Jemand von Patricia Josefine Marchart, 2005, Jung und Jung

Patricia Josefine Marchart

Jemand
(Leseprobe aus: Jemand, Roman, 2004, Jung und Jung)

Von einem zum anderen Tag konnte sich Gerda Sanders an nichts mehr erinnern. Ihr Leben fiel ihr nicht mehr ein. Befand sie sich schon unter den Toten oder lebte sie? Um dies zu beantworten, fing sie damit an, sich Notizen zu machen. Du beginnst damit, jemand zu sein, war der erste Satz, den sie in ihr Buch schrieb.

I.

(Hier geht es um den Tod.)

Die Menschen sterben. Man hört es jeden Tag. Als ich das erste Mal vom Tod erfuhr, war ich sechs Jahre alt. Es war in der Religionsstunde, wir mussten den Himmel zeichnen. Ich malte Wolken, Sterne, den Mond, die Sonne und Menschen. Die Lehrerin meinte, es fehlten die Flügel, Menschen könnten nicht im Himmel leben. Ich wusste nicht, was Engel waren, und deshalb gab sie mir Aufkleber, die wie Engel aussahen. Engel seien tote Menschen, die uns hier auf der Erde beschützten, und wer an Gott glaube, der komme in den Himmel, das sagte sie. Das Bild gefiel mir nicht, und ich kannte auch keine toten Menschen oder Gott. Ich fürchtete mich vor den Engeln, sie sahen süß aus, wie meine Puppen, mit denen ich nicht spielen wollte, denen ich die Haare schnitt und das Gesicht übermalte, weil sie mir verlogen vorkamen. Ich zeigte das Bild meinen Eltern. Die Mutter meinte, alle Menschen müssten einmal sterben, das sei eben das Leben. Der Vater lachte nur. Der Himmel sei eine Erfindung der Menschen, wie auch die Engel und Gott. Am Ende sei nichts. Ich lag im Bett und weinte. Nichts, das konnte ich mir nicht vorstellen, auch wenn es der Vater sagte. Ich dachte viele Nächte daran, ich glaube, es verging seit damals keine einzige, wo ich es vergaß. Ich hatte unglaubliche Angst, wenn ich einmal tot sei, dann würde ich den Vater im Himmel nicht treffen. 
Es gibt Menschen, die ich sehr vermisse, seit sie gestorben sind. Es werden immer mehr. Das ist schlimm. Um mich zu beruhigen, rede ich mit ihnen, tue so, als wären sie noch hier und könnten mich hören. Sie sind verschollen. Vielleicht sind sie ja doch im Himmel und warten auf mich, schon schaue ich hinauf und schicke ihnen Grüße. Auf der Erde können sie nicht sein, ich hätte sie schon längst gefunden. Die Friedhöfe sind der beste Beweis, sie wirken immer so verlassen. Der Himmel ist ein guter Platz, gänzlich unerforscht, er fängt hinter dem Weltall an. Ich schütte sogar öfter den letzten Schluck meines Glases nach oben. Auf die Toten, sie sind wie wir, nur nicht mehr auf der Erde. Das kann ich gut verstehen.

Ich war dabei. Wir wickelten den Leichnam in eine Folie, die wir verschweißten. Das Gerät saugt die Luft ab und konserviert den Körper. Der Kadaver hält sich so länger frisch, er soll sich so wenig wie möglich verändern, wenigstens so lange nicht, bis alles geklärt ist. Wieder ein Toter, ein Mann in meinem Alter, er scheint unverletzt, vielleicht ein Läufer, Tod durch Erschöpfung. 
Ich suche nach Narben, einem Einstich, ich bin sehr genau, aber da ist nichts. Die Haut unterhalb der rechten Wade ist ein wenig aufgeschürft, wahrscheinlich ein Sturz. Ich muss mich wundern, weil er so stark wirkt. Ich könnte ihn jetzt berühren und seine halbgeöffneten Lider schließen, dann sieht es wenigstens so aus, als würde er schlafen. Die Toten dürfen nicht verändert werden, nicht bevor die Forschungen abgeschlossen sind. Sie bleiben, wie das Vergangene, unberührt. Wir sind zu dritt, so tragen wir den Körper, Lea nimmt den linken Arm, Joel den rechten, ich nehme seine Beine, mir ist das Gleichgewicht lieber. Die Toten sind nicht schwer, sie erstarren recht schnell, sie sind sogar leicht. 
Ich will ein Loch in die Folie stechen, genau in der Höhe des Mundes, ich sehe meine Hand an, ein Finger würde genügen, und ich könnte ihn erreichen, wenn er noch atmete. Ich werde den Gedanken nicht los, dass er erstickt. Sein Mund ist weit aufgerissen, zwischen den Lippen hat sich Kondenswasser gesammelt, es muss mit der Wärme zusammenhängen, die der Körper noch Stunden nach dem Eintritt des Todes abgibt. Er atmet nicht und er rührt sich nicht. Ich werde es noch lernen, keine Sehnsucht zu haben, vorerst aber habe ich zu tun mit dem Forschen. Die Haut des Leichnams hat sich gelblich verfärbt, sie wirkt fahl. Ein Zeichen: Das Leben ist fort. Er ist kein Mensch mehr. Ich nehme seine Füße unter die Achseln, damit ich gehen kann und nicht schwitze. 
Ich habe einen Schwur gemacht. Ich werde alles tun, um herauszufinden, was das Leben ist. Ich will mich nicht mehr fürchten. Der Tod gehört dazu. Wenn ich Angst habe, dann werde ich ganz einfach sagen, ich habe Angst. So oder so muss ich einmal sterben, wie alle Menschen. Ich lebe, das ist der ganze Trost. Bis jetzt war der Tod für mich nur ein Bild, wie die dunkle Seite des Mondes. Ich wusste, dass es sie gibt, aber ich kam nicht dahinter. Ich habe eine Geschichte auf dieser Welt. Ich entkomme ihr nicht. Ich schaue mir alles genau an. Das ist mein Schwur.  
Lea weiß viel über die Toten, sie kennt ihre Körper. Joel weiß, wie man lebt. Ich erforsche die Welt und bin froh, dass wir uns kennen. Wir sind Freunde und haben viele Geheimnisse, ich kann sagen, es ist ein Glück. 
Lea ist Pathologin und arbeitet für das Landesgericht, sie obduziert Leichen. Wir begegnen uns oft und trinken Kirschlikör miteinander. Wir treffen uns nie zu Hause, lieber verbringen wir unsere Vormittage bei ihr im Labor, um uns Geschichten zu erzählen. Manchmal sehen wir uns Gewebeproben unter dem Mikroskop an, manchmal begleite ich sie zu einer Obduktion. Ich mache meine Beobachtungen. Während Lea nach Verletzungen sucht, den Körper öffnet und die Organe näher erforscht, erfinde ich kleine Ereignisse aus dem Leben der Verstorbenen. 
Mageninhalte sind leicht zu deuten: unverdaute Gewürznelken, ein letztes Apfelkompott im Kreis der Verwandten. Ein schöner Herbstmorgen im Garten, die erwachsenen Kinder sind zu Besuch, das geschieht nicht oft. Sie haben jetzt ihr eigenes Zuhause. Das viele Obst muss gesammelt werden. Die fauligen Äpfel schießt man mit den Kindern über den Zaun, so weit man kann. So war es immer. Der Vater schießt noch immer am weitesten, erst wenn er den Teich des Nachbarn trifft, dann ist er zufrieden. Früher, nachts im Sommer, traf man sich dort um zu schwimmen. Das übrige Fallobst wird verkocht. Ein Vormittag in der Küche, die ganze Familie ist versammelt. Mit den Kindern Äpfel schälen, Kuchen, Kompott und Mus zubereiten. Die Gläser aus dem Keller holen und auskochen, neue Etiketten schreiben, nicht zu viel Zucker verwenden, Nelken und Zimt beigeben. Die ersten Bissen werden noch heiß verschlungen. 
Lea und ich, wir sind aufeinander eingespielt. Ihre medizinischen Berichte heizen mich auf. Die leblosen Körper geben verläßliche Zeichen von dem, was einmal war. In Wirklichkeit will Lea nichts über das Leben wissen, nur ich darf mit ihr darüber sprechen. Es sind ihre Toten, sie haben gelebt, das kann man sehen, und es beruhigt sie. Tote sind einfach nur tot. Unveränderbar, wie Erinnerung. Sie haben nichts mehr auf der Welt zu tun. Ich denke mir Geschichten aus und erzähle sie. Lea hört mir zu. 
Joel ist Kanadier, wir kennen uns seit kurzem. Getroffen habe ich ihn im Piri Piri, einer Bar in der Stadt, ich war fortgegangen, um zu trinken. Joel stand gleich am Eingang, er hielt mich auf, das war mir recht. Ich wusste sowieso nicht, wohin ich wollte. Mit Joel ist es einfach, das gefällt mir. Er nimmt meine Hand, ich fühle, er ist erregt. Wir reden kein Wort, er hält mich, ich weiß nicht wie. Wir sind uns begegnet, kein Moment fehlt, das ist alles, mehr will ich darüber nicht wissen.

Mein Name ist Gerda Sanders und ich bin dreiunddreißig Jahre alt. Ich arbeitete bis letzten Mittwoch als Masseuse im städtischen Parkbad. Ich lernte das Massieren nicht, ich eignete es mir an. Obwohl ich keine Ausbildung hatte, gab man mir eine fixe Anstellung. So verdiente ich mein Geld. Ich wollte mit Menschen zu tun habe, ich wollte sie von Schmerzen befreien. Ich war in meiner Arbeit sehr genau, ich kannte mich mit Körpern aus, fand gleich deren Schwachstellen und behandelte diese nur nach genauer Überprüfung des Zustands der Muskeln. Immer achtete ich auf den Atem, auf den der Kunden und auf meinen. Schon beim ersten Abtasten fühlte ich, welches Öl in welchen Mengen zu verwenden sei und die Geschwindigkeit, mit der ich arbeiten konnte. Ich hatte meine Stammkundschaft, viele wollten mich nach Hause einladen, immer lehnte ich ab. Eine gewisse Fremdheit musste bleiben, damit wir uns vertrauen konnten. Familien kamen zu mir, ließen sich einrenken und wurden wieder glücklich. Mir ging es um das Leben, ohne Verzögerung und ohne Angst.
Letzten Mittwoch fand ich alles wie gewohnt vor, und wie immer vor Dienstantritt machte ich meine Übungen, zum Aufwärmen. Der Pole, ein Leichtathlet, kam um elf Uhr nach dem Training zur Massage. Er gefiel mir, sein Körper war durchtrainiert. Manchmal drückte er leicht meine Hände, dann ließ ich für einige Momente meine Hände in seinen ruhen. Letzten Mittwoch passierte folgendes: Ich knetete die Waden des Polen und strich seine Füße entlang. In diesem Augenblick drehte er den Kopf zur Seite und öffnete seine Augen. Wir sahen uns an. Er versuchte sich aufzusetzen, es gelang ihm nicht, er konnte seinen Oberkörper nicht mehr bewegen. Seine Arme fielen auf die Seite und pendelten, bis sie leblos hinunterhingen. Ich beugte mich über seinen Kopf und klopfte ihm auf die Wangen. In diesem Augenblick atmete er laut aus und nicht wieder ein. Ich rief einige Male seinen Namen, Wachen Sie auf, Herr Sobecki, das ist kein Spaß. Ich drehte ihn auf die Seite und rüttelte seinen Körper, sein Penis war erigiert, ich schüttete ihm kaltes Wasser ins Gesicht. Ich hielt mein Gesicht ganz nahe an seines, um seinen Atem zu spüren. Er war tot.

Angefangen hatte alles an diesem Tag. Ich stand vor meiner Wohnungstüre, den Schlüssel in der Hand. Ich sah auf das Schloss, ich schüttelte den Bund und hörte mir das Geräusch an. Ein dumpfes Klingen. Ich konnte nicht aufsperren. Ich stand wie angewurzelt vor meiner Wohnung. Ich las: Gerda Sanders. Das sagte mir nichts, das war mein Name. Ich bemerkte einige Lackschäden am Türrahmen. Ich kletzelte mit meinen Fingern daran, wobei ein Splitter unter meinem Fingernagel stecken blieb. Ich versuchte ihn mit den Zähnen zu entfernen. Die Lackreste zermalmte ich im Mund und schluckte sie hinunter. Sie hatten keinen Geschmack. Zum ersten Mal fiel mir der Zeitungsschlitz auf, also beugte ich mich hinunter, um in den Vorraum meiner Wohnung zu sehen. Ich konnte unmöglich länger dort leben. Wie alles dastand, unverrückbar, was sollte ich da. Luft kam durch den Türschlitz, ich atmete tief ein, um mich zu vergewissern, dass ich hier lebte. Es roch modrig, wie die Wohnung einer alten Frau, die sich nicht mehr aus dem Haus traut. Ich hatte das Gefühl, wenn ich jetzt diese Wohnung betrete, dann verlasse ich sie nie wieder. Deshalb warf ich den Schlüssel durch den Türschlitz und ging. 
Ich wusste nicht wohin, ich ging einfach fort. Ich hatte keinen Gedanken im Kopf, ich sah nur das Treppengeländer, dann Stufen. Ein grauer Steinboden, der irgendwann aufhören musste. Ich wurde immer schneller, ich bekam so einen Schwung, dass ich mich am Geländer festhalten musste, um nicht zu stürzen. Ich hoffte, niemandem zu begegnen. Zwei Kinder saßen auf der Treppe, sie spielten mit Plastilinfiguren. Ich bremste mich ein und kam kurz vor ihnen zum Stillstand. Ein ganzer Zoo war vor mir aufgestellt. Sie sahen mich erschrocken an. Ich entschuldigte mich und ging weiter. Erst am Fußabstreifer bemerkte ich die gelbe Knetmasse an meinem Schuh. Ich hatte eine Figur erwischt und ich wusste nicht welche. Ich war traurig. An meinen Schuhen war zu wenig Plastilin geblieben, um es noch verwenden zu können. Ich redete mir ein, nur einen Fuß oder einen Schwanz von einem Tier erwischt zu haben. Jemand öffnete von draußen die Türe und grüßte mich. Ich machte einen Schritt. Endlich war ich im Freien. Ich beobachtete meine Füße, sie wirkten so klein, als könnten sie mich nicht tragen. Sie taten mir fast leid. Ich fand es gut, dass mir meine Füße fremd vorkamen, die Idee half mir weiterzukommen. Geht, wohin ihr wollt, das sagte ich ihnen und wirklich, ich bewegte mich.
Anfangs sah ich nur auf den Boden, der sich unter meinen Füßen veränderte. Die unterschiedlichsten Muster kamen zum Vorschein, Kopfsteinpflaster, dazwischen Moos, Teerreste, Asphalt, Löcher, Steine, die Strukturen änderten sich je nach Schrittgeschwindigkeit. Ich fand mich vor einer leeren Holzbank wieder, die zu einer Busstation gehörte.  Es erschien mir logisch, in den nächsten Bus einzusteigen. Ich fuhr bis zur Endstation. Jetzt erst sah ich mich um. Ich war auf einem Hügel, in der Ferne konnte man die Stadt erkennen. Eine große Dunstwolke lag über ihr. Vereinzelt standen dort Einfamilienhäuser mit großen Gärten, dazwischen lagen Felder und Obstbäume, eine Stadtrandsiedlung. Hier war ich noch nie gewesen. Ich stieg aus dem Bus und stellte mich in die Wartehütte. Ich fühlte, wie mein Oberkörper pendelte. Immer wieder verlor ich fast das Gleichgewicht. Irgendetwas fing mich auf. Meine Füße bewegten sich nicht von der Stelle, bis ich ein grünes Schild entdeckte, auf dem stand Pension Alexandra, Zimmer mit Frühstück. Dorthin ging ich.
Ein kleiner Hund kam mir entgegen, er bellte nicht, das beruhigte mich. Ich folgte dem Hund bis zum Eingang der Pension. Die Türe stand offen, ein älterer Mann saß an einem Tisch in der Ecke und legte Patience. Er reichte dem Hund ein Stück Zucker, ohne ihn anzusehen. Ich sah auf seine Fingerkuppen, die mir ungewöhnlich groß und weich vorkamen. Ich wollte ihn berühren, deshalb streckte ich ihm meine Hand entgegen. Er reagierte nicht. Ich mietete ein Zimmer und zog ein. Die Schlüssel steckten an der Türe, ich sollte mir eines aussuchen. Die Zimmer waren klein, hatten aber alle Doppelbett und Balkon, einen hellbraunen Filzboden, dunkelgrüne Vorhänge und weiße Bettwäsche, man konnte sie kaum voneinander unterscheiden. Ich nahm mir eines, von dem ich eine gute Aussicht auf einige Kirschbäume hatte. Die erste Zeit verbrachte ich damit, im Zimmer auf und ab zugehen, Sessel hin- und herzustellen, den Tisch zu verrücken, am Balkon zu stehen, den Fernseher ein- und auszuschalten, die Minibar zu inspizieren (es gab mehrere kleine Schnäpse, Bier und Erdnüsse, eine gute Begrüßung) und im Bad die Wasserleitungen zu prüfen. Es ging mir nicht gut, das hatte mit dem Tod des Polen zu tun.
Nach drei Stunden vermisste ich schon einige Gegenstände, Bücher, die ich unbedingt lesen wollte, meine Zahnbürste, die Espressomaschine, eine Kiste mit Briefen und verschiedenste Kleidungsstücke. Ich könnte mir ja einen Draht besorgen, ihn zurechtbiegen und versuchen, den Schlüssel in meiner Wohnung damit zu erwischen, dann hätte ich wenigstens das Notwendigste hier. Im ganzen Zimmer war kein Draht zu finden, das Stromkabel hätte ich zerlegen können, aber der Kupferdraht wäre sicherlich zu weich gewesen und ungeeignet. Am Balkon schließlich fand ich ein Drahtstück, recht stabil, das die Topfpflanze hielt. Es war zu kurz. Ich musste hier bleiben.

Die Wahrheit ist, mein Leben fiel mir nicht mehr ein. Es kam mir vor, als wüsste ich alles über mich, jeden Moment, jede Begegnung, alles, was jemals stattgefunden hatte, doch mir fehlte die Verbindung. Ich war aus meinem Leben ausgeschlossen, es stand mir gegenüber, war auf der anderen Seite. Es war vorbei. Es war gelebt. Es blieb dort, unverändert und unveränderbar. Seit ich die Wohnung verlassen hatte, wurde ich das Gefühl nicht los, ich hätte überlebt. Aber was?
Noch immer ging ich im Zimmer herum, ich konnte mich nicht niedersetzen, ich fand keine Ruhe. Ich holte mir die kleinen Schnapsflaschen aus der Minibar und trank abwechselnd Wodka, Cognac und Whiskey. Es brannte angenehm im Hals. Der Tod des Polen ging mir nicht aus dem Sinn. Ich wollte auf der Welt sein und er war von der Welt verschwunden. Was hatte das mit mir zu tun? Immer hatte ich den selben Satz im Kopf: Ich kann nicht in mein altes Leben zurück. Er hat mich in den Tod mitgerissen und auf der Welt zurückgelassen. Ich musste mich jetzt selbst auf die Welt bringen, eine Unbekannte sein, um zu leben. Nur eine Unbekannte konnte das. 
Ich könnte meine Wohnung ausbrennen, eine gute Idee. Man würde dort eine Leiche finden, verkohlt bis auf die Knochen, eine junge Frau. So könnte es sein: Die Frau steht am Gasherd, das Nachthemd fängt Feuer, Nylon entzündet sich schnell, sie brennt. Sie reißt die Vorhänge herunter, will sich darin einwickeln, um das Feuer zu ersticken, die Pfanne mit dem heißen Öl kippt, das Feuer greift auf den Teppich über, sie stürzt. Alles geht in Flammen auf. 
Ich müsste eine Tote besorgen, meine Größe, meine Blutgruppe. Die Zähne der Toten müssten geröntgt werden, ich könnte die Bilder austauschen. Mehr würde nicht nötig sein. Tote in meinem Alter sind nicht leicht zu finden, zumeist von Unfällen so entstellt, dass sie sich für mein Vorhaben nicht eigneten, oder durch Gewalt dermaßen verunstaltet, dass man sie nicht gebrauchen konnte. Ich saß auf dem Bett im Hotelzimmer und zupfte Daunenfedern aus dem Polsterkissen, ich war froh, wieder Gedanken in meinem Kopf zu haben, ein Beweis, dass ich noch am Leben war. Keinesfalls durfte ich jetzt schon darüber nachdenken, was es bedeutete, wenn ich für tot gehalten würde. Natürlich reizte es mich, den Tod vor Augen, noch bestimmte Briefe an Verwandte und Freunde zu schicken, kleine Geschenke und Grüße, gute letzte Worte. Ich musste mich zurückhalten. Alles sollte undurchschaubar bleiben, ein plötzliches Ableben, ein tragischer Unfall. Dann wäre ich von der Welt verschwunden. 
Ich setzte mich auf den Balkon und sah in den Garten. Es fiel mir auf, dass die Kirschen schon reif waren. Ich überlegte sogar, mir welche zu holen, ließ es aber bleiben. Es kam  mir seltsam vor. Ich hatte das Gefühl, jede noch so geringe Bewegung könnte mein Leben verändern, doch ich wusste nicht, in welche Richtung ich wollte, es könnte die falsche sein, deshalb blieb ich am Balkon sitzen und sah auf die Kirschbäume. 
Ich wollte nichts und niemanden berühren. Es schien mir zu gefährlich. Ich hatte etwas berührt, von dem ich nichts wußte, und schon war es passiert, schon hatte sich der Tod an diese Stelle gesetzt. In den Kirschen erwischte es vielleicht die Würmer, auf dem Weg dorthin Schnecken, Käfer und Larven. Wie weit konnte man gehen, ohne zu verletzen? Ich würde nie erfahren, wie groß der Haufen war, der durch mich zu Tode kam. Ich lebte und wußte nichts über den Tod. Die Toten berichteten mir nichts, sie blieben stumm. Wahrscheinlich wußten sie nichts über das Leben. 
Keiner wusste, wo ich mich im Moment aufhielt, das gefiel mir. Ein Gefühl, als wäre ich dem Tod entkommen. Niemand hier kannte mich. Meine Ersparnisse reichten für ein ganzes Jahr. Ich wollte mir die Welt ansehen. 
Ich wartete die Dunkelheit ab, um mich schlafen zu legen. Diese Nacht hätte ich mir ein Gewitter gewünscht. Ich wäre am Balkon gestanden, das Gesicht nach oben, die Augen geschlossen. So hätte ich den Regen erwartet, die Luft nach einem Unwetter, die Stille, das Schweigen und hätte geatmet. Doch es war ein lauer Juniabend, die Vögel holten sich Kirschen von den Bäumen, ansonsten war es ruhig. Ich beschloss, die Nacht im Freien zu verbringen. Ich legte mich so, dass ich die Sterne sehen konnte. Ich entschied, mir nichts zu wünschen. Ich hielt meine Hände in die Höhe, sah durch die Finger und konnte nichts berühren. Das war gut. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, als fehlte nichts, die Welt stand für sich und ich gehörte dazu. Als ich nachts erwachte, fiel mir ein alter Traum wieder ein, den ich schon als Kind hatte: Ich war bei den Großeltern zu Besuch. Während die Großmutter in der Küche das Frühstück zubereitete, schlich ich zum Schlafzimmer, um den Großvater zu beobachten. Meistens war sein Nachthemd so verrutscht, dass ich nur die Decke ein wenig wegziehen musste, um sein Glied zu sehen. Wenn der Großvater schnarchte, war es ein gutes Zeichen, dann schlief er. Aus der Küche hörte ich das Radio, die Großmutter strich Butter auf das Krustenbrot. Den Scheiblettenkäse ließ sie in der Folie, ich wollte ihn auswickeln. Vorsichtig öffnete ich die Türe, es war verboten, den Großvater aufzuwecken. Er lag im Bett, sein Kopf war aufgedunsen und er starrte mich an. 

Der Tod des Großvaters war schon viele Jahre her, und ich wunderte mich, dass mir nur dieser Traum geblieben war. Ein paar Wochen vor seinem Tod wurde er aus dem Krankenhaus entlassen. Ich hatte damals eine Grippe, und so kam es, dass der Großvater und ich gemeinsam in einem Bett schliefen. Zwei Wochen lang lagen wir nebeneinander und er erzählte mir viele Geschichten. Von seiner Musik, von den Instrumenten, wie er sich selbst das Musizieren beibrachte und von seinem Glück, ein Kapellmeister zu sein. Wir hörten Radio und der Großvater lag im Bett und dirigierte. Ich saß mit einer Trompete neben ihm und tat so, als würde ich musizieren. Ich brachte keinen Ton heraus. Einmal kam Besuch, ein Geiger, er gab Noten zurück, ich fürchtete ihn, weil er ein Glasauge hatte und mich immer so ansah, als wüsste er etwas über mich. Schau dir doch die Welt einmal genauer an, das sagte er, nahm sogleich sein Auge heraus und legte es auf meine Bettdecke. Der Großvater lachte, ich lag bewegungslos im Bett und starrte auf das Glasauge, dann sah ich dem Geiger ins Gesicht. Ich durfte ihn betrachten, er ließ mir Zeit. Ich sah mir die Stelle, wo das Auge fehlte, genau an: er hatte ein Loch im Gesicht, das mit Haut gefüllt war, die Haut wirkte weich und verrunzelt, oberhalb der Backenknochen lief das Gewebe in einer Narbe zusammen. Jetzt lächelte er, ich nahm das Auge und hielt es gegen das Licht, man konnte nicht hindurchsehen. Die Nachkastenlampe spiegelte sich darin. Es war besonders still, wir hörten einander nur atmen. Jetzt nahm er seine Geige und spielte uns ein Lied, dann verbeugte er sich und wir applaudierten. So waren die letzten Wochen mit dem Großvater, wir lachten viel, die Großmutter servierte uns Kamillentee und Zwieback und es schien, als wäre sie froh, dass der Großvater nicht allein im Krankenbett lag. 
Der Großvater war der erste Tote, den ich in meinem Leben sah. Es war eine eisige Nacht im Februar, vor vielen Jahren. Die Großmutter schrie es durch das ganze Haus: Der Großvater ist tot. Damals nahm ich seine Jacke und ging barfuss auf den Balkon, eine dünne Eisschicht war auf den Fliesen, und ich fühlte die Wärme meiner Füße, unter denen das Eis schmolz. Es tat weh. Der Schmerz war das einzige, an das ich mich halten konnte. Ich schämte mich, weil ich nicht weinte. Aus dem Schlafzimmerfenster drang Licht, ich konnte es vom Balkon aus sehen. Ich beugte mich über das Geländer, ich wollte ins Zimmer schauen, ich spürte meine Füße nicht mehr. Nichts bewegte sich, ich hatte Angst, es könnte so bleiben. Ich werde auch sterben, daran dachte ich, aber ich wusste nicht, was es bedeutete. Ich hielt mir die Nase zu, ich wollte nicht mehr atmen. Für einige Momente gelang es mir, dann sah ich wieder meinen Atem in der Kälte. Ich stellte mir vor, lange genug am Balkon zu bleiben um zu erfrieren. 
Der Leichenwagen hielt vor dem Haus, zwei Männer stiegen aus und trugen einen Holzsarg in die Einfahrt. Ich wunderte mich über den kleinen Sarg, der Großvater würde nicht hineinpassen. Das war gut, so konnten sie ihn nicht mitnehmen, er bliebe da und ich dürfte ihn noch einmal berühren. Ich wollte mich auf seinen Bauch legen, in die lange Narbe, die er von seiner Darmoperation hatte. Ich konnte auf einmal an nichts anderes mehr als an seine Gallensteine denken. Er bewahrte sie in einem Glas auf, neben den Noten im Archiv. Ich war ganz leise, öffnete die Türe zum Notenarchiv, holte mir das Glas und hielt es gegen die Lampe. Die Steine wirkten porös, sie sahen wie Sand aus, manche schimmerten grünlich. Ich stellte mir ein Gebirge vor, geformt aus diesen Steinen, ich sah auf meine Füße, die Steine würden darunter zerbröseln. Ich schüttelte das Glas mit aller Kraft, aber es löste sich nichts, alles blieb gleich. Darüber war ich froh, ich nahm das Glas und versteckte es in meiner Jackentasche. In diesem Moment wurde der Großvater abtransportiert, die Männer hoben ihn in den Sarg, er war groß genug. 
Es war noch genug Zeit. Ich hätte hingehen können und ihn berühren. Ich stand nur da, einfach so. Die Tür fiel ins Schloss, dann hörte ich die Schritte auf der Treppe. Ich lief auf den Balkon, aber ich sah nicht mehr hinunter, ich wusste, jetzt tragen sie ihn hinaus, er würde nie wieder hierher zurückkommen. Ich stellte mir vor, wie ich den Männern nachliefe und mit aller Kraft auf den Sarg einschlüge, bis das Holz splitterte. Ich wollte seine Hand fühlen. Sicherlich wäre sie noch warm gewesen. Ich hörte den Motor des Leichenwagens, als er wegfuhr. Es wurde hell draußen, die Großmutter weinte leise. Sie würde jetzt mit ihren Händen über das leere Bett streichen, das wusste ich. Ich setzte mich zu ihr und tat dasselbe. Dieses Jahr würde der Winter anders sein. Es war nur eine Idee. Sie half mir nicht weiter. 

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