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Gefrorene Träume
(Leseprobe aus: Gefrorene Träume, Roman, 2006, Piper
- Übertragung Eva-Maria Wagner)
Wenn die Frau mit den kurzen Haaren gefragt wird, wie nun eigentlich ein Roman bei ihr entsteht, dann antwortet sie, es fange immer alles damit an, daß jemand an ihre Tür klopft. Sie öffnet. Der Jemand tritt ein, setzt sich. Sie kocht Kaffee; manchmal gibt es sogar frisch gebackene Plätzchen dazu oder Brot mit Butter und etwas Salz, wenn einer lieber Salziges als Süßes mag. Der Besuch trinkt den angebotenen Kaffee, knabbert ein paar Kekse. Der eine oder andere erwähnt schüchtern, daß er nachmittags um diese Zeit einen Tee bevorzugen würde und furchtbar gern die Aprikosenmarmelade probieren möchte, für die sie bei ihren Freunden berühmt ist. Die Autorin bereitet dann entweder einen Pfefferminz- oder Jasmintee zu, mal mit Zitrone, mal mit Milch, ganz nach dem jeweiligen Geschmack. Sie macht ein Glas Aprikosenmarmelade auf und steckt einen Löffel hinein, damit der Besuch sich selbst bedienen kann. Während dieser seinen Tee trinkt, sieht er sich um, und dann erzählt er seine Geschichte. Manch einer muß sich dabei unbedingt eine Zigarette anzünden. Und um dem Gast gegenüber nicht unhöflich zu erscheinen, rückt die Frau mit den kurzen Haaren lediglich ihren Stuhl weiter weg oder öffnet das Fenster einen Spaltbreit.
Nachdem der Besuch getrunken, gegessen und seine Geschichte erzählt hat, verabschiedet er sich für gewöhnlich und geht wieder. Die Frau mit den kurzen Haaren betrachtet den entschwindenden Gast mit vorzeitiger Sehnsucht, weil dieser sich bereits von ihr entfernt hat. Aber irgend etwas an dieser Begegnung hat nicht gestimmt, und sie läßt es bei dem Gedanken bewenden: Schade, ich hätte ihn besser kennenlernen sollen. Doch zu tragisch will sie es auch wieder nicht nehmen.
Bittet der Besuch jedoch darum, noch etwas bleiben zu dürfen, nachdem er ihren Tee getrunken, ihr Brot mit Butter und Aprikosenmarmelade gegessen hat, verlangt er, wenn er sich, im Zimmer auf und ab laufend, die Beine vertreten hat, nach einem Sofa, auf dem er sich ausstrecken kann, und im Anschluß an eine halbstündige Ruhepause nach einem Glas Wasser und erzählt ihr dann weitere Einzelheiten seiner Geschichte, um gegen neun Uhr abends wie selbstverständlich zum Abendessen an ihrem Tisch Platz zu nehmen und mit ihr zusammen einen Teller Spaghetti mit Öl und Parmesankäse zu essen, ein Glas Rotwein zu trinken und einen geschälten Apfel zu teilen; und fragt er dann noch nach einem Bett zum Schlafen, nun, dann bedeutet das, daß er sich bereits häuslich in ihrem Phantasiegebäude niedergelassen hat und nicht beabsichtigt, wieder zu verschwinden. Und tatsächlich fordert er am nächsten Morgen eine Tasse Milchkaffee und ein Brot mit der Marmelade, die den Freunden vielleicht deshalb so gut schmeckt, weil sie nicht so süß ist und einen delikaten Aprikosen- und Wacholdergeschmack hat. Dann berichtet die Person noch mehr Einzelheiten einer immer komplizierter und ausführlicher werdenden Geschichte. Spätestens dann steht für sie fest, daß der Moment gekommen ist, einen neuen Roman zu schreiben.
Eine solche Person hat bei der Frau mit den kurzen Haaren angeklopft. Ganz sacht pochten die Fingerknöchel an die Tür, lautlos trat sie ein: eine bescheiden gekleidete Bergbewohnerin mit klobigen Schuhen an den Füßen. Sie setzte sich auf die Stuhlkante und schwieg, während der Kaffee vor ihr kalt wurde. Obwohl befangen und schüchtern, schien sie doch fest entschlossen zu bleiben. Gegen Abend, nach dem Genuß von Suppe und einem Glas Wein, hat sie sich dann allmählich zum Reden aufgerafft. Sie ist verlegen, weil sie denkt, ihre Geschichte wäre nichtinteressant, und niemand hörte ihr gern zu.
Zaira – so heißt sie –, kurz Zà genannt, hält sich selbst für einen unscheinbaren, durchschnittlichen Menschen, und außerdem ist sie aus dem Alter von Romanheldinnen heraus. Was also treibt sie dazu, mit ihren alten Gewohnheiten, wie Zurückhaltung und Schweigen, zu brechen und an die Tür einer Romanschriftstellerin zu klopfen? So schüchtern und verunsichert sie auch sein mag – wenn es um ihre Enkelin Colomba, ’Mbina genannt, geht, wird sie resolut und aktiv. Wie eine Tochter habe sie sie aufgezogen, bricht es aus ihr heraus, und jetzt sei sie verschwunden. Als sie das Wort »verschwunden« ausspricht, verzieht sie ihr Gesicht wie ein Berberaffe. Wieso verschwunden? Verschwunden, einfach verschwunden, sie wisse weder, wohin, mit wem und warum ihre Enkelin fortgegangen ist, noch, ob sie tot oder lebendig ist. Aber ihre nicht besonders resigniert wirkende Miene läßt darauf schließen, daß sie durchaus hofft, sie lebend wiederzufinden. Und nachdem sie alles mögliche versucht hat, ist sie auf die Idee gekommen, eine Romanschriftstellerin zu bitten, ihr dabei behilflich zu sein, die verlorene Enkelin aufzuspüren. In ihrem Dorf in den Abruzzen und in der ganzen Umgebung glauben alle, sie wäre tot. Aber sie nicht. Und sie ist sich sicher, daß die Autorin ihr bei ihrer Suche helfen wird.
Die Erzählerin gibt ihr höflich zu verstehen, daß sie sich außerstande sieht, über diese Colomba zu schreiben, die von zu Hause verschwunden ist – eine, offen gestanden, doch recht banale Geschichte. In ihrer Phantasie spielen sich ganz andere Geschichten ab. Zum Beispiel die einer Mutter, die versucht, die Erinnerung der Erwachsenen für die kleine Tochter attraktiv zu machen, indem sie ihr von Frauen und Männern aus früheren Zeiten erzählt. Darf eine Mutter sich hinter den zum Teil völlig zusammenhanglosen Märchen verschanzen, wenn sie mit der Tochter, deren leidenschaftliches Interesse üblen Machenschaften gilt, über die großen Themen des Lebens sprechen will?
Zaira solle doch nach Hause gehen und die Geschichte von Colomba oder ’Mbina, wie sie genannt wird, für sich behalten, sie interessiere sich jedenfalls nicht dafür, sagt die Frau mit den kurzen Haaren etwas unwirsch und schiebt die Besucherin zur Tür hinaus.
Noch in derselben Nacht träumt die Schriftstellerin davon, wie sie in die Bergschuhe schlüpft, die sie an der Besucherin gesehen hat, und in den Wald von Ermellina eindringt, um nach einem verschwundenen Mädchen zu suchen; am Wegesrand läßt sie ein weiß-blaues Fahrrad zurück. Selbst im Traum wundert sie sich: Hatte sie denn diese etwas farblose, unbeholfene und leicht zu durchschauende Person nicht weggeschickt? Und dennoch befindet sich dieselbe Frau jetzt hier in ihrem Traum und bewegt sich mit einer Sicherheit, die ihr eigentlich nicht zusteht. Woher nimmt sie nur diese Kühnheit?
Es ist schon seltsam, daß sich der Körper, ungeachtet seines eingefleischten Willens, einbildet, er nähme das Aussehen einer nach ihrer Meinung ziemlich uninteressanten Person an. Was für ein heilloses Durcheinander! Die Lage, in der sich Sigismund befunden hatte, war kaum schwieriger. Wie oft hatte sie in ihrer Jugend dieses zerfledderte Buch von Calderón de la Barca mit sich herumgeschleppt, im Zug, im Bus, in der Straßenbahn. Inmitten all der Menschen vergaß sie, daß sie nicht allein war. Dieser Prozeß scheinbarer Entrückung bedeutete, soviel sie wußte, völlig verzaubert zu sein. Aber war es überhaupt Sigismund, der Prinz mit dem Doppelleben, der ihre Neugier erregte, dieser blasse Höhlenbewohner, Gefangener eines Willens, der nicht der seine war? Und identifizierte sie sich auf irgendeine Weise mit dem in einem Loch eingesperrten jungen Polen, der im Geiste mit Wohlgefallen auf einen lichten Palast und einen Garten voller Blumen und Wasserläufe blickte? Um was handelt es sich bei dem Traum, den Sigismund träumt, während er noch einmal durch die einladenden großen Säle des väterlichen Palastes schreitet? Um Erfahrung oder Wunschdenken? Der junge Mann wird von dem herzzerreißenden Gefühl eines unersetzlichen Verlustes ergriffen. Eines Verlustes, der mit der Erinnerung an ein Eigentum, das ihm niemals uneingeschränkt gehörte, verknüpft ist. Dennoch existiert dieses Eigentum, es ist die ganze Welt, etwas Sonnenhaftes und Berauschendes, das ihm von Rechts wegen zusteht. Alles scheint sich um sich selbst zu drehen wie die quälenden Gedanken einer Lebensphase, für die es kein Vor und kein Zurück gibt. Aber haben die Leidenschaften eines blassen, gepeinigten Prinzen, der die Realität der Gefangenschaft ständig mit einer recht unsicheren Erinnerung an einen paradiesischen Garten verwechselt, nicht große Ähnlichkeit mit dem Schicksal des Schriftstellers?
»Colomba Mitta ist am Morgen des 2. Juni von zu Hause verschwunden«, heißt es in einem Zeitungsausschnitt aus dem Eco della Marsica, den Zaira ihr auf den Tisch gelegt hat. »Die junge Frau, die bei ihrer Großmutter in Touta lebt, ist zweiundzwanzig Jahre alt. Ihr Zimmer wurde in tadellosem Zustand vorgefunden: das Bett gemacht, die Pantoffeln nebeneinander auf dem Teppich vor der Tür, die feuchten Handtücher auf dem Fensterbrett ausgebreitet, auf dem Nachttisch ein Buch über Pilzkunde. In der Küche eine noch volle Kaffeetasse, die Zuckerdose mit dem soeben aufgeschraubten Deckel und dem aufgehäuften Teelöffel, als wäre sie gerade im Begriff, ihren Kaffee zu süßen. Aber dieser Löffel hat die Tasse nie erreicht. Die Handtasche mit Geld, Papieren, Handy und Führerschein lag auf der Kommode im Flur. Sie trug eine braune Hose und einen rosafarbenen Pullover. Mit einem türkisfarbenen K-way um die Taille gebunden – so sah sie der Schäfer G’vannitt’, der beobachtet hatte, wie sie in aller Eile auf ihr Fahrrad stieg und in Richtung Gebirge davonstrampelte.
Die Großmutter, Zaira Bigoncia, berichtete, sie sei um acht Uhr aufgestanden und habe die Küche betreten, wo sie die Tasse mit dem noch heißen Kaffee, den zur Seite geschobenen Stuhl und auf dem Tisch ein paar zerkrümelte Kekse vorfand. Sie dachte, die Enkelin wäre wieder in ihr Zimmer gegangen, und stellte instinktiv einen Unterteller auf die Tasse, um den Kaffee warmzuhalten. Dann ging sie ins Bad. Als sie nach einer Viertelstunde wieder herauskam, bemerkte sie, daß die zugedeckte Kaffeetasse noch immer an derselben Stelle stand. Deshalb lief sie in das Zimmer der jungen Frau, aber es war leer. Sie glaubte, die Enkelin sei in Windeseile aufgebrochen, ohne vorher ihren Kaffee zu trinken. Es kam durchaus zuweilen vor, daß sie morgens zu spät dran war und, ohne sich zu verabschieden, auf ihrem Rad davonbrauste. Unverzüglich rief die Großmutter im Postamt an, wo man ihr mitteilte, daß sie dort nicht erschienen war. Sie wartete noch eine halbe Stunde, um dann erneut anzurufen. Aber von Colomba fehlte noch immer jede Spur. Und dabei sind es von ihrem Haus zum Postamt mit dem Fahrrad nur zehn Minuten.«
Die Hände auf der Tastatur, die Füße auf einem kleinen Schemel, stellt sich die Frau mit den kurzen Haaren die Frage, ob Schreiben ein Mittel ist, um Nachforschungen anzustellen, wie Zaira ihr einreden will. Oder Medizin, wie ihr einmal ein junges Mädchen erklärt hat, als es ihr einen Umschlag mit Gedichten überreichte: »Wenn ich schreibe, werde ich gesund.« Eine Jugendliche so um die Fünfzehn, Sechzehn. Wovon sie wohl geheilt werden will? Von Liebeskummer? Von Zerwürfnissen in der Familie? Von Schlafstörungen? Das Mädchen schien sie mit lüsterner Neugier zu betrachten: so als würde es ihr am liebsten das nußförmige Gehirn aufschneiden, um herauszufinden, was für ein Kern sich darin verbirgt.
Ein Pensionär stellte dagegen einmal fest – auch er mit einem zerknitterten Manuskript in der Hand, in das sie einen fachkundigen Blick werfen sollte –, daß man nur dann schreibt, wenn man wunschlos glücklich ist, »so als wäre man im Garten Eden eingeschlossen«, erklärte er schließlich frohgemut.
Die Losung vom Garten Eden überrascht sie ebenso wie der Wunsch zu fliehen angesichts der mächtigen Waldungen, die sich vor ihren Augen erstrecken: Wälder, in andere Wälder übergehend, mit abwechselnd blauen und grünen Wipfeln, die das Unergründliche einer Gebirgslandschaft ahnen lassen.
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