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Ich hätte nicht herkommen sollen. Der Gedanke lähmt Lars Belden und drückt ihn mit dem Rücken gegen die Wohnungstür.
Regen peitscht ans Oberlicht zum Innenhof. Hallt nach. Verzerrt das zerbrechliche Bewußtsein der Stille.Lars Beldens Augen müssen sich erst ans Halbdunkel gewöhnen. Er erinnert sich noch ganz genau an die Anordnung der Zimmer und Möbel, fürchtet jedoch, gegen irgendeinen neuen oder umgestellten Gegenstand zu stoßen.
Der Eingangsbereich ist unverändert. Die schwarze Garderobe übervoll. Der Tisch mit dem Unterbau einer Singer-Nähmaschine, dessen Glasplatte unter einer Tischdecke verborgen ist. Die schwarzweiße Luftaufnahme der Île de la Cité.
Lars Belden verharrt noch immer reglos an der Tür. Er achtet auf jeden Laut – das Geräusch eines Radios, einer Wasserspülung, einer sich schließenden Tür –, um die Last der Angst erträglicher zu machen. Plötzlich bemerkt er, daß er nicht gewußt hätte, wie reagieren, wenn jemand ihn mit dem Schlüssel im Schloß überrascht hätte. Von allen Möglichkeiten bin ich nicht auf die nächstliegende gekommen, sagt er sich voller Bedauern und holt tief Luft, um das beklemmende Gefühl loszuwerden, das ihm die Kehle zusammenschnürt. Doch es will ihm nicht gelingen. Er versucht es schon, seit er beschlossen hat, Sela Hubers Wohnung aufzusuchen. Jetzt bereut er es. Und fürchtet, die Kontrolle über die Situation zu verlieren.
Kälte. Schatten.
Der Regen fällt jetzt in dicken Tropfen. Rinnt langsam an den Scheiben herunter.
Das Gefühl, von einer Art krankhafter Gefühlsduselei mitgerissen worden zu sein, ist ihm unangenehm. Nach so langer Zeit hätte Sela Hubers Tod allenfalls Bestürzung in ihm auslösen, ihn vielleicht für ein paar Stunden oder Tage aus dem Gleichgewicht bringen, ihn jedoch keinesfalls hierherführen dürfen.
Ein ums andere Mal hat er ihre Todesanzeige gelesen und auf eine Eingebung gewartet, wie er sie Lügen strafen konnte. Vielleicht ist es gar nicht dieselbe Sela Huber: Das hat er sich immer wieder gesagt, während seine tränennassen Augen über die Zeitungsseite schweiften auf der Suche nach einem Halt, der ihn die Nachricht aus dem Gedächtnis streichen und weiterleben lassen würde, als habe es den Trauerrand um Sela Hubers Namen nie gegeben. Doch innerhalb von Sekunden hat ein Strudel von Erinnerungen den zarten Pulsschlag seiner Wehmut beschleunigt. Und unter der Last des Kummers hat die Mauer schließlich nachgegeben, die er in all den Jahren errichtet hatte, um sein Inneres vor dem unbegreiflichen Verlust zu schützen.
Die Schlüssel in der geballten Faust bohren sich ihm ins Fleisch. Damit du nicht auf der Straße warten mußt, falls du einmal vor mir da sein solltest. Sela Huber hatte es bei gelegentlichen Verabredungen belassen wollen. Sie war jedem Gespräch über ein eventuelles Zusammenziehen aus dem Weg gegangen, und so hatte ihre Beziehung aus einer unvorhersehbaren Reihe von gemeinsam verbrachten Nächten und Wochenenden bestanden. Nach der Trennung hatte Lars Belden die Schlüssel aufbewahrt, als könnten nur sie ihm irgendwann Zugang zu ihrem Geheimnis verschaffen. Es beruhigte ihn, zu wissen, daß er sie jederzeit als Bindeglied zu einer der intensivsten Phasen seines Lebens einsetzen konnte.
Lars Belden geht nun ins Wohnzimmer, das zur Straße hin liegt. Ohne Licht zu machen, tritt er ans Fenster und stößt die Läden auf.
Das vom Regen zerfaserte gelbe Licht der Straßenlaternen taucht den Raum in gebieterische Kälte. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite nur ein einziges erleuchtetes Fenster. Der Gehweg, menschenleer und glänzend vor Nässe.
Er ist zu Fuß gekommen, um sich Zeit zu geben und aus dem Zwiespalt herauszukommen, der ihn quält, seit er die Todesanzeige gelesen hat. Am besten wäre es, wenn sie gar nicht mehr dort wohnen oder der Schlüssel nicht mehr passen würde. Das ist sogar am wahrscheinlichsten. Doch ihr Name am Briefkasten, ganz allein unter dem vergilbten Plastikschutz, und das Klicken des Schnappschlosses haben ihn vorangetrieben.
Die Einrichtung des Wohnzimmers entspricht seiner Erinnerung. Die Regale voller Bücher, die beiden Sessel, das Sofa, der Teppich, das Bild über der Kommode.
Lars Belden setzt sich in einen der Sessel und läßt den Blick umherschweifen.
Immer stärker durchdringen das gelegentliche Brummen eines vorbeifahrenden Autos und das anhaltende Rauschen des Regens die Stille und beginnen ihre Topographie zu beherrschen.
Er hatte immer geglaubt, daß der Zufall ihm irgendwann ein Wiedersehen mit Sela Huber bescheren würde, und es sich bis ins kleinste Detail – den Ort, ihre Worte, ihr Mienenspiel – ausgemalt, doch hatte sich diese Hoffnung in all den Jahren nicht erfüllt. Niemals hätte er sich jedoch träumen lassen, daß Sela Huber unter der brüchigen Oberfläche der Zeit ohne sie mit solcher Vehemenz in ihm weiterexistieren könnte. Nachdem er die Todesanzeige gelesen hatte, hatte er nur noch den unbändigen, alles verzehrenden Drang verspürt, sich die gemeinsame Zeit noch einmal zu vergegenwärtigen. Die Idee, Sela Hubers Wohnung aufzusuchen, hatte sich ihm geradezu aufgezwungen, fast wie das letzte Kettenglied eines unausweichlichen Schicksals. Und das nicht so sehr, weil er dort Erklärungen oder Antworten zu finden hoffte, sondern weil er am Schauplatz der vielen miteinander verbrachten Stunden Empfindungen nachspüren wollte, die im Lauf der Jahre verblaßt waren.
Das gelbliche Straßenlicht verfärbt den Bezug des Sofas, auf dem er Sela Huber mit vom Weinen geröteten Augen sitzen sieht. Schon seit Tagen war sie ihm seltsam vorgekommen. Er hatte mit ihr zu reden versucht, aber sie hatte ihn nur mit einem jener entrückten Blicke angesehen, die ihm normalerweise keine andere Wahl ließen, als sich geschlagen zu geben und sie allein zu lassen, was er erst begriffen hatte, nachdem er sich an ihrer mürrischen Verschlossenheit mehrmals die Zähne ausgebissen hatte. Aus einem unbestimmten Gefühl heraus hatte Lars Belden an jenem Tag jedoch nicht lockergelassen. Genau wie damals, als er auf eine Reaktion gewartet hatte, hört er nun die Zweige der Platane über das Balkongeländer streifen. Sela Huber hatte mit ihrer Antwort gezögert.
»Ich weiß nicht, ob wir zusammenbleiben können.«
»Ob wir was?«
»Zusammenbleiben. Ob ich mit dir zusammenbleiben kann.«
»Und warum?«
»Ich weiß es nicht.«
»Ich nehme an, du weißt nicht, wie du es mir beibringen sollst. Das ist es doch, oder?«
»Schon möglich, aber ich will dir auf keinen Fall weh tun.«
»Wie bitte?«
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