Der Engelherd von Olga Martynova, 2016, S. FischerOlga Martynova

Journal eines Engelsüchtigen
(Leseprobe aus: Der Engelherd, 2016, S. Fischer).

Journal eines Engelsüchtigen

Im Mittelalter waren Vogelherde keine Seltenheit.

Mancherorts bestanden sie bis ins 19. Jahrhundert.

Die armen Leute fingen sich in schlechten Zeiten

das Federvolk zum Verzehr, in guten Zeiten auch als

Singvögel. Die Reichen fanden darin Kurzweil, auf

Vogelfang zu gehen. Sogar der Hochadel war dem

nicht abgeneigt, sich am Vogelherd zu erholen, denken

wir nur an die Ballade von Heinrich von Sachsen,

dem künftigen König:

Herr Heinrich sitzt am Vogelherd

Recht froh und wohlgemut, usw.

Engelherde hingegen sind fast keinem ein Begriff.

Ein Engelherd ist eine Vorrichtung zum Fangen von

Engeln. Er benötigt nicht so viel Raum wie ein Vogelherd,

der als licht bewaldeter Hügel eingerichtet

wird (dementsprechend hieß er ursprünglich »Vogelerde«)

und genügend Platz für Weindrosseln, Wacholderdrosseln

und Singdrosseln, also für alles, was

man Krammetsvögel nennt, bietet, und auch für

Hänflinge, Zeisige, Goldammern, Stieglitze, Dom8

pfaffen und Buchfinken. So viele Quadratmeter

brauchen Engel nicht. Bekanntlich sind sie körperlos

und können alle auf einer Nadelspitze Platz finden.

Aber was sollen sie auf der Nadelspitze? Sie

können zur gleichen Zeit überall sein. Das ist genau

das, was den Fang der Engel so schwierig macht.

Der geht so: Eine Nadel wird mittels eines besonderen

Mechanismus über einem kugelförmigen

Engelherd aus einem trüb gewordenen Silberspiegel

gehalten, in der Nähe eines Ortes, wo sich ein

Mensch oder einige Menschen auf der Spitze des

Glücksgefühls befinden. Der eigentliche, natürliche

Engelherd ist dieser Ort, der um Größenordnungen

geräumiger als jeder Vogelherd sein kann, aber der

Name wurde auch auf die kugelförmige Falle übertragen.

Was den Vögeln Hanfsamen, Ebereschenbeeren

und Regenwürmer sind, sind den Engeln die

Gefühle der Menschen. Sie bekommen sogar ein

bisschen Körperlichkeit, um an menschlichen Angelegenheiten

teilhaben zu können. Die Kunst des Engelfängers

ist zu arrangieren, dass die Freude eines

oder mehrerer Menschen zur passenden Zeit in Leid

umschlägt. Eine andere, raffiniertere Methode ist

vorauszusehen, wann die entstandene Freude zu

Leid wird und im richtigen Moment am richtigen

Ort zu sein. Der unsichtbare Engel schreit auf, auf

diesen Aufschrei hin fliegt die Nadel in das Herz des

Engels, und dieser fällt in die Falle herab, die sofort

zuschnappt, ähnlich wie das Schlagnetz beim

Vogelfang. Im trüben Silberspiegelglas werden En9

gel sichtbar, deshalb werden sie in ähnlichen kugelförmigen

Silberspiegeln gehalten. »Engelherd« nennt

man sowohl eine Engelfalle als auch einen Engelkäfig.

Ein musterhaftes Beispiel für einen gelungenen Engelfang

ist die in Faust verliebte Margarete mit all

ihrem überirdischen Glück und darauffolgenden

Elend (der Engelfang ist für Mephistopheles ein Nebengeschäft).

Manchmal kann auch das kollektive

Leid von großen Menschenmengen als Köder dienen.

Die meisten der Engel sind mitleidsvoll, obwohl

sie oft als gleichgültig gelten. Letzteres ist ein

Trugschluss, der deshalb gemacht wird, weil sie

sich in nichts einmischen dürfen, nur die ihnen gegebenen

Aufgaben erfüllen, die manchmal recht

grausam sind und für die in der Regel sanften Engel

unbegreiflich. Ihre quadratischen, runden und rautenförmigen

Augen sind voll kristalliner Tränen.

Aber was können sie machen, sie sind lediglich die

Boten. Die einfachere Fangmethode ist daher, den

Engelherd in der Nähe eines Ortes einzurichten, wo

viele Menschen gepeinigt werden. Massenmordorte

zum Beispiel sind sehr dafür geeignet. Der Engelfang

ist eine äußert gefährliche, kostspielige und

heimlich betriebene Sache. Das Engelsammeln können

sich nur sehr wenige leisten. Für gewöhnlich sitzt

ein einsamer Engelsammler abends vor der dunklen

Spiegelkugel und versinkt in engelische Trauer. Sein

einst vom eigenen Missgeschick verhärtetes und

verkrustetes Herz schmilzt im tränenden Nebel. Sol10

che Kugeln sind die stärkste Droge, die es geben

kann, mit dem höchsten Abhängigkeitsgrad. Kein

Wunder, dass es von alters her ein Sprichwort gibt,

das vor dieser Sucht warnt:

Wer klebt an einem Engelherd,

Der wird nicht glücklich auf der Erd.

Einige erjagte Engel werden als Lockengel verwendet.

In der Art, wie ein Vogler einer Blaumeise die

Hornhaut ausglüht, werden Engel von den Englern

geblendet (wie sie das bei körperlosen Engeln schaffen,

verriet bis heute kein einziger). Die Aufgabe der

gequälten Vögel ist, nachdem ihre Käfige aus der

Vogelfanghütte in die Luft getragen werden, mit unerhörter

Lautstärke zu singen und andere Vögel herbeizulocken.

Die geblendeten Engel tasten mit unerhörter

Leidausstrahlung nach ihren Artgenossen.

Dieses Verfahren gilt selbst innerhalb des illegalen

Bundes der Engelfänger als illegal und ist vom Bund

verboten.

Ich kaufe bei solchen Englern nicht, auch wenn

das nicht so schlimm ist, wie es klingt: Für Engel

gibt es weder Zeit noch Raum. Das heißt, jeder von

den Gefangenen ist zugleich woanders, wo er (mit

menschlichen Begriffen gemessen) früher war oder

später sein wird. Alles, was mit ihm geschieht, geschieht

gleichzeitig. Das bedeutet nicht, dass Engel

nicht leiden oder dass sie sich nicht freuen. Dies tritt

nur eben zugleich ein. Wir aber können über Engel

nur so erzählen, als würden sich Ereignisse zeitlich

ablösen, wie wir, die Bewohner der Zeit, es gewohnt

sind. Die Schlussfolgerung, den Engeln passiere somit

nichts Neues, wäre allerdings falsch: Wenn etwas

passiert, dann gesellt sich dieses Ereignis zur

übrigen Gleichzeitigkeit der Engel.

(...)

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