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Laura oder die Tücken der Kunst
(Leseprobe aus: Laura oder die
Tücken der Kunst, Roman, 2004, Kookbooks)
Ruth wurde fordernder
und erteilte mir zusätzliche Anweisungen. Manchmal waren sie banal, wie zum
Beispiel einen Künstler zu befragen, was er als Nächstes plane. Dann wieder
gab es Aufträge, die die Grenze der Legalität überschritten und mich zunächst
irritierten. So forderte sie mich dazu auf, Arbeiten in unbewachten Momenten
unbemerkt zu verändern, indem ich beispielsweise von einer Skulptur ein Stück
entfernen oder bei einer Zeichnung etwas hinzufügen sollte. Ich muss gestehen,
dass mir das Spaß bereitete, weil ich auf diese Art und Weise meine bei aller
Faszination weiter bestehenden Vorbehalte gegen das Umfeld der Kunst direkt und
doch diskret ausleben konnte und es mir darüber hinaus eine Signatur ermöglichte.
Entdeckt wurden unsere Eingriffe eigentlich nie, Kunst wird von ihren
Betrachtern nur selten genau angeschaut. Wichtig war, dass es keine
offensichtlichen Beschädigungen gab, sondern es sich lediglich um kleine
Einmischungen in die Komposition eines Werkes handelte, die ihm zuweilen gar
nicht so schlecht standen. Ruth erteilte mir solche Aufträge mit einem
bodenlosen Lächeln, und ihr gefiel, dass ich mich nicht dagegen wehrte. Sie
unterstützte mich bei diesen Aktionen durch Ablenkungsmanöver, die sie
geschickt einfädelte. Es war schon eine komische Vorstellung, dass diese
Eingriffe möglicherweise irgendwann zur Kunstgeschichte gehören würden. Die
Werke hingen oder standen irgendwo herum und konnten sich nicht wehren. Sie
waren allen und allem ausgeliefert: den Galeristen und Sammlern, den Blicken und
Ausdünstungen der Betrachter, den Temperaturen, Räumen und Luftbefeuchtern,
den Ikonoklasten und Ignoranten. Ihre Urheber hatten sie in die Welt des
Vergehens gestellt, und nun waren sie so ausgesetzt und gefährdet wie alles
andere, das eine Wirklichkeit darstellt. Kunst zu bezweifeln, zu verändern, zu
verwandeln, umzuändern, zu betatschen, anzugrabbeln, zu bespucken, zu
zerkratzen, zu besudeln: All das kommt stets gut. In Bezug auf die Kunst sind
die, die sie hervorgebracht haben, Masochisten und die, die sie nicht
hervorgebracht haben, Sadisten. Jedenfalls gab es eine Reihe von Tricks, um so
manches Werk, das mittels Inspiration und Transpiration entstanden war, während
seiner Darbietung aus der Fassung zu bringen.
- Wir werden langsam selbst zu Künstlern, und gleichzeitig verkaufen wir die
Kunst. Das ist kaum zu schlagen.
- Ist das schon Kunst, wenn man eine Arbeit leicht verändert? Oder ist das
Vandalismus?
- Kunst ist nichts anderes als eine höhere Form von Vandalismus. Schau dir die
Kunstgeschichte an, von Caravaggio bis Duchamp wurde das, was diesen Künstlern
vorausgegangen war, aufgewühlt oder zerstört. Der innere Antrieb der Kunst ist
die Auslöschung ihrer Überlieferung. Wir sind da nur konsequent, und das Beste
ist: Wir fangen gerade erst an.
Eines Tages überreichte sie mir eine kleine gläserne, türkisfarbene Sprühflasche
mit goldenem Kopf. In diese Flasche sollte ich eine flüssige Substanz einfüllen,
die dafür gedacht war, sie unbemerkt auf Kunstwerke zu sprühen. Was es sein
sollte, sagte sie mir nicht, doch mit einem unmissverständlichen Blick wurde
mir ihr Auftrag klar, dass ich nämlich meinen Urin in diese Flasche füllen und
ihn auf Kunst sprühen sollte, eine zunächst äußerst abwegige Vorstellung,
die etwas Düsteres hatte und in abgründige Bereiche vordrang. Archaische
Rituale kamen mir in den Sinn, die ich aus Büchern oder aus surrealistischer
Prosa kannte, mit ihnen waren Schläfer verbunden, die quer über das zwanzigste
Jahrhundert verteilt darauf warteten, aktiviert zu werden, um unsere
zivilisatorischen Regeln im Strom des Ungeahnten versinken zu lassen.
Körperflüssigkeiten haben einen magischen Charakter, wenn sie verwendet, statt
irgendwo liegen gelassen oder heruntergespült werden. Für eine Aktion mit der
kleinen Flasche musste der passende Künstler her, und ich dachte sofort daran,
dass unbedingt ein sehr bekannter Meister dafür herhalten sollte. Pablo wäre
der Richtige, er, der alles ausprobiert und dabei so manchen Stil, manchen
Freund und manche Frau hinter sich gelassen hatte und dafür geehrt wurde wie
kein anderer, ja verehrt wurde, auf einem Sockel stand und als Vorbild für alle
nachfolgenden Künstlergenerationen galt. Er war für meinen Sprühfilm der
geeignete Mann, und in der Stadt würde es bald eine Ausstellung mit dem Titel
Das plastische Werk geben. Er lebte nicht mehr und konnte sich folglich auch
nicht mehr aufregen, und außerdem hatte er ja selbst alles in sich aufgenommen,
was er zu Gesicht bekam, alle Stile, alle Neuerungen, alle Künstlerfreundinnen.
Er war überhaupt total rücksichtslos und galt deshalb als der typische Künstler
des zwanzigsten Jahrhunderts, als der Allerbeste und Unerreichte. Von daher war
er für mich perfekt, wenn ich auch seine Kunst nicht besonders schätzte, wofür
es keinen Grund gab, oder nur diesen ganz banalen, dass mir die Biografie des
Meisters das Werk total verstellt hatte. Der Nervenkitzel wurde mit solch einer
Aktion, die ja nicht nur einem Werk etwas hinzufügte, sondern einen sinnlich
wahrnehmbaren Kommentar abgab, unermesslich gesteigert, denn hier ging es nicht
mehr lediglich um eine Ergänzung der Komposition, sondern das Werk wurde in
seiner Ausstrahlung verändert. Ich musste das sehr genau planen und konnte
nicht mit Ruths Hilfe rechnen, da sie sich während der Veranstaltung unter den
Gästen aufhalten wollte.
Wachpersonal in Museen kennt in der Regel nur zwei Betriebszustände, entweder
eine misstrauische Aufmerksamkeit, die dem Besucher den Eindruck vermittelt,
nicht aus den Augen gelassen zu werden, oder ein Wachheit simulierendes
Weggetretensein, das sich mit ganz anderen Dingen beschäftigt, als die Uniformhülle
vorgibt: entrückte Wachen, die mit offenen Augen in den Hallen stehen und sich
doch mental gleichzeitig auf der Pferderennbahn, im Taubenzüchterverein oder in
der Bibelgruppe befinden und den Job genau aus dem Grunde machen, dass er dieses
Entrücken ermöglicht, oder auch solche, die Aushilfen sind und als Hauptberuf
Schauspielschüler oder Schriftsteller angeben, und die sind ohnehin nicht ernst
zu nehmen, da ihre Konzentration immer an etwas anderem hängt als an dem gefährlichen
Besucher, der sich entweder unvorsichtig den Werken nähert und aus
Trotteligkeit einen Schaden verursacht, oder dem Bilderstürmer, der sich
generalstabsmäßig auf das Ereignis vorbereitet hat und so zuschlägt, dass es
eigentlich nicht zu verhindern ist, um sich an der Kultur insgesamt zu rächen,
die ihn nicht zuließ oder an seine Grenzen brachte. Das würde ich als niederes
Motiv aus Enttäuschung ansehen, da ist nichts Aufbauendes dran, zumal die Werke
der Kunst ja eher die guten Seiten der Kultur zeigen. Ich nehme eine dritte
Position ein, ich greife minimal invasiv in die Kunst ein, denn das Werk verändert
sich eben doch nicht durch sich selbst, jedenfalls nicht ohne ein wie auch immer
zweckmäßiges Zutun. Wie dem auch sei, ich benötigte eher den Typus des entrückten
oder des unprofessionellen Wachpersonals. Ich hatte meine Aufträge noch nicht
so perfektioniert, dass ich sie mit geschmeidiger schauspielerischer Wendigkeit
hätte ausführen können, dazu hätte ich mich bis in die feinste Mimik hinein
kennen müssen, was jedoch nicht der Fall war, und ich konnte noch nie wirklich
gut vor dem Spiegel üben.
Die Ausstellung fand in der Neuen Nationalgalerie, in dem schwarzgläsernen Bau
Mies van der Rohes, statt, der aus liegen gebliebenen Plänen für eine
Zigarrenfabrik stammte. Zur Vernissage war die halbe Stadt gekommen, die
wichtigen Leute und ihr unvermeidlicher Anhang. Die Veranstaltung erschien mir für
meine Aktion recht gut geeignet, da anzunehmen war, dass man in diesem Getümmel
unauffällig agieren konnte. Ich fuhr samt meinem Fläschchen per Linienbus und
stieg an der Potsdamer Brücke aus, die Eintrittskarte hatte Ruth, die später
hinzukommen wollte, mir schon besorgt. Es war ein lauer Spätsommerabend,
Garderobe zum Abgeben hatte ich nicht, ich trug etwas betont Unauffälliges,
dunkelblaue Jeans, Bluse und Blazer in Schwarz, eine kleine Tasche ließ man
mir, auf Vernissagen wurden damals Sicherheitsfragen locker gesehen, denn es war
noch nicht im öffentlichen Bewusstsein, dass Kunstwerke bei solchen
Gelegenheiten zu Bruch gehen konnten.
Pablo galt als der Künstler des Aufbruchs, der die Kunst der ersten Hälfte des
zwanzigsten Jahrhunderts wie kein Zweiter verkörperte, der viele Stile
ausprobiert hatte und immer auf der Suche war. In jedem Artikel über ihn konnte
man das nachlesen. Er war der Künstler, der für all das stand, was die Moderne
ausmachte, das reizte mich an ihm. Er hatte alles erreicht, vor allem, was die
Urteile über ihn anging. Er sollte dafür von einer rückhaltlosen Kunstagentin
oder Kunstterroristin, die sich nach seiner Lebenszeit auf den Weg gemacht
hatte, mit einer ausgesuchten Gegenleistung bedacht werden. Entscheidend war
meine Auswahl: Welche von den vielen hier ausgestellten Plastiken Pablos kam für
meine Aktion infrage? Zuerst hatte ich an den berühmten Stierschädel gedacht,
der lediglich aus der Zusammensetzung eines ledernen Fahrradsattels mit einem
Fahrradlenker bestand, ein Werk aus Fundstücken. Die Vorgehensweise hatte sich
der stets aufmerksame und aufnahmefähige Pablo vermutlich bei seinem Kollegen
Duchamp entliehen. Bei meinen Recherchen zu dieser Aktion war ich auch auf einen
Satz Pablos gestoßen, der, nachdem der Autor Michel Leiris ihn zu diesem Werk
beglückwünscht hatte, gesagt haben soll: Das reicht nicht. Man müsste nur
einen Holzscheit nehmen können, auf dass er schon ein Vogel sei. Das klang
richtig gut. Der Stierschädel hatte den Vorteil, dass er sehr bekannt war und
infolgedessen auch von vielen Besuchern betrachtet wurde, was allerdings
wiederum die Aktion beeinträchtigen konnte.
Bei meinem Gang durch die Ausstellung kam ich an einem Sockel vorbei, auf dem
eine entfernt an eine weibliche Gestalt erinnernde Figur stand, La Vénus du Gaz,
eine Skulptur aus der Zeit kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, wie das
Informationsschild vermittelte. Ihr metallener Korpus bestand aus dem, was
einmal ein Gasbrenner gewesen war, den der Meister mittels seiner typischen
Formensprache in eine Figur verwandelt hatte. Selbst an einem alten Gasherd fand
Pablo das Ewig Weibliche wieder, dieser faustische Künstler überführte female
Energien in eine ununterbrochen ausufernde und richtungslose Produktion. Mich ärgerten
solche Männer, die so einseitig an der Lebensform Frau interessiert waren, dass
nur Mutter, Muse oder Nutte übrig blieben. Vielleicht war diese Einschätzung
ungerecht, aber sie verhalf mir zu meiner Auswahl und machte auch Mut, denn ich
hatte nun sogar eine nicht ganz von der Hand zu weisende Rechtfertigung. La Vénus
du Gaz wartete also darauf, mit einem Sprühfilm, der aus meinem Morgenurin
bestand, berieselt zu werden, um in ein anderes Stadium zu gelangen, vielleicht
sogar ein Stück weit aus diesem Museum herauszukommen.
Die Ausstellung war inzwischen mit einer beträchtlichen Menschenmenge gefüllt.
Ich kannte einige Personen und hoffte, dass sie mich nicht identifizieren würden,
denn der Standort der Venus grenzte an den Hauptraum, der immer voller wurde. Da
es eine Eröffnungsrede des Chefkurators geben sollte, wurde das Licht gedimmt,
ein Spotlight hellte die Mitte auf, in der ein Mikrofon vor einem Rednerpult
aufgestellt war. Viele Rituale sind notwendig, um solch eine merkwürdige
Veranstaltung zu inszenieren, dachte ich. Bald würde ich zuschlagen, der Moment
war günstig. Die Stimme des Kurators erklang weich und eindringlich. Er nannte
Pablos Namen und stellte einige Daten in einen Zusammenhang mit der Entwicklung
der Kunst, ich nahm das wie ein Signal wahr. Eine eigenartige Absenz setzte ein,
in der ich mich in Richtung der Gasvenus bewegte und dabei die Handtasche mit
dem Fläschchen öffnete. Mit einem Griff hatte ich es in der Hand und fühlte
mit dem Zeigefinger, auf welcher Seite sich die Öffnung befand. Plötzlich spürte
ich einen Blick auf mir, direkt und unmissverständlich. Für den Bruchteil
einer Sekunde trafen sich unsere Augenpaare, ich sah die Uniform, ein älterer
Wachmann, vielleicht um die fünfzig, in eine andere Richtung spähend als die
meisten Vernissagebesucher, er fixierte mich. Ohne weiter nachzudenken, ging ich
auf die Skulptur zu, die nur noch wenige Schritte von mir entfernt war, und
richtete das Fläschchen als Pistole auf den zur Kunst transformierten
Gasbrenner.
Mit einem Laut wie von der Flügelbewegung eines Insekts setzte sich der Sprühstrahl
frei und befeuchtete die Skulptur. Im selben Moment spürte ich auch schon eine
Hand, die meinen Unterarm unsanft packte.
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