Bitterfelder Bogen von Monika Maron, 2009, S. Fischer

Monika Maron

Bitterfelder Bogen
(Leseprobe aus: Bitterfelder Bogen, Ein Bericht, 2009, S. Fischer, mit Fotos von Jonas Maron).

Schon an der Autobahnausfahrt nach Bitterfeld-Wolfen wird der Unkundige eingewiesen: ein schwarzer Pfeil auf weißem Grund und der verheißungsvolle, auf eine wundersame Erfolgsgeschichte verweisende Name: Solar Valley. Kurz darauf, neben der Landstraße, ein weites Feld mit leuchtend blauen Solar - modulen, wie dem Acker entwachsen, auf dem sie in dichten Reihen stehen. Die Wegweiser am Kreisverkehr zeigen nach Bitterfeld und Wolfen, nach Greppin, Thalheim und noch einmal zum Solar Valley.

Fährt man in Richtung Thalheim, kreuzt man die Guardianstraße, wo ein sechsstöckiges Haus, in dessen aus Solarzellen gestalteter Fassade ein großes Q eingelassen ist, vom Ursprung des Solar Valley kündet: Q wie Q-Cells. In der Guardianstraße stehen die ersten Q-Cells-Gebäude, errichtet 2001, als niemand damit rechnete, dass man schon bald mehr Platz, viel mehr Platz brauchen würde, als auf diesem bemessenen Terrain zu haben war. Das eigentliche Solar Valley, ein inzwischen dreihundert Hektar großes Areal, an dessen Rändern Bagger und Kräne schon das nächste Bauland bereiten, liegt an der Sonnenallee, ein oder zwei Kilometer von der Guardianstraße entfernt.

Bei meinem ersten Besuch aber ließ ich Guardianstraße und Sonnenallee links liegen und fuhr geradeaus nach Bitterfeld. Ich hatte ein Bild im Kopf, ein schwarzes, verrußtes, rostfarbenes, dreißig Jahre altes Bild.

Ich fuhr durch die Zörbiger Straße, die am großen Werktor vorbeiführt, vorbeigeführt hat, damals, als das Werk noch CKB hieß: Chemiekombinat Bitterfeld. Die Straße gibt es noch, das Tor auch, aber jetzt ist es einer von vielen Eingängen zum Chemiepark Bitterfeld-Wolfen, der in die Areale A bis E gegliedert ist und beherbergt, was vom Chemiekombinat, der Filmfabrik Wolfen und allem anderen übriggeblieben und was in den letzten zehn Jahren dazugekommen ist.

Links und rechts der Straße suchte ich nach Vertrautem.

Wo war das Schwimmbad, dem die Landschaftsgestalter damals einen himmelblauen Anstrich verordnet hatten, in Ermangelung eines himmelblauen Himmels?

Wo war der Konsum, in dem sie mir erzählt haben, dass die Leute hier am liebsten weiße Pullover kaufen? Schwarz und verrußt war nichts mehr, die Häuser gestrichen oder mit Sandstrahl gereinigt, die Rohrbrücken über der Straße nicht mehr rostig, sondern auffallend farbig in Gelb und Türkis. Nur der Kulturpalast stand in unverkennbarer Eindeutigkeit da, wo er auch in meiner Erinnerung hingehörte.

Sonst fand ich nichts oder konnte mich nicht erinnern, nach mehr als dreißig Jahren, in denen mich nichts hierher gezogen hat, obwohl ich damals mit dieser Stadt ein Bündnis eingegangen war, das mein Leben verändert hat. Nur einmal war ich noch hier, ich glaube, es war im April 1990. Man hatte mich zu einer Lesung eingeladen, eine Frau aus Greppin schenkte mir die ersten Frühlingsblumen aus ihrem Garten, und ich habe den Mann wiedergetroffen, der mein Modell war für den Heizer Hodriwitzka und an den ich oft denken musste, weil ich ihn in meinem Buch an einem Unfall hatte sterben lassen und mich die kleine abergläubische Furcht, ich könnte so ein Unglück herbeigeschrieben haben, nie ganz verlassen hatte. Es ging ihm gut, von meinem Buch wusste er nichts. Ich habe es ihm geschenkt, vielleicht hat er es gelesen.

Später hat mir jemand erzählt, die Bitterfelder seien nicht mehr gut auf mich zu sprechen, weil sie glaubten, ich hätte zum schlechten Ruf ihrer Region beigetragen und damit die Investoren vergrault. Ich weiß nicht, ob mehr als ein Bitterfelder das gesagt hat und ob mein Interesse ohne diese Mitteilung größer ge - wesen wäre. Jedenfalls bin ich nie wieder hingefahren. Selbst als mein Freund, der Architekt Andreas Hierholzer, mir von den Solarfabriken erzählte, die er in Thalheim baut, regte sich in mir nichts. Dabei liegt Thalheim etwa fünf Kilometer vor Bitterfeld und gehört seit dem Sommer 2007 überhaupt zur Stadt Bitterfeld-Wolfen, wie die Orte Hohenweißig, Greppin und Rödgen auch.

Fast ein Jahr lang hörte ich immer mal wieder die Geschichten über Reiner Lemoine, Dagmar Vogt und Anton Milner, über den Thalheimer Bürgermeister Kressin, über den Börsengang von Q-Cells, ohne dass in mir das Bedürfnis erwacht wäre, das irgendwie zu meiner Sache zu machen. Schon der Gedanke, mir in meinen eigenen Fußstapfen hinterherzulaufen, war mir zuwider. Bis zu diesem Abend, an dem Andreas Hierholzer wieder einmal mit visionärer Leidenschaft von den Engländern, Australiern, Amerikanern und Deutschen erzählte, die auf dem Acker von Thalheim ihr Solar Valley bauten. Vielleicht war seine Begeisterung an diesem Abend besonders suggestiv, vielleicht war ich auch nur empfänglicher, jedenfalls war es dieser Abend, an dem ich plötzlich dachte, dass ich mir ja gar nicht selbst hinterherlaufen, sondern mir mit all diesen Engländern, Australiern, Amerikanern und Deutschen, mit Andreas, Dagmar und Anton von der anderen Seite, aus der Zukunft, entgegenkommen würde.

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