roswitha gehört davon nichts, außer den paar Möbeln, die sie mitgebracht hat, und Melchior eben, der ihr sowieso nie davonlaufen würde. Er weiß gar nicht, wie das geht. Manchmal möchte ich ihn dazu anstiften, nur weil es neu für ihn wäre. Und für Roswitha.
Ich rüttele am Geländer und lehne mich weit darüber. Wo die Bäume in einer Schlangenlinie wachsen, verläuft der Glan. Davor liegt die Wiese mit dem Zaun vom Berwanger. Der Zaun besteht aus alten Türen und Hasenställen, aus den zerborstenen Rückwänden alter Schränke und aus kaputten Stühlen, an denen noch Samtfetzen hängen, Stroh quillt heraus, und die Ziegen knabbern lustlos daran, denn das Stroh ist längst verwittert.
Im Herbst kann ich den Glan riechen. Melchior fragt: „Erst jetzt?“ Und ist überrascht wie jedes Jahr. Roswitha riecht nichts, und sie hält auch nichts von unseren Gesprächen über den Geruch der Wasser, der Bäume, der Wiesen und Hügel. „Erzählt mir noch was“, sagt sie, aber sie weiß, daß wir recht haben. Melchior riecht den Glan noch deutlicher als ich. Er weiß sogar, wie der Fluß sich gerade fühlt. „Heute nicht,“ sagt er an manchen Tagen und läßt die Stiefel stehen, „er möchte heut allein sein, weißt du.“ Dann steht er am Fenster und beobachtet argwöhnisch, ob die Kinder, die auf der anderen Seite des Glans spielen, den Fluß nicht vollends aufbringen. Melchior ist ein Wassermensch, der lange im Regen stehen kann, ohne sich die Tropfen aus dem Gesicht zu wischen, die dünn über seine Wangen laufen wie der Glan übers Wehr. Er behauptet, er kann im Wasser atmen, und nachts, wenn ich nicht schlafen kann, glaube ich es.
Melchior riecht den Fluß noch im Hochsommer, wenn er fast ausgetrocknet ist, Ende August, Anfang September, bevor der erste Regen wieder fällt und wenn die Fische in den stinkenden Pfützen nach Luft schnappen. Er weiß auch im Voraus, daß der Glan über die Ufer treten wird und warnt den alten Berwanger, damit der seine Ziegen in Sicherheit bringt. Bei Melchiors erster Warnung hat Berwanger die Tiere nicht weggetrieben, sondern nur abgewunken. Damals verlor er zehn seiner zwölf Ziegen.
Wir hörten ihre gestotterten Angstschreie, als nachts das Wasser an ihnen hochkroch und sie nicht mehr wußten, wo die Wiese endete und das abschüssige Ufer des Glans begann, so daß eine nach der anderen abtrieb und ertrank. Roswitha lag im Bett auf dem Bauch, preßte sich ein Kissen über den Kopf und wimmerte, weil sie die Schreie der Tiere nicht ertragen konnte. Ihre Füße ragten unter ihrer Decke hervor, die Sohlen waren schwarz, und ohne dieses Wimmern hätte ich sie gemocht dafür, daß sie mit dreckigen Füßen ins Bett ging. Melchior und ich standen auf dem Balkon und hörten den Ziegen beim Ertrinken zu. Ich wäre gerne weggeflogen. Melchior sagte: „Wir dürfen ihnen nicht helfen, der Berwanger muß diese Lektion lernen.“ Melchior mag die Ziegen, aber er wird wütend, wenn man seinen Ahnungen nicht glaubt. Jetzt glaubt Berwanger Melchior. Tage später, als das Wasser wieder abgeflossen war, beobachtete ich Berwangers Frau, die mit gesenktem Kopf auf der schlammigen Wiese umher ging, als könnte sie die toten Ziegen finden und wieder lebendig machen.
Jetzt kommt Gerhard über den Traktorpfad vor der Wiese, und die Ziegen stehen am Zaun und strecken die Schnauzen, dabei gibt er ihnen nie etwas zu fressen. Die Ziegen sind dumm und klein, nicht wie die großen, die Berwanger vor der Überschwemmung hatte und die mit ihren schwarzen glänzenden Augen gefährlich glotzten. Gerhard sagt jetzt manchmal: „Du machst mich scharf, Kleine.“ Dann zwinkert er mir nicht nur zu, sondern wackelt mit dem Mittelfinger und deutet auf den Ziegenbock, wenn der auf einer Geiß sitzt. „Schau, das möcht ich mit dir machen,“ soll das wohl heißen. Gerhard hat das noch nie mit mir gemacht, und ich weiß nicht, ob er es wollte, wenn ich ihn irgendwann mal ließe.
Er hat eine Freundin aus der Stadt, Pia, die immer freitags nach Mühlbach kommt, und Roswitha sagt, sie kann sich gar nicht vorstellen, was die hier will. Melchior sagt, daß sie ja auch hierhergekommen ist. „Ja,“ sagt Roswitha, „aber nicht wegen Gerhard.“
„Na, mein Schatz?“ ruft Gerhard. Ich breite die Arme aus. Pia kommt bald. Sie hat Grübchen wie ich und Sommersprossen. Ich habe keine Sommersprossen. Niemand heißt mehr so, sagt Roswitha. Pia ist aus dem Norden. „Ich komme auch aus einem Kaff,“ sagt sie, „deswegen mag ich es bei Euch. Aber man muß ja weggehen,“ sagt sie, „das ist doch solch ein brennendes Verlangen.“ Pia betont das sogar und lacht und kitzelt mich dabei. „Was für ein unbeschreibliches Gefühl das war, als ich zum ersten Mal allein in der Stadt war - wie Fliegen,“ sagt sie. Und daß sie mich mitnimmt, wenn ich sechzehn bin. Nach diesem Gespräch hat sie eine Weile jedes Wochenende gefragt: „Na, kleine Freundin - Sonntag mal eine Woche zur Probe?“ Ich habe immer den Kopf geschüttelt. Ich werde übermorgen erst fünfzehn. Aber wenn sie es mir heute anbietet, sage ich sofort ja.

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