Briefe an die Zypressen von Olga Martynova, RimbaudOlga Martynova

Besamo Mucho
(Leseprobe aus: Brief an die Zypressen, Gedichte, 2001, Rimbaud Verlag)

Sauber, sauber ist Europa ausgefegt.
Nur treibt der Wind das Grauen von gestern über den Boden.
Unsichtbares Grauen - treibt der Wind über die Bürgersteige.
Ich schaue auf die Karte (die dicht mit Schnur durchnähte,
Dem Grenzengeflecht), die umsonst mit Blut begossene.
Ich schaue auf die Karte: In der Welt der Vernunft und Hygiene
Singt man sogar Lieder von Vernunft und Hygiene,
Während rundherum die Sirenen heulen, wandern Hyänen umher,
Im Abendrot zirpen die Sirenen mit den weißen Flügeln,
Mit ruhigen Stimmen
Übern Rand der Gehenna hin rufend.
Ich schaue auf die Karte: Ein spätrömisches Mosaik,
Auf ihm verschiedene Tiere - mit den Zähnen ineinander verbissen, mit den Schwänzen verflochten,
Mit den Hüften sich stoßend, mit den Klauen und Hörnern verhakend - scheinbar untrennbar -
Erstarrt einen Augenblick, und so fing sie der Künstler.
Wenn dieses Knäuel auseinanderstiebt, füllt Frischfleisch
Die Pariser Abflußrinnen, die Marburger Dachziegel, die Plätze von Prag, das schwarze Wasser der 
                                                                                                                                                                        Newá.
Dann verlassen Vernunft und Hygiene die Lieder.
In der Sorge um das tägliche Brot umarmen sich Eros und Phobos, die Brüder:

Besame mucho, in den Gassen ist nur ein Pfiff zu hören, namenlos; die Plätze sind voll von wer weiß was für Volk; ein unheimlicher Geruch aus den Sümpfen; besame mucho; wieder erscheint Petrarca, nicht vorstellbar in dem hygienischen Paradies, wieder werden die Jugfern nicht wissen, ob die Bräutigame noch kommen, und die Männer - ob ihre Frauen noch auf sie warten, die Armreifen klingeln an den braunen Gelenken; besame mucho.

Rezension I Buchbestellung I home 0I04 LYRIKwelt © O.M. / Rimbaud-Verlag