Olga Martynova

Franz Josefs Tod
Peter Handke zum Sechzigsten

(Er saß in seinem Speisesaal,
Schaute die Wiener Kurzweil an.
Die Adria schnaubte im Wasserhahn,
Nach Jod riechend und nach Kabeljau.

Das ganze Jahrhundert über sehnte er sich
Nach den verlorenen Kringeln
Des jodischen und ätzenden Schaums,
Nach der Meerschlaflosigkeit.

Smrdljivi martin, der Mistkäfer,
Zeichnet einen Kringel auf den Spiegel,
Eine hohle Letter der stummen Glagólitza.

Der Stuck bröckelt ab
Von den alten Habsburger Hotels
Die eiternden Leibesteile
Noch mit einander verschleimigt
Mit dem Blut der Vene Donau,
Mit der Milch der Adria-Woge.

Er aber schloß die Augen,
Ich kann nicht mehr, sagte er,
Und wenn die Erde zu Bruch geht,
Die mein Spiegel ist - )

in den fensternestern kriechen
würmlein, deren name lautet
holzbohrer steinbohrer zeit.

nicht am rande der weißen nacht
singe ich unnötig lieder,
sondern abseits im stimmlosen drängen
der kleinen glagólitza-kobolde, der großtuenden?

im mitternachtszug ist 
es warm; wie im kinderbuch
frage ich: Ist hier Balagóje oder Popówka?
und der zug steht noch immer, die jahrhunderte rattern,
und die stimme des grenzers flackert
wie ein hinkender heiterer falter -

im hinkenden gang der anderen deutschen zunge -

nicht schlechter als die fließende russische stummheit.

schließe ich die augen, sehe ich werstpfahlstreifen.

öffne ich die augen - der lichtstreifen hinter dem vorhang.

(Die Jahrhunderte rattern - nun stirbt ihm die Bukowina ab, 
Ein Ziehen in Bessarabien 
Galizien Migräne,
Sodbrennen Böhmen,
In Bosnien Stiche.

Die Jahrhunderte rattern, die Wälder lichten sich wie der Bart:
Und Berge wie Meere wie Gras und Hummeln
Und die Mittagsglut hinter den Hotelfensterstores
Sind versetzt bei den kalten Pfandleihen.)

UND DER ZUG IN DER STILLEN SCHLEIFE DER ZEIT
SCHAUKELT WIE SCHOKOLADE AM WEIHNACHTSBAUM.

Rezension I Buchbestellung I home 0I04 LYRIKwelt © O.M. / Rimbaud-Verlag