Anatolij Marienhof

Der rasierte Mann und Zyniker
(Leseprobe aus: Der rasierte Mann und Zyniker, 1928/2001, 2 Romane, Eichborn)

1

Wir laufen über die Erde, springen von einer Straßenbahn in die andere, jagen in Zügen dahin, und wozu das alles? Um unser Unglück beim Schöpf zu packen.
Der eine bekommt es in Form eines äußerst vergänglichen Wesens zu fassen, mit der Stimme eines murmelnden Bächleins und Spiegeln der Seele im Gesicht, daß man sich hinsetzen und Gedichte verfassen möchte. Der andere - in der heimtückischen Annehmlichkeit eines verantwortungsvollen Postens. Ein dritter — in Gestalt eines Freundes mit einem großen Herzen, in das man restlos hineinpaßt. Nicht etwa zusammengerollt wie ein Kringel, gekrümmt wie eine Brezel oder der Griff eines Spazierstocks. Nichts dergleichen. Selbst wenn man sich gerade macht wie ein Pfeil und die Gelenke knacken läßt.

Mein Unglück habe ich an einem räudigen Herbsttag in Pensa erwischt. Passiert ist es vor fünfzehn Jahren. Skovoroda sagte von Moses, er habe die unsichtbare Gestalt Gottes »gezeichnet, als entwerfe er einen Plan, einfach und grob, mit den allernotwendigsten Linien, und darauf die Gemeinschaft der Jidden gegründet«. Ich schreibe ein Buch über mein Unglück, welches vielleicht noch unsichtbarer ist. Ich möchte es Moses gleichtun.

4

Ich habe bereits erwähnt, daß ich mein Unglück vor fünfzehn Jahren beim Schöpf packte. Ja, jetzt sagt es sich leicht: Mein Unglück.

Nach fünfzehn Jahren darauf zu kommen ist keine große Sache: So kommt der »Bräutigam« am Vorabend seiner goldenen Hochzeit zu dem Schluß, daß er sich, wie der letzte Esel, vor einem halben Jahrhundert in eine unverbesserliche Hexe verliebte. Und der siebzigjährigen »Braut« blitzt die Erkenntnis auf, daß sie ihr mutwilliges Herz im vorigen Jahrhundert leichtfertig einem gefühllosen Klotz schenkte. Was ist ihre verspätete Weisheit wert? Was können ihre Greisentränen ändern? Liebe Hexe, teurer Klotz, bemüht euch, eure goldene Hochzeit fröhlich zu begehen. Nun nehmt euch schon in die Arme. Lächelt. Nehmt Glückwünsche entgegen. Mögen eure zahlreichen Kinder, Enkel und Urenkel denken, daß ihr ein vortreffliches Leben gelebt habt. Mögen sie glauben, daß ihr glücklich seid.

Trotzdem werden sie alle eure Fehler wiederholen oder ihre eigenen machen. Einige werden wahrscheinlich ihre Lebensgefährtinnen und -gefährten wechseln. In diesem Fall werden sie im Alter die dummen Treuebrüche bereuen. Es wird ihnen vorkommen, als hätten sie das Glück an dem Tag verloren, an dem sie ihrer ersten Freundin oder ihrem ersten Geliebten davonliefen. Weil die Vielfalt sie lehren wird, daß es in der Liebe keine Vielfalt gibt. Sie werden sich sagen: »Es war die Mühe nicht wert. Gute Ware ist wichtiger als eine hohl-köpfige Geliebte. Letzten Endes schläft es sich mit einer Idiotin nur halb so süß, wie es scheint.« Wenn die letzten Umarmungen nur wiederholen, was sie in der ersten Nacht erfahren haben, werden sie erkennen, daß an alledem die verlogenen, geheimnisvollen Wörter schuld sind, mit denen Phantasten ganz gewöhnliche Dinge benennen. Sie werden versichern, man müsse die Poesie bekämpfen wie eine Magenverstimmung, weil selbst der harmloseste Durchfall jeden Augenblick in Dysenterie umschlagen könne. Im Gespräch werden sie das Lexikon des Zeitungsreporters, des Schöffen, des Gynäkologen verwenden. Sie werden sagen: »Geschlechtsakt«, »Koitus«, »Beischlaf«. Und als Zyniker ins Grab gehen, bis ins Mark von der Liebe enttäuscht. Ihre Urgroßmütter dagegen waren am Vorabend ihrer goldenen Hochzeit lediglich von ihren arbeitsamen Liebsten enttäuscht.

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