Briefe an die Zypressen von Olga Martynova, RimbaudOlga Martynova

Chronik für Elke Erb
(aus: Brief an die Zypressen, Gedichte, 2001, Rimbaud Verlag)

Langobarden, Alemannen, Goten
Gingen unbelastet, weil sie nichts für die Quersäcke hatten,
Südwestwärts, obwohl sie das schwerlich wußten.

Vor Hunger, vor Insekten in den goldenen Locken, vor Hungererbrechen
Fielen sie, ihre violetten Augen öffneten sich für die Himmelsfernen.

Grimmige Riesen und gebrechliche Frauen, gingen durch die Sümpfe,
Ihre Götter schwiegen, einstweilen kein Blut verlangend,
Weil sie, die Langobarden, Alemannen, Goten,
Keine Stätten hatten für ihre dreifüßigen Opferaltäre.

Seneca öffnete sich die Pulsader, Vespasian machte Geld an Klosetts,
Die Christen versteckten sich in den engen Maulwurfsgängen,
Die Perser liebten ihr Ohr Zarathustra 
Und wer-weiß-was geschah; nur diese allerhungrigsten, allerverwaistesten,
Daher in höherem Grad zu allem bereiten
Als die anderen Völker im Umkreis,
Diese Langobarden, Alemannen, Goten
Waren nicht eingeplant. Und hatten auch zum Wegnehmen nichts.

Alles, was sie konnten, war, graue Seife kochen,
Schäbige Hütten bauen und töten.

Töten auf der Jagd, auf dem Schlachtfeld, bei den Götzentempeln,
Töten die satten Römer, die hungrigen Sumpfuntiere,
Irgendwelche Dirnen ungewisser Herkunft, allerlei Mißgeburten,
Untreue Frauen, doch taten das
Nicht nur die Langebarden, Alemannen, Goten.

Der Rhein war herrlich bei friedlichem Wetter,
Die Legionäre langweilten sich, das Imperium starb,
Siegfried schaute, in der Nase bohrend, nach Westen,
An diesem Tag war es zum Erstaunen friedlich im Wald.

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