aus: Tochter der Hündin
Meine Mutter hatte ihr Haar
gelöst, es fiel ihr fast bis zur Taille, die schönen Haare hab ich von ihr. Sie ging zum
Ausguß und fing an, es sich mit der Schneiderschere zu kürzen, wir sahen ihr dabei zu.
Und als sie fertig war, säuberte sie den Ausguß, flocht die abgeschnittenen Haare zu
einem Zopf, warf sie in den Mülleimer und meinte zu mir, lauf rüber zu Fräulein Salome
und sag, ich bitte sie, mir ihren Lippenstift zu leihen.
Meine Mutter hatte sich noch nie im Leben geschminkt. Bis zu jenem Nachmittag. Und auch
nachher nicht mehr. Nur einmal bemalten sie sie mit Ruß, damals, als sie sie in aller
Öffentlichkeit herumzeigten, als wir gerade befreit worden waren. Bei ihrer Beerdigung
vorvoriges Jahr habe ich ihr in dem Moment, als man sie hinunterließ, gerade noch meinen
Lippenstift zuwerfen können. Damit ich auch einmal meinen Willen bekam. (...)
Ich gehe zu Fräulein Salome, sie
leiht mir den Lippenstift gerne. Gottlob hatte sie ihn gerade bei sich zu Hause, denn es
war Winter. Im Sommer bat sie die Leute im Kafenío weiter unten, ihn für sie im
Eisschrank aufzuheben, damit er nicht zerfloß. Das Geheimnis hab ich mir von ihr
abgeguckt, gesegnet sei sie, als ich in den Beruf eintrat und mit auf Tournee ging: ich
machte dem Kafeníobesitzer im jeweiligen Dorf schöne Augen und brachte ihm meine
Kosmetika, da hatten sie allerdings schon elektrische Kühlschränke, keine mehr mit Eis.
Auch heutzutage bewahre ich meinen Lippenstift immer im Kühlschrank auf.
Ich hole also den Lippenstift von Fräulein Salome und bringe ihn neugierig meiner Mutter.
Die färbte sich die Lippen, das gekürzte Haar stand ihr sehr gut, aber das war ihr nicht
bewußt. Sie schlüpfte in den Mantel, ich komme sofort wieder, sagte sie zu uns, wartet.
Und wahrhaftig kam sie sofort wieder, mit entschlossenem Gesicht. Hört zu, meinte sie,
jetzt kommt gleich ein Herr hierher. Ihr geht dann raus, und in einer halben Stunde rufe
ich euch. Los, spielt im Hof. Wenn es tröpfelt, geht ihr eben in den Abort oder in die
Kirche. Und sie füllte die Waschschüssel mit Wasser und legte ein sauberes Handtuch
zurecht.
Wir gingen hinaus und brachen uns ein paar Triebe von einem Rosenstock von Frau Kanéllo,
schälten sie ab und verzehrten sie und sagten, ach, wann kommt endlich der Sommer, dann
essen wir Rebentriebe, die schmecken viel bes-ser, die von den Rosen sind so süßlich.
Und versteckten uns hinter der Mauer, weil wir sahen, daß nicht irgendein griechischer
Herr unser Haus betrat, sondern der Italiener Alfio von der Carabineria. Fräulein Salome
stand auf dem Balkon und hängte am Abend so ein bißchen Wäsche auf, um Himmels willen,
Adriána, komm schnell und schau, rief sie. Also kam auch Frau Adriána heraus, und
Fräulein Salome rief uns zu, Mensch, die machen eine Haussuchung bei euch, aber ihre
Schwester meinte, halt doch den Mund, Salome, urteile nicht, und schob sie nach drinnen.
Weil uns der Hunger auch mit den Rosentrieben nicht vergangen war, wurde es uns
langweilig, und wir schlüpften in die Kirche. Später sahen wir dann Herrn Alfio die
Straße entlangkommen, und danach rief uns die Mutter, Kinder, kommt jetzt, und wir gingen
ins Haus.
Meine Mutter schob eine Waschschüssel mit Schmutzwasser unters Bett und sagte zu mir,
deck den Tisch. Und sie legte Brot auf den Tisch, das heißt, eine Pagnotta, und
Margari-ne und eine Dose Tintenfisch. Wir bekreuzigten uns, aßen richtig gut, bis nur
noch Krümel übrig waren. Darauf stand Sotíris vom Tisch auf, zog die Serviette ab und
meinte zur Mutter, du bist eine Hure. Die Mutter sagte nichts, und ich stand auf, um mich
auf ihn zu stürzen, und verdrosch ihn, danach machte er die Tür auf und ging fort. Ich
habe ihn achtundzwanzig Jahre später zufällig in Piräus wiedergesehen, er redete nicht
mit mir, seither hab ich ihn nicht mehr gesehen. Meine Mutter sah ihn überhaupt nie mehr
wieder und machte auch keinen Versuch, ihn zu sehen.
Jedenfalls deckte ich an jenem Abend den Tisch ab, und wir schliefen herrlich, gesättigt,
und außerdem lagen Fanúlis und ich bequemer, zwei in einem Bett sind besser als drei.
Bevor wir ins Bett gingen, fragte ich, Mama, wollen Sie, daß ich das Schmutzwasser aus
der Waschschüssel weggieße? Nein, sagte sie, das ist meine Aufgabe. Und bedankte sich
bei mir. Von jenem Abend an begann ich sie zu siezen, bis zu ihrem Tod. Sogar jetzt rede
ich sie bei meinen Besuchen an Allerseelen immer noch mit Sie an.
Rezension I Buchbestellung IV01 LYRIKwelt © Hanser