Laura oder die Tücken der Kunst von Pierangelo Maset, 2007, Kookbooks

Pierangelo Maset

Laura oder die Tücken der Kunst
(Leseprobe aus: Laura oder die Tücken der Kunst, Roman, 2004, Kookbooks)

Ruth wurde fordernder und erteilte mir zusätzliche Anweisungen. Manchmal waren sie banal, wie zum Beispiel einen Künstler zu befragen, was er als Nächstes plane. Dann wieder gab es Aufträge, die die Grenze der Legalität überschritten und mich zunächst irritierten. So forderte sie mich dazu auf, Arbeiten in unbewachten Momenten unbemerkt zu verändern, indem ich beispielsweise von einer Skulptur ein Stück entfernen oder bei einer Zeichnung etwas hinzufügen sollte. Ich muss gestehen, dass mir das Spaß bereitete, weil ich auf diese Art und Weise meine bei aller Faszination weiter bestehenden Vorbehalte gegen das Umfeld der Kunst direkt und doch diskret ausleben konnte und es mir darüber hinaus eine Signatur ermöglichte. Entdeckt wurden unsere Eingriffe eigentlich nie, Kunst wird von ihren Betrachtern nur selten genau angeschaut. Wichtig war, dass es keine offensichtlichen Beschädigungen gab, sondern es sich lediglich um kleine Einmischungen in die Komposition eines Werkes handelte, die ihm zuweilen gar nicht so schlecht standen. Ruth erteilte mir solche Aufträge mit einem bodenlosen Lächeln, und ihr gefiel, dass ich mich nicht dagegen wehrte. Sie unterstützte mich bei diesen Aktionen durch Ablenkungsmanöver, die sie geschickt einfädelte. Es war schon eine komische Vorstellung, dass diese Eingriffe möglicherweise irgendwann zur Kunstgeschichte gehören würden. Die Werke hingen oder standen irgendwo herum und konnten sich nicht wehren. Sie waren allen und allem ausgeliefert: den Galeristen und Sammlern, den Blicken und Ausdünstungen der Betrachter, den Temperaturen, Räumen und Luftbefeuchtern, den Ikonoklasten und Ignoranten. Ihre Urheber hatten sie in die Welt des Vergehens gestellt, und nun waren sie so ausgesetzt und gefährdet wie alles andere, das eine Wirklichkeit darstellt. Kunst zu bezweifeln, zu verändern, zu verwandeln, umzuändern, zu betatschen, anzugrabbeln, zu bespucken, zu zerkratzen, zu besudeln: All das kommt stets gut. In Bezug auf die Kunst sind die, die sie hervorgebracht haben, Masochisten und die, die sie nicht hervorgebracht haben, Sadisten. Jedenfalls gab es eine Reihe von Tricks, um so manches Werk, das mittels Inspiration und Transpiration entstanden war, während seiner Darbietung aus der Fassung zu bringen.
- Wir werden langsam selbst zu Künstlern, und gleichzeitig verkaufen wir die Kunst. Das ist kaum zu schlagen.
- Ist das schon Kunst, wenn man eine Arbeit leicht verändert? Oder ist das Vandalismus?
- Kunst ist nichts anderes als eine höhere Form von Vandalismus. Schau dir die Kunstgeschichte an, von Caravaggio bis Duchamp wurde das, was diesen Künstlern vorausgegangen war, aufgewühlt oder zerstört. Der innere Antrieb der Kunst ist die Auslöschung ihrer Überlieferung. Wir sind da nur konsequent, und das Beste ist: Wir fangen gerade erst an.

Eines Tages überreichte sie mir eine kleine gläserne, türkisfarbene Sprühflasche mit goldenem Kopf. In diese Flasche sollte ich eine flüssige Substanz einfüllen, die dafür gedacht war, sie unbemerkt auf Kunstwerke zu sprühen. Was es sein sollte, sagte sie mir nicht, doch mit einem unmissverständlichen Blick wurde mir ihr Auftrag klar, dass ich nämlich meinen Urin in diese Flasche füllen und ihn auf Kunst sprühen sollte, eine zunächst äußerst abwegige Vorstellung, die etwas Düsteres hatte und in abgründige Bereiche vordrang. Archaische Rituale kamen mir in den Sinn, die ich aus Büchern oder aus surrealistischer Prosa kannte, mit ihnen waren Schläfer verbunden, die quer über das zwanzigste Jahrhundert verteilt darauf warteten, aktiviert zu werden, um unsere zivilisatorischen Regeln im Strom des Ungeahnten versinken zu lassen.
Körperflüssigkeiten haben einen magischen Charakter, wenn sie verwendet, statt irgendwo liegen gelassen oder heruntergespült werden. Für eine Aktion mit der kleinen Flasche musste der passende Künstler her, und ich dachte sofort daran, dass unbedingt ein sehr bekannter Meister dafür herhalten sollte. Pablo wäre der Richtige, er, der alles ausprobiert und dabei so manchen Stil, manchen Freund und manche Frau hinter sich gelassen hatte und dafür geehrt wurde wie kein anderer, ja verehrt wurde, auf einem Sockel stand und als Vorbild für alle nachfolgenden Künstlergenerationen galt. Er war für meinen Sprühfilm der geeignete Mann, und in der Stadt würde es bald eine Ausstellung mit dem Titel Das plastische Werk geben. Er lebte nicht mehr und konnte sich folglich auch nicht mehr aufregen, und außerdem hatte er ja selbst alles in sich aufgenommen, was er zu Gesicht bekam, alle Stile, alle Neuerungen, alle Künstlerfreundinnen. Er war überhaupt total rücksichtslos und galt deshalb als der typische Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts, als der Allerbeste und Unerreichte. Von daher war er für mich perfekt, wenn ich auch seine Kunst nicht besonders schätzte, wofür es keinen Grund gab, oder nur diesen ganz banalen, dass mir die Biografie des Meisters das Werk total verstellt hatte. Der Nervenkitzel wurde mit solch einer Aktion, die ja nicht nur einem Werk etwas hinzufügte, sondern einen sinnlich wahrnehmbaren Kommentar abgab, unermesslich gesteigert, denn hier ging es nicht mehr lediglich um eine Ergänzung der Komposition, sondern das Werk wurde in seiner Ausstrahlung verändert. Ich musste das sehr genau planen und konnte nicht mit Ruths Hilfe rechnen, da sie sich während der Veranstaltung unter den Gästen aufhalten wollte.

Wachpersonal in Museen kennt in der Regel nur zwei Betriebszustände, entweder eine misstrauische Aufmerksamkeit, die dem Besucher den Eindruck vermittelt, nicht aus den Augen gelassen zu werden, oder ein Wachheit simulierendes Weggetretensein, das sich mit ganz anderen Dingen beschäftigt, als die Uniformhülle vorgibt: entrückte Wachen, die mit offenen Augen in den Hallen stehen und sich doch mental gleichzeitig auf der Pferderennbahn, im Taubenzüchterverein oder in der Bibelgruppe befinden und den Job genau aus dem Grunde machen, dass er dieses Entrücken ermöglicht, oder auch solche, die Aushilfen sind und als Hauptberuf Schauspielschüler oder Schriftsteller angeben, und die sind ohnehin nicht ernst zu nehmen, da ihre Konzentration immer an etwas anderem hängt als an dem gefährlichen Besucher, der sich entweder unvorsichtig den Werken nähert und aus Trotteligkeit einen Schaden verursacht, oder dem Bilderstürmer, der sich generalstabsmäßig auf das Ereignis vorbereitet hat und so zuschlägt, dass es eigentlich nicht zu verhindern ist, um sich an der Kultur insgesamt zu rächen, die ihn nicht zuließ oder an seine Grenzen brachte. Das würde ich als niederes Motiv aus Enttäuschung ansehen, da ist nichts Aufbauendes dran, zumal die Werke der Kunst ja eher die guten Seiten der Kultur zeigen. Ich nehme eine dritte Position ein, ich greife minimal invasiv in die Kunst ein, denn das Werk verändert sich eben doch nicht durch sich selbst, jedenfalls nicht ohne ein wie auch immer zweckmäßiges Zutun. Wie dem auch sei, ich benötigte eher den Typus des entrückten oder des unprofessionellen Wachpersonals. Ich hatte meine Aufträge noch nicht so perfektioniert, dass ich sie mit geschmeidiger schauspielerischer Wendigkeit hätte ausführen können, dazu hätte ich mich bis in die feinste Mimik hinein kennen müssen, was jedoch nicht der Fall war, und ich konnte noch nie wirklich gut vor dem Spiegel üben.

Die Ausstellung fand in der Neuen Nationalgalerie, in dem schwarzgläsernen Bau Mies van der Rohes, statt, der aus liegen gebliebenen Plänen für eine Zigarrenfabrik stammte. Zur Vernissage war die halbe Stadt gekommen, die wichtigen Leute und ihr unvermeidlicher Anhang. Die Veranstaltung erschien mir für meine Aktion recht gut geeignet, da anzunehmen war, dass man in diesem Getümmel unauffällig agieren konnte. Ich fuhr samt meinem Fläschchen per Linienbus und stieg an der Potsdamer Brücke aus, die Eintrittskarte hatte Ruth, die später hinzukommen wollte, mir schon besorgt. Es war ein lauer Spätsommerabend, Garderobe zum Abgeben hatte ich nicht, ich trug etwas betont Unauffälliges, dunkelblaue Jeans, Bluse und Blazer in Schwarz, eine kleine Tasche ließ man mir, auf Vernissagen wurden damals Sicherheitsfragen locker gesehen, denn es war noch nicht im öffentlichen Bewusstsein, dass Kunstwerke bei solchen Gelegenheiten zu Bruch gehen konnten.
Pablo galt als der Künstler des Aufbruchs, der die Kunst der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wie kein Zweiter verkörperte, der viele Stile ausprobiert hatte und immer auf der Suche war. In jedem Artikel über ihn konnte man das nachlesen. Er war der Künstler, der für all das stand, was die Moderne ausmachte, das reizte mich an ihm. Er hatte alles erreicht, vor allem, was die Urteile über ihn anging. Er sollte dafür von einer rückhaltlosen Kunstagentin oder Kunstterroristin, die sich nach seiner Lebenszeit auf den Weg gemacht hatte, mit einer ausgesuchten Gegenleistung bedacht werden. Entscheidend war meine Auswahl: Welche von den vielen hier ausgestellten Plastiken Pablos kam für meine Aktion infrage? Zuerst hatte ich an den berühmten Stierschädel gedacht, der lediglich aus der Zusammensetzung eines ledernen Fahrradsattels mit einem Fahrradlenker bestand, ein Werk aus Fundstücken. Die Vorgehensweise hatte sich der stets aufmerksame und aufnahmefähige Pablo vermutlich bei seinem Kollegen Duchamp entliehen. Bei meinen Recherchen zu dieser Aktion war ich auch auf einen Satz Pablos gestoßen, der, nachdem der Autor Michel Leiris ihn zu diesem Werk beglückwünscht hatte, gesagt haben soll: Das reicht nicht. Man müsste nur einen Holzscheit nehmen können, auf dass er schon ein Vogel sei. Das klang richtig gut. Der Stierschädel hatte den Vorteil, dass er sehr bekannt war und infolgedessen auch von vielen Besuchern betrachtet wurde, was allerdings wiederum die Aktion beeinträchtigen konnte.
Bei meinem Gang durch die Ausstellung kam ich an einem Sockel vorbei, auf dem eine entfernt an eine weibliche Gestalt erinnernde Figur stand, La Vénus du Gaz, eine Skulptur aus der Zeit kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, wie das Informationsschild vermittelte. Ihr metallener Korpus bestand aus dem, was einmal ein Gasbrenner gewesen war, den der Meister mittels seiner typischen Formensprache in eine Figur verwandelt hatte. Selbst an einem alten Gasherd fand Pablo das Ewig Weibliche wieder, dieser faustische Künstler überführte female Energien in eine ununterbrochen ausufernde und richtungslose Produktion. Mich ärgerten solche Männer, die so einseitig an der Lebensform Frau interessiert waren, dass nur Mutter, Muse oder Nutte übrig blieben. Vielleicht war diese Einschätzung ungerecht, aber sie verhalf mir zu meiner Auswahl und machte auch Mut, denn ich hatte nun sogar eine nicht ganz von der Hand zu weisende Rechtfertigung. La Vénus du Gaz wartete also darauf, mit einem Sprühfilm, der aus meinem Morgenurin bestand, berieselt zu werden, um in ein anderes Stadium zu gelangen, vielleicht sogar ein Stück weit aus diesem Museum herauszukommen.

Die Ausstellung war inzwischen mit einer beträchtlichen Menschenmenge gefüllt. Ich kannte einige Personen und hoffte, dass sie mich nicht identifizieren würden, denn der Standort der Venus grenzte an den Hauptraum, der immer voller wurde. Da es eine Eröffnungsrede des Chefkurators geben sollte, wurde das Licht gedimmt, ein Spotlight hellte die Mitte auf, in der ein Mikrofon vor einem Rednerpult aufgestellt war. Viele Rituale sind notwendig, um solch eine merkwürdige Veranstaltung zu inszenieren, dachte ich. Bald würde ich zuschlagen, der Moment war günstig. Die Stimme des Kurators erklang weich und eindringlich. Er nannte Pablos Namen und stellte einige Daten in einen Zusammenhang mit der Entwicklung der Kunst, ich nahm das wie ein Signal wahr. Eine eigenartige Absenz setzte ein, in der ich mich in Richtung der Gasvenus bewegte und dabei die Handtasche mit dem Fläschchen öffnete. Mit einem Griff hatte ich es in der Hand und fühlte mit dem Zeigefinger, auf welcher Seite sich die Öffnung befand. Plötzlich spürte ich einen Blick auf mir, direkt und unmissverständlich. Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich unsere Augenpaare, ich sah die Uniform, ein älterer Wachmann, vielleicht um die fünfzig, in eine andere Richtung spähend als die meisten Vernissagebesucher, er fixierte mich. Ohne weiter nachzudenken, ging ich auf die Skulptur zu, die nur noch wenige Schritte von mir entfernt war, und richtete das Fläschchen als Pistole auf den zur Kunst transformierten Gasbrenner.
Mit einem Laut wie von der Flügelbewegung eines Insekts setzte sich der Sprühstrahl frei und befeuchtete die Skulptur. Im selben Moment spürte ich auch schon eine Hand, die meinen Unterarm unsanft packte.

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