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Jemand
(Leseprobe aus: Jemand, Roman,
2004, Jung und Jung)
Von einem zum anderen Tag konnte sich Gerda Sanders an nichts mehr erinnern. Ihr Leben fiel ihr nicht mehr ein. Befand sie sich schon unter den Toten oder lebte sie? Um dies zu beantworten, fing sie damit an, sich Notizen zu machen. Du beginnst damit, jemand zu sein, war der erste Satz, den sie in ihr Buch schrieb.
I.
(Hier geht es um den Tod.)
Die Menschen sterben. Man hört es jeden Tag. Als
ich das erste Mal vom Tod erfuhr, war ich sechs Jahre alt. Es war in der
Religionsstunde, wir mussten den Himmel zeichnen. Ich malte Wolken, Sterne, den
Mond, die Sonne und Menschen. Die Lehrerin meinte, es fehlten die Flügel,
Menschen könnten nicht im Himmel leben. Ich wusste nicht, was Engel waren, und
deshalb gab sie mir Aufkleber, die wie Engel aussahen. Engel seien tote
Menschen, die uns hier auf der Erde beschützten, und wer an Gott glaube, der
komme in den Himmel, das sagte sie. Das Bild gefiel mir nicht, und ich kannte
auch keine toten Menschen oder Gott. Ich fürchtete mich vor den Engeln, sie
sahen süß aus, wie meine Puppen, mit denen ich nicht spielen wollte, denen ich
die Haare schnitt und das Gesicht übermalte, weil sie mir verlogen vorkamen.
Ich zeigte das Bild meinen Eltern. Die Mutter meinte, alle Menschen müssten
einmal sterben, das sei eben das Leben. Der Vater lachte nur. Der Himmel sei
eine Erfindung der Menschen, wie auch die Engel und Gott. Am Ende sei nichts.
Ich lag im Bett und weinte. Nichts, das konnte ich mir nicht vorstellen, auch
wenn es der Vater sagte. Ich dachte viele Nächte daran, ich glaube, es verging
seit damals keine einzige, wo ich es vergaß. Ich hatte unglaubliche Angst, wenn
ich einmal tot sei, dann würde ich den Vater im Himmel nicht treffen.
Es gibt Menschen, die ich sehr vermisse, seit sie gestorben sind. Es werden
immer mehr. Das ist schlimm. Um mich zu beruhigen, rede ich mit ihnen, tue so,
als wären sie noch hier und könnten mich hören. Sie sind verschollen.
Vielleicht sind sie ja doch im Himmel und warten auf mich, schon schaue ich
hinauf und schicke ihnen Grüße. Auf der Erde können sie nicht sein, ich
hätte sie schon längst gefunden. Die Friedhöfe sind der beste Beweis, sie
wirken immer so verlassen. Der Himmel ist ein guter Platz, gänzlich
unerforscht, er fängt hinter dem Weltall an. Ich schütte sogar öfter den
letzten Schluck meines Glases nach oben. Auf die Toten, sie sind wie wir, nur
nicht mehr auf der Erde. Das kann ich gut verstehen.
Ich war dabei. Wir wickelten den Leichnam in eine
Folie, die wir verschweißten. Das Gerät saugt die Luft ab und konserviert den
Körper. Der Kadaver hält sich so länger frisch, er soll sich so wenig wie
möglich verändern, wenigstens so lange nicht, bis alles geklärt ist. Wieder
ein Toter, ein Mann in meinem Alter, er scheint unverletzt, vielleicht ein
Läufer, Tod durch Erschöpfung.
Ich suche nach Narben, einem Einstich, ich bin sehr genau, aber da ist nichts.
Die Haut unterhalb der rechten Wade ist ein wenig aufgeschürft, wahrscheinlich
ein Sturz. Ich muss mich wundern, weil er so stark wirkt. Ich könnte ihn jetzt
berühren und seine halbgeöffneten Lider schließen, dann sieht es wenigstens
so aus, als würde er schlafen. Die Toten dürfen nicht verändert werden, nicht
bevor die Forschungen abgeschlossen sind. Sie bleiben, wie das Vergangene,
unberührt. Wir sind zu dritt, so tragen wir den Körper, Lea nimmt den linken
Arm, Joel den rechten, ich nehme seine Beine, mir ist das Gleichgewicht lieber.
Die Toten sind nicht schwer, sie erstarren recht schnell, sie sind sogar
leicht.
Ich will ein Loch in die Folie stechen, genau in der Höhe des Mundes, ich sehe
meine Hand an, ein Finger würde genügen, und ich könnte ihn erreichen, wenn
er noch atmete. Ich werde den Gedanken nicht los, dass er erstickt. Sein Mund
ist weit aufgerissen, zwischen den Lippen hat sich Kondenswasser gesammelt, es
muss mit der Wärme zusammenhängen, die der Körper noch Stunden nach dem
Eintritt des Todes abgibt. Er atmet nicht und er rührt sich nicht. Ich werde es
noch lernen, keine Sehnsucht zu haben, vorerst aber habe ich zu tun mit dem
Forschen. Die Haut des Leichnams hat sich gelblich verfärbt, sie wirkt fahl.
Ein Zeichen: Das Leben ist fort. Er ist kein Mensch mehr. Ich nehme seine Füße
unter die Achseln, damit ich gehen kann und nicht schwitze.
Ich habe einen Schwur gemacht. Ich werde alles tun, um herauszufinden, was das
Leben ist. Ich will mich nicht mehr fürchten. Der Tod gehört dazu. Wenn ich
Angst habe, dann werde ich ganz einfach sagen, ich habe Angst. So oder so muss
ich einmal sterben, wie alle Menschen. Ich lebe, das ist der ganze Trost. Bis
jetzt war der Tod für mich nur ein Bild, wie die dunkle Seite des Mondes. Ich
wusste, dass es sie gibt, aber ich kam nicht dahinter. Ich habe eine Geschichte
auf dieser Welt. Ich entkomme ihr nicht. Ich schaue mir alles genau an. Das ist
mein Schwur.
Lea weiß viel über die Toten, sie kennt ihre Körper. Joel weiß, wie man
lebt. Ich erforsche die Welt und bin froh, dass wir uns kennen. Wir sind Freunde
und haben viele Geheimnisse, ich kann sagen, es ist ein Glück.
Lea ist Pathologin und arbeitet für das Landesgericht, sie obduziert Leichen.
Wir begegnen uns oft und trinken Kirschlikör miteinander. Wir treffen uns nie
zu Hause, lieber verbringen wir unsere Vormittage bei ihr im Labor, um uns
Geschichten zu erzählen. Manchmal sehen wir uns Gewebeproben unter dem
Mikroskop an, manchmal begleite ich sie zu einer Obduktion. Ich mache meine
Beobachtungen. Während Lea nach Verletzungen sucht, den Körper öffnet und die
Organe näher erforscht, erfinde ich kleine Ereignisse aus dem Leben der
Verstorbenen.
Mageninhalte sind leicht zu deuten: unverdaute Gewürznelken, ein letztes
Apfelkompott im Kreis der Verwandten. Ein schöner Herbstmorgen im Garten, die
erwachsenen Kinder sind zu Besuch, das geschieht nicht oft. Sie haben jetzt ihr
eigenes Zuhause. Das viele Obst muss gesammelt werden. Die fauligen Äpfel
schießt man mit den Kindern über den Zaun, so weit man kann. So war es immer.
Der Vater schießt noch immer am weitesten, erst wenn er den Teich des Nachbarn
trifft, dann ist er zufrieden. Früher, nachts im Sommer, traf man sich dort um
zu schwimmen. Das übrige Fallobst wird verkocht. Ein Vormittag in der Küche,
die ganze Familie ist versammelt. Mit den Kindern Äpfel schälen, Kuchen,
Kompott und Mus zubereiten. Die Gläser aus dem Keller holen und auskochen, neue
Etiketten schreiben, nicht zu viel Zucker verwenden, Nelken und Zimt beigeben.
Die ersten Bissen werden noch heiß verschlungen.
Lea und ich, wir sind aufeinander eingespielt. Ihre medizinischen Berichte
heizen mich auf. Die leblosen Körper geben verläßliche Zeichen von dem, was
einmal war. In Wirklichkeit will Lea nichts über das Leben wissen, nur ich darf
mit ihr darüber sprechen. Es sind ihre Toten, sie haben gelebt, das kann man
sehen, und es beruhigt sie. Tote sind einfach nur tot. Unveränderbar, wie
Erinnerung. Sie haben nichts mehr auf der Welt zu tun. Ich denke mir Geschichten
aus und erzähle sie. Lea hört mir zu.
Joel ist Kanadier, wir kennen uns seit kurzem. Getroffen habe ich ihn im Piri
Piri, einer Bar in der Stadt, ich war fortgegangen, um zu trinken. Joel stand
gleich am Eingang, er hielt mich auf, das war mir recht. Ich wusste sowieso
nicht, wohin ich wollte. Mit Joel ist es einfach, das gefällt mir. Er nimmt
meine Hand, ich fühle, er ist erregt. Wir reden kein Wort, er hält mich, ich
weiß nicht wie. Wir sind uns begegnet, kein Moment fehlt, das ist alles, mehr
will ich darüber nicht wissen.
Mein Name ist Gerda Sanders und ich bin
dreiunddreißig Jahre alt. Ich arbeitete bis letzten Mittwoch als Masseuse im
städtischen Parkbad. Ich lernte das Massieren nicht, ich eignete es mir an.
Obwohl ich keine Ausbildung hatte, gab man mir eine fixe Anstellung. So
verdiente ich mein Geld. Ich wollte mit Menschen zu tun habe, ich wollte sie von
Schmerzen befreien. Ich war in meiner Arbeit sehr genau, ich kannte mich mit
Körpern aus, fand gleich deren Schwachstellen und behandelte diese nur nach
genauer Überprüfung des Zustands der Muskeln. Immer achtete ich auf den Atem,
auf den der Kunden und auf meinen. Schon beim ersten Abtasten fühlte ich,
welches Öl in welchen Mengen zu verwenden sei und die Geschwindigkeit, mit der
ich arbeiten konnte. Ich hatte meine Stammkundschaft, viele wollten mich nach
Hause einladen, immer lehnte ich ab. Eine gewisse Fremdheit musste bleiben,
damit wir uns vertrauen konnten. Familien kamen zu mir, ließen sich einrenken
und wurden wieder glücklich. Mir ging es um das Leben, ohne Verzögerung und
ohne Angst.
Letzten Mittwoch fand ich alles wie gewohnt vor, und wie immer vor Dienstantritt
machte ich meine Übungen, zum Aufwärmen. Der Pole, ein Leichtathlet, kam um
elf Uhr nach dem Training zur Massage. Er gefiel mir, sein Körper war
durchtrainiert. Manchmal drückte er leicht meine Hände, dann ließ ich für
einige Momente meine Hände in seinen ruhen. Letzten Mittwoch passierte
folgendes: Ich knetete die Waden des Polen und strich seine Füße entlang. In
diesem Augenblick drehte er den Kopf zur Seite und öffnete seine Augen. Wir
sahen uns an. Er versuchte sich aufzusetzen, es gelang ihm nicht, er konnte
seinen Oberkörper nicht mehr bewegen. Seine Arme fielen auf die Seite und
pendelten, bis sie leblos hinunterhingen. Ich beugte mich über seinen Kopf und
klopfte ihm auf die Wangen. In diesem Augenblick atmete er laut aus und nicht
wieder ein. Ich rief einige Male seinen Namen, Wachen Sie auf, Herr Sobecki, das
ist kein Spaß. Ich drehte ihn auf die Seite und rüttelte seinen Körper, sein
Penis war erigiert, ich schüttete ihm kaltes Wasser ins Gesicht. Ich hielt mein
Gesicht ganz nahe an seines, um seinen Atem zu spüren. Er war tot.
Angefangen hatte alles an diesem Tag. Ich stand
vor meiner Wohnungstüre, den Schlüssel in der Hand. Ich sah auf das Schloss,
ich schüttelte den Bund und hörte mir das Geräusch an. Ein dumpfes Klingen.
Ich konnte nicht aufsperren. Ich stand wie angewurzelt vor meiner Wohnung. Ich
las: Gerda Sanders. Das sagte mir nichts, das war mein Name. Ich bemerkte einige
Lackschäden am Türrahmen. Ich kletzelte mit meinen Fingern daran, wobei ein
Splitter unter meinem Fingernagel stecken blieb. Ich versuchte ihn mit den
Zähnen zu entfernen. Die Lackreste zermalmte ich im Mund und schluckte sie
hinunter. Sie hatten keinen Geschmack. Zum ersten Mal fiel mir der
Zeitungsschlitz auf, also beugte ich mich hinunter, um in den Vorraum meiner
Wohnung zu sehen. Ich konnte unmöglich länger dort leben. Wie alles dastand,
unverrückbar, was sollte ich da. Luft kam durch den Türschlitz, ich atmete
tief ein, um mich zu vergewissern, dass ich hier lebte. Es roch modrig, wie die
Wohnung einer alten Frau, die sich nicht mehr aus dem Haus traut. Ich hatte das
Gefühl, wenn ich jetzt diese Wohnung betrete, dann verlasse ich sie nie wieder.
Deshalb warf ich den Schlüssel durch den Türschlitz und ging.
Ich wusste nicht wohin, ich ging einfach fort. Ich hatte keinen Gedanken im
Kopf, ich sah nur das Treppengeländer, dann Stufen. Ein grauer Steinboden, der
irgendwann aufhören musste. Ich wurde immer schneller, ich bekam so einen
Schwung, dass ich mich am Geländer festhalten musste, um nicht zu stürzen. Ich
hoffte, niemandem zu begegnen. Zwei Kinder saßen auf der Treppe, sie spielten
mit Plastilinfiguren. Ich bremste mich ein und kam kurz vor ihnen zum
Stillstand. Ein ganzer Zoo war vor mir aufgestellt. Sie sahen mich erschrocken
an. Ich entschuldigte mich und ging weiter. Erst am Fußabstreifer bemerkte ich
die gelbe Knetmasse an meinem Schuh. Ich hatte eine Figur erwischt und ich
wusste nicht welche. Ich war traurig. An meinen Schuhen war zu wenig Plastilin
geblieben, um es noch verwenden zu können. Ich redete mir ein, nur einen Fuß
oder einen Schwanz von einem Tier erwischt zu haben. Jemand öffnete von
draußen die Türe und grüßte mich. Ich machte einen Schritt. Endlich war ich
im Freien. Ich beobachtete meine Füße, sie wirkten so klein, als könnten sie
mich nicht tragen. Sie taten mir fast leid. Ich fand es gut, dass mir meine
Füße fremd vorkamen, die Idee half mir weiterzukommen. Geht, wohin ihr wollt,
das sagte ich ihnen und wirklich, ich bewegte mich.
Anfangs sah ich nur auf den Boden, der sich unter meinen Füßen veränderte.
Die unterschiedlichsten Muster kamen zum Vorschein, Kopfsteinpflaster,
dazwischen Moos, Teerreste, Asphalt, Löcher, Steine, die Strukturen änderten
sich je nach Schrittgeschwindigkeit. Ich fand mich vor einer leeren Holzbank
wieder, die zu einer Busstation gehörte. Es erschien mir logisch, in den
nächsten Bus einzusteigen. Ich fuhr bis zur Endstation. Jetzt erst sah ich mich
um. Ich war auf einem Hügel, in der Ferne konnte man die Stadt erkennen. Eine
große Dunstwolke lag über ihr. Vereinzelt standen dort Einfamilienhäuser mit
großen Gärten, dazwischen lagen Felder und Obstbäume, eine Stadtrandsiedlung.
Hier war ich noch nie gewesen. Ich stieg aus dem Bus und stellte mich in die
Wartehütte. Ich fühlte, wie mein Oberkörper pendelte. Immer wieder verlor ich
fast das Gleichgewicht. Irgendetwas fing mich auf. Meine Füße bewegten sich
nicht von der Stelle, bis ich ein grünes Schild entdeckte, auf dem stand
Pension Alexandra, Zimmer mit Frühstück. Dorthin ging ich.
Ein kleiner Hund kam mir entgegen, er bellte nicht, das beruhigte mich. Ich
folgte dem Hund bis zum Eingang der Pension. Die Türe stand offen, ein älterer
Mann saß an einem Tisch in der Ecke und legte Patience. Er reichte dem Hund ein
Stück Zucker, ohne ihn anzusehen. Ich sah auf seine Fingerkuppen, die mir
ungewöhnlich groß und weich vorkamen. Ich wollte ihn berühren, deshalb
streckte ich ihm meine Hand entgegen. Er reagierte nicht. Ich mietete ein Zimmer
und zog ein. Die Schlüssel steckten an der Türe, ich sollte mir eines
aussuchen. Die Zimmer waren klein, hatten aber alle Doppelbett und Balkon, einen
hellbraunen Filzboden, dunkelgrüne Vorhänge und weiße Bettwäsche, man konnte
sie kaum voneinander unterscheiden. Ich nahm mir eines, von dem ich eine gute
Aussicht auf einige Kirschbäume hatte. Die erste Zeit verbrachte ich damit, im
Zimmer auf und ab zugehen, Sessel hin- und herzustellen, den Tisch zu
verrücken, am Balkon zu stehen, den Fernseher ein- und auszuschalten, die
Minibar zu inspizieren (es gab mehrere kleine Schnäpse, Bier und Erdnüsse,
eine gute Begrüßung) und im Bad die Wasserleitungen zu prüfen. Es ging mir
nicht gut, das hatte mit dem Tod des Polen zu tun.
Nach drei Stunden vermisste ich schon einige Gegenstände, Bücher, die ich
unbedingt lesen wollte, meine Zahnbürste, die Espressomaschine, eine Kiste mit
Briefen und verschiedenste Kleidungsstücke. Ich könnte mir ja einen Draht
besorgen, ihn zurechtbiegen und versuchen, den Schlüssel in meiner Wohnung
damit zu erwischen, dann hätte ich wenigstens das Notwendigste hier. Im ganzen
Zimmer war kein Draht zu finden, das Stromkabel hätte ich zerlegen können,
aber der Kupferdraht wäre sicherlich zu weich gewesen und ungeeignet. Am Balkon
schließlich fand ich ein Drahtstück, recht stabil, das die Topfpflanze hielt.
Es war zu kurz. Ich musste hier bleiben.
Die Wahrheit ist, mein Leben fiel mir nicht mehr
ein. Es kam mir vor, als wüsste ich alles über mich, jeden Moment, jede
Begegnung, alles, was jemals stattgefunden hatte, doch mir fehlte die
Verbindung. Ich war aus meinem Leben ausgeschlossen, es stand mir gegenüber,
war auf der anderen Seite. Es war vorbei. Es war gelebt. Es blieb dort,
unverändert und unveränderbar. Seit ich die Wohnung verlassen hatte, wurde ich
das Gefühl nicht los, ich hätte überlebt. Aber was?
Noch immer ging ich im Zimmer herum, ich konnte mich nicht niedersetzen, ich
fand keine Ruhe. Ich holte mir die kleinen Schnapsflaschen aus der Minibar und
trank abwechselnd Wodka, Cognac und Whiskey. Es brannte angenehm im Hals. Der
Tod des Polen ging mir nicht aus dem Sinn. Ich wollte auf der Welt sein und er
war von der Welt verschwunden. Was hatte das mit mir zu tun? Immer hatte ich den
selben Satz im Kopf: Ich kann nicht in mein altes Leben zurück. Er hat mich in
den Tod mitgerissen und auf der Welt zurückgelassen. Ich musste mich jetzt
selbst auf die Welt bringen, eine Unbekannte sein, um zu leben. Nur eine
Unbekannte konnte das.
Ich könnte meine Wohnung ausbrennen, eine gute Idee. Man würde dort eine
Leiche finden, verkohlt bis auf die Knochen, eine junge Frau. So könnte es
sein: Die Frau steht am Gasherd, das Nachthemd fängt Feuer, Nylon entzündet
sich schnell, sie brennt. Sie reißt die Vorhänge herunter, will sich darin
einwickeln, um das Feuer zu ersticken, die Pfanne mit dem heißen Öl kippt, das
Feuer greift auf den Teppich über, sie stürzt. Alles geht in Flammen
auf.
Ich müsste eine Tote besorgen, meine Größe, meine Blutgruppe. Die Zähne der
Toten müssten geröntgt werden, ich könnte die Bilder austauschen. Mehr würde
nicht nötig sein. Tote in meinem Alter sind nicht leicht zu finden, zumeist von
Unfällen so entstellt, dass sie sich für mein Vorhaben nicht eigneten, oder
durch Gewalt dermaßen verunstaltet, dass man sie nicht gebrauchen konnte. Ich
saß auf dem Bett im Hotelzimmer und zupfte Daunenfedern aus dem Polsterkissen,
ich war froh, wieder Gedanken in meinem Kopf zu haben, ein Beweis, dass ich noch
am Leben war. Keinesfalls durfte ich jetzt schon darüber nachdenken, was es
bedeutete, wenn ich für tot gehalten würde. Natürlich reizte es mich, den Tod
vor Augen, noch bestimmte Briefe an Verwandte und Freunde zu schicken, kleine
Geschenke und Grüße, gute letzte Worte. Ich musste mich zurückhalten. Alles
sollte undurchschaubar bleiben, ein plötzliches Ableben, ein tragischer Unfall.
Dann wäre ich von der Welt verschwunden.
Ich setzte mich auf den Balkon und sah in den Garten. Es fiel mir auf, dass die
Kirschen schon reif waren. Ich überlegte sogar, mir welche zu holen, ließ es
aber bleiben. Es kam mir seltsam vor. Ich hatte das Gefühl, jede noch so
geringe Bewegung könnte mein Leben verändern, doch ich wusste nicht, in welche
Richtung ich wollte, es könnte die falsche sein, deshalb blieb ich am Balkon
sitzen und sah auf die Kirschbäume.
Ich wollte nichts und niemanden berühren. Es schien mir zu gefährlich. Ich
hatte etwas berührt, von dem ich nichts wußte, und schon war es passiert,
schon hatte sich der Tod an diese Stelle gesetzt. In den Kirschen erwischte es
vielleicht die Würmer, auf dem Weg dorthin Schnecken, Käfer und Larven. Wie
weit konnte man gehen, ohne zu verletzen? Ich würde nie erfahren, wie groß der
Haufen war, der durch mich zu Tode kam. Ich lebte und wußte nichts über den
Tod. Die Toten berichteten mir nichts, sie blieben stumm. Wahrscheinlich wußten
sie nichts über das Leben.
Keiner wusste, wo ich mich im Moment aufhielt, das gefiel mir. Ein Gefühl, als
wäre ich dem Tod entkommen. Niemand hier kannte mich. Meine Ersparnisse
reichten für ein ganzes Jahr. Ich wollte mir die Welt ansehen.
Ich wartete die Dunkelheit ab, um mich schlafen zu legen. Diese Nacht hätte ich
mir ein Gewitter gewünscht. Ich wäre am Balkon gestanden, das Gesicht nach
oben, die Augen geschlossen. So hätte ich den Regen erwartet, die Luft nach
einem Unwetter, die Stille, das Schweigen und hätte geatmet. Doch es war ein
lauer Juniabend, die Vögel holten sich Kirschen von den Bäumen, ansonsten war
es ruhig. Ich beschloss, die Nacht im Freien zu verbringen. Ich legte mich so,
dass ich die Sterne sehen konnte. Ich entschied, mir nichts zu wünschen. Ich
hielt meine Hände in die Höhe, sah durch die Finger und konnte nichts
berühren. Das war gut. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl,
als fehlte nichts, die Welt stand für sich und ich gehörte dazu. Als ich
nachts erwachte, fiel mir ein alter Traum wieder ein, den ich schon als Kind
hatte: Ich war bei den Großeltern zu Besuch. Während die Großmutter in der
Küche das Frühstück zubereitete, schlich ich zum Schlafzimmer, um den
Großvater zu beobachten. Meistens war sein Nachthemd so verrutscht, dass ich
nur die Decke ein wenig wegziehen musste, um sein Glied zu sehen. Wenn der
Großvater schnarchte, war es ein gutes Zeichen, dann schlief er. Aus der Küche
hörte ich das Radio, die Großmutter strich Butter auf das Krustenbrot. Den
Scheiblettenkäse ließ sie in der Folie, ich wollte ihn auswickeln. Vorsichtig
öffnete ich die Türe, es war verboten, den Großvater aufzuwecken. Er lag im
Bett, sein Kopf war aufgedunsen und er starrte mich an.
Der Tod des Großvaters war schon viele Jahre
her, und ich wunderte mich, dass mir nur dieser Traum geblieben war. Ein paar
Wochen vor seinem Tod wurde er aus dem Krankenhaus entlassen. Ich hatte damals
eine Grippe, und so kam es, dass der Großvater und ich gemeinsam in einem Bett
schliefen. Zwei Wochen lang lagen wir nebeneinander und er erzählte mir viele
Geschichten. Von seiner Musik, von den Instrumenten, wie er sich selbst das
Musizieren beibrachte und von seinem Glück, ein Kapellmeister zu sein. Wir
hörten Radio und der Großvater lag im Bett und dirigierte. Ich saß mit einer
Trompete neben ihm und tat so, als würde ich musizieren. Ich brachte keinen Ton
heraus. Einmal kam Besuch, ein Geiger, er gab Noten zurück, ich fürchtete ihn,
weil er ein Glasauge hatte und mich immer so ansah, als wüsste er etwas über
mich. Schau dir doch die Welt einmal genauer an, das sagte er, nahm sogleich
sein Auge heraus und legte es auf meine Bettdecke. Der Großvater lachte, ich
lag bewegungslos im Bett und starrte auf das Glasauge, dann sah ich dem Geiger
ins Gesicht. Ich durfte ihn betrachten, er ließ mir Zeit. Ich sah mir die
Stelle, wo das Auge fehlte, genau an: er hatte ein Loch im Gesicht, das mit Haut
gefüllt war, die Haut wirkte weich und verrunzelt, oberhalb der Backenknochen
lief das Gewebe in einer Narbe zusammen. Jetzt lächelte er, ich nahm das Auge
und hielt es gegen das Licht, man konnte nicht hindurchsehen. Die
Nachkastenlampe spiegelte sich darin. Es war besonders still, wir hörten
einander nur atmen. Jetzt nahm er seine Geige und spielte uns ein Lied, dann
verbeugte er sich und wir applaudierten. So waren die letzten Wochen mit dem
Großvater, wir lachten viel, die Großmutter servierte uns Kamillentee und
Zwieback und es schien, als wäre sie froh, dass der Großvater nicht allein im
Krankenbett lag.
Der Großvater war der erste Tote, den ich in meinem Leben sah. Es war eine
eisige Nacht im Februar, vor vielen Jahren. Die Großmutter schrie es durch das
ganze Haus: Der Großvater ist tot. Damals nahm ich seine Jacke und ging barfuss
auf den Balkon, eine dünne Eisschicht war auf den Fliesen, und ich fühlte die
Wärme meiner Füße, unter denen das Eis schmolz. Es tat weh. Der Schmerz war
das einzige, an das ich mich halten konnte. Ich schämte mich, weil ich nicht
weinte. Aus dem Schlafzimmerfenster drang Licht, ich konnte es vom Balkon aus
sehen. Ich beugte mich über das Geländer, ich wollte ins Zimmer schauen, ich
spürte meine Füße nicht mehr. Nichts bewegte sich, ich hatte Angst, es
könnte so bleiben. Ich werde auch sterben, daran dachte ich, aber ich wusste
nicht, was es bedeutete. Ich hielt mir die Nase zu, ich wollte nicht mehr atmen.
Für einige Momente gelang es mir, dann sah ich wieder meinen Atem in der
Kälte. Ich stellte mir vor, lange genug am Balkon zu bleiben um zu
erfrieren.
Der Leichenwagen hielt vor dem Haus, zwei Männer stiegen aus und trugen einen
Holzsarg in die Einfahrt. Ich wunderte mich über den kleinen Sarg, der
Großvater würde nicht hineinpassen. Das war gut, so konnten sie ihn nicht
mitnehmen, er bliebe da und ich dürfte ihn noch einmal berühren. Ich wollte
mich auf seinen Bauch legen, in die lange Narbe, die er von seiner Darmoperation
hatte. Ich konnte auf einmal an nichts anderes mehr als an seine Gallensteine
denken. Er bewahrte sie in einem Glas auf, neben den Noten im Archiv. Ich war
ganz leise, öffnete die Türe zum Notenarchiv, holte mir das Glas und hielt es
gegen die Lampe. Die Steine wirkten porös, sie sahen wie Sand aus, manche
schimmerten grünlich. Ich stellte mir ein Gebirge vor, geformt aus diesen
Steinen, ich sah auf meine Füße, die Steine würden darunter zerbröseln. Ich
schüttelte das Glas mit aller Kraft, aber es löste sich nichts, alles blieb
gleich. Darüber war ich froh, ich nahm das Glas und versteckte es in meiner
Jackentasche. In diesem Moment wurde der Großvater abtransportiert, die Männer
hoben ihn in den Sarg, er war groß genug.
Es war noch genug Zeit. Ich hätte hingehen können und ihn berühren. Ich stand
nur da, einfach so. Die Tür fiel ins Schloss, dann hörte ich die Schritte auf
der Treppe. Ich lief auf den Balkon, aber ich sah nicht mehr hinunter, ich
wusste, jetzt tragen sie ihn hinaus, er würde nie wieder hierher zurückkommen.
Ich stellte mir vor, wie ich den Männern nachliefe und mit aller Kraft auf den
Sarg einschlüge, bis das Holz splitterte. Ich wollte seine Hand fühlen.
Sicherlich wäre sie noch warm gewesen. Ich hörte den Motor des Leichenwagens,
als er wegfuhr. Es wurde hell draußen, die Großmutter weinte leise. Sie würde
jetzt mit ihren Händen über das leere Bett streichen, das wusste ich. Ich
setzte mich zu ihr und tat dasselbe. Dieses Jahr würde der Winter anders sein.
Es war nur eine Idee. Sie half mir nicht weiter.
Rezension I Buchbestellung I home 0I05 LYRIKwelt © Jung und Jung/P.J.M.