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Sommer 1990
(Leseprobe aus:
Sommer 1990, Tagebuch, 2004, DVA)
»Der Platz, an dem die S-Bahn in Richtung Friedrichstraße vorbeifährt, liegt begradigt und eingeebnet im Sonnenlicht. Vergessen die Nächte, in denen eine Bahn quietschend die Brücke über der Spree überquerte, zwei Stadthälften, zwei getrennte Leben. Der einzige Gewinn: die Gewißheit über das zurückgelassene Land, die Mauer im Rücken. Daran zu leiden, daß alles erstarrt ist. Doch nichts bleibt, wie es war. Die Durchgangsboxen im Bahnhof Friedrichstraße sind verschwunden. Ich laufe die Treppen hinauf und hinunter, nirgends Spuren. Die gelblichen Kacheln an den Wänden vermelden nichts, die Leute mit ihren Aldi-Beuteln eilen hastig vorbei. Zehntelsekunden, in denen du begreifst: dieses Wegfallen ist dein Fall, im doppelten Wortsinn. Siehst, der Schmerz und Zorn finden keine Bezugspunkte mehr, laufen leer. Die Proportionalität zur Erleichterung mag sich noch nicht herstellen. Die Leere, die bleibt.«
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