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Die jungen Rebellen
(Leseprobe aus: Die jungen
Rebellen,
Roman, 2001, Piper - Übertragung
Ernö Zeltner)
Ábel, der Sohn des Arztes, liegt mit dröhnendem
Kopf auf dem Bett, zittrig und schweißnaß, als habe er Fieber.
Durch den oberen Teil des geöffneten Fensters sieht er verschwommen einen Baum,
ein Dach, einen Schornstein, aus dem eine dünne Rauchsäule aufsteigt. Im
Zimmer, diesem niedrigen Raum mit gewölbter Decke, ist es bereits dämmrig,
dunkler als auf der Straße; frühsommerliche Wärme dringt herein, die
Gaslaternen flimmern grünlich, wie in Nebel gehüllt. Aus der Küche hört
Ábel das leise Singen des Dienstmädchens, das beim Bügeln ist. Ab und zu
tritt sie mit dem Plätteisen auf den Gang vor der Küche, wirbelt das Eisen
über ihrem Kopf herum, um die Glut anzufachen. Funken stieben wie
Schwefelhölzchen, die in der Dunkelheit angerissen werden.
Die Freunde hatten sich schon um drei Uhr verzogen. Ihm ist zumute, als wäre er
ohne Übergang aus einem schrecklichen Traum erwacht; der Geruch nach Tabak und
Likör, noch vom Kartenspiel am Mittag, verursacht ihm Übelkeit.
Doch nun muß er sich aufraffen, es ist sieben Uhr, man erwartet ihn bereits.
Vorsichtig bewegt er den Kopf und schaut geistesabwesend um sich. Jetzt wird
gleich alles in Ordnung kommen, er muß nur ganz aufwachen, ins Leben
hinaustreten und es mit Fleiß und liebenswürdigem Auftreten zu etwas bringen.
Er grinst verlegen, setzt sich mühsam auf, bewegt die Beine, in die kribbelnd
das Blut zurückfließt. Im Dunkeln tappt er zum Waschkrug, beugt den Kopf über
die Waschschüssel und läßt das abgestandene Wasser über die verklebten Haare
laufen. Triefend tastet er sich zur Tür und findet den Lichtschalter. Er hat
Probleme mit dem Schlucken und gießt Mundwasser in ein Glas, um zu gurgeln.
Das Mädchen muß das Licht im Zimmer des Jungen bemerkt haben, denn es hört
auf zu singen. Ábel setzt sich an den Tisch und beginnt zerstreut, sich mit dem
flauschigen Handtuch die Haare zu trocknen.
Die Tante würde nicht vor acht nach Hause kommen. Als er noch ein Kind war, hat
sie ihm oft erzählt, daß er einmal ihr Vermögen erben würde. Dieses
»Vermögen« befand sich nach ihrer Schilderung gut versteckt an einem Ort, wo
es vor dem Zugriff von »Börsianern und Agenten« sicher sei. Die Tante haßte
die Börse, doch hat sie diesen Haß nie genauer begründet. In der Vorstellung
des Jungen blieb die Börse eine finstere Höhle in einem Felsen, und vor dem
Eingang kämpfte Ali Baba mit einigen bis an die Zähne bewaffneten Männern,
die ihr Geld gegen die vierzig Räuber verteidigten. Die unheilvolle Bedeutung
eines Freitags spielte in der Erzählung ebenfalls eine Rolle. Die Tante spricht
oft von ihrem Vermögen, berichtet gelegentlich in bedeutsamem Ton, daß sie
gerade heute danach gesehen habe und alles in Ordnung sei, Ábel müsse sich
über seine Zukunft keine Sorgen machen, das Vermögen sei ihm sicher. Einmal
hat der Junge den sicheren Ort ausgespäht – eine Blechbüchse in der
Kommodenschublade der Tante – und fand darin alte, aus dem Verkehr gezogene
Lombardbriefe, ein paar Banknoten aus der Kossuth-Zeit und verfallene
Lotterielose. Nein, das Vermögen der Tante kann hier nicht mehr helfen.
Er tritt vor den Spiegel und betrachtet geistesabwesend sein verknittertes
Gesicht, setzt sich dann wieder zurück an den Tisch. Die Frage ist, denkt er,
ob Geld hier überhaupt noch helfen kann. Es mag Situationen geben, in denen
Geld und alles, was für Geld zu haben ist – Urlaub, Reisen, Distanz –,
keinen Sinn mehr hat. Er zieht die Tischlade auf, Hefte und eng beschriebene
Blätter liegen ordentlich übereinandergeschichtet darin. Aufs Geratewohl nimmt
er ein Gedicht heraus und liest selbstvergessen, halblaut. Das Gedicht handelt
davon, daß ein Hund in der Sonne liegt. Wann hat er das geschrieben? Er weiß
es nicht mehr.
Das Mädchen klopft, bleibt in der Tür stehen und fragt, ob er zum Abendessen
zu Hause sei. Mit in die Hüften gestemmten Armen, lässig an die Tür gelehnt
und mit anbiederndem Lächeln, steht sie da. Der Schüler mustert sie und zuckt
die Achseln. Das Mädchen bringt einen beißenden, leicht säuerlichen Geruch
ins Zimmer, der aus den Falten ihres Rockes aufsteigt und in der Nase kribbelt.
In letzter Zeit hat er manchmal das Gefühl, als überschaue er in jedem
Augenblick sein ganzes Leben. Als ob die Veränderung, die mit ihm geschieht,
alles an die Oberfläche spült, was er je erlebt hat; als ob er gleichzeitig
sich selbst als kleinen Jungen mit seinem Vater sieht und die verlorengegangene
Stimme seiner Mutter hört; und Tante Etelka beugt sich mit seltsamen Gebärden
über ihn.
Erstaunt sieht er sich um. Das Mädchen folgt verwirrt seinem Blick. Das Zimmer
ist in einem heillosen Zustand. Die Clique hat alles zertrampelt und zertreten,
zerrissene Bücher liegen unter dem Bett, in der klebrigen Lache einer
umgefallenen Likörflasche schwimmt ein gebundener Jahrgang des Witzblattes
»Fidibus« und verbreitet einen ekelhaft süßlichen Geruch. Auf dem
Plüschbezug eines Sessels ist der dreckige Abdruck eines Schuhs zu sehen.
Kissen liegen auf dem Boden.
Er hatte um elf Uhr vormittags die Maturaprüfung abgelegt und im Hof der
Lehranstalt auf die anderen drei aus der Clique gewartet, die in der Reihenfolge
des Alphabets nach ihm drankamen, und dann sind sie ohne Umwege gleich zu ihm
nach Hause gegangen. Béla, der Sohn des Kolonialwarenhändlers, hat erst von
hier aus mit seinem Vater telephoniert und ihm gesagt, daß er bestanden habe
und nicht zum Mittagessen kommen werde. Tibor gab zu Hause nicht Bescheid, daß
er durchgefallen war: Seine schwerkranke Mutter würde es noch früh genug
erfahren, am Abend oder morgen. Es war ohnehin nebensächlich, zählte im
Augenblick so wenig, daß sie überhaupt nicht darüber sprachen. In sechs
Wochen würden sie eingezogen, ob sie sich nun freiwillig meldeten oder nicht,
und Ende August wären sie an der Front, auch wenn sie die Ausbildung noch
hinauszögerten.
Er setzt sich aufs Bett. Schaut auf das Mädchen. Wenn ich nicht so feige wäre,
denkt er, würde ich sie jetzt an mich ziehen und den Kopf an ihre Brust legen.
Schade, daß sie nach Küche riecht und ich Küchengeruch nicht ausstehen kann,
schließlich komme ich aus bester Familie, mein Großvater hatte ein Gut, und
mein Vater ist praktizierender Arzt. Alles hat seinen Grund. Es ist vielleicht
gemein von mir, aber ein Geruch kann manchmal stärker sein als die Vernunft.
Möglich, daß auch sie meinen Geruch nicht mag; es gibt eben unüberwindliche
Hürden zwischen den Menschen.
Das Mädchen ist seit einem Jahr im Haus und hat mit ihren üppigen Formen seine
Phantasie schon manchmal angeregt, war ihm Sehnsuchts- und Lustobjekt bei
geheimen Träumen und verbotener Selbstbefriedigung. Das Gesicht des Mädchens
ist angenehm, weiß und weich, und der blonde Zopf, dicht am Scheitel
geflochten, sieht spaßig aus.
Das Mädchen räumt nun das Zimmer auf, und er bittet sie, was ihm ein wenig
peinlich ist, mit leiser Stimme um ein Glas Milch. Er genießt dieses kühle,
sanfte Getränk der Kindheit, der verlorenen Welt, in kleinen Schlucken, denn
seit Tagen haben sie pausenlos Wein und Schnaps in sich hineingegossen, süße,
klebrige Spirituosen, die er großspurig stumm schluckte, mochte sich sein Magen
noch so sehr dagegen wehren.
Er geht zum Schrank, und während das Mädchen sein Zimmer aufwischt und das
Bett macht, nimmt er sich einen frischen Kragen und bürstet seinen Rock aus.
Das Mädchen fegt die unter dem Tisch verstreuten Blätter eines Kartenspiels
zusammen; jetzt fällt ihm ein, daß er kein Geld mehr hat. In verschiedenen
Rocktaschen findet er insgesamt noch drei Kronen, er versteht das im Augenblick
nicht, denn die Tante hat ihm am Morgen, bevor er in die Prüfung ging, einen
Zwanzigkronenschein überreicht. Er überlegt, wo das Geld geblieben sein kann.
Nach dem Festessen, das die Tante gab, fingen sie sofort mit dem Ramschen an,
und er hat verloren. Dunkel erinnert er sich, daß er gar nicht hatte spielen
wollen, aber einer der Freunde – Tibor oder Ernö – bestand darauf. Er
schiebt das Geld in die Tasche und sagt dem Mädchen, man solle mit dem
Abendessen nicht auf ihn warten, möglicherweise komme er erst spät heim.
In der Tür bleibt er stehen: Ein Herz-As liegt auf der Schwelle. Zerstreut hebt
er die fettige, abgegriffene Karte auf, um sie zu dem Kartenpacken auf dem
Tisch, den das Mädchen zusammengekehrt hat, zu legen. Die oberste Karte, die er
erblickt, ist ebenfalls ein Herz-As. Vorsichtig, mit zwei Fingern, greift er
danach, sieht sich die Karte genau an, dreht und vergleicht sie mit dem As, das
er von der Türschwelle aufgehoben hat. Das ungarische Kartenspiel hat im
allgemeinen nur ein Herz-As. Aber hier sind zwei davon, beide gleich
abgegriffen, fleckig, vertraueneinflößend, mit blaugemusterter Rückseite. Er
setzt sich an den Tisch und legt die Karten nach Farben aus. Findet noch zwei
Eichel-Asse, zwei grüne Zehner, zwei Schellen-Zehner. Vier Schlager könnte man
mit diesen vier Karten beim Siebzehnundvier spielen. Nach dem Ramschen
wechselten sie meist zu Siebzehnundvier. Die Doppel unterscheiden sich in nichts
von den übrigen Karten des Spiels. Der Falschspieler war mit Bedacht
vorgegangen, möglicherweise hatten sie schon monatelang mit den Karten
gespielt. Er selbst hat das Kartenpäckchen irgendwann aus dem Schreibtisch des
Vaters hervorgekramt. Es war ein jahrealtes, abgegriffenes ungarisches Blatt.
Die Karten steckt er in die Tasche und geht ins Zimmer des Vaters hinüber. Von der Schwelle aus wirft er einen Blick in das Zimmer zurück, in dem irgendwann seine Mutter gelebt hat. Der Mensch weiß genau, wann er eine Gegend, einen Raum für immer verläßt. Die Familie bewohnte das Haus seit drei Generationen, und dieser Raum war stets das Zimmer der Frauen und Kinder. Vielleicht weil zwischen den betont weiblichen hellen Kirschholzmöbeln unter der niedrigen gewölbten Decke immer der Geruch harmloser Kinderkrankheiten, der Duft von Kamillentee, Veilchenwurz, Mandelmilch und Kindermet hing. Die Mutter hat nur kurz, vielleicht nicht länger als drei Jahre, in dem Haus gelebt; aber so wie Flakons mit starken orientalischen Parfums, die man versehentlich für einen Tag unverschlossen läßt, mit ihrem Duft das Zimmer durchtränken, so hat auch die Erinnerung an die Mutter das Haus ganz durchdrungen. Bestimmte Gegenstände darf noch heute niemand berühren, das Trinkglas, das Nähtischchen, das Nadelkissen – wie unter einem Glassturz sind die Dinge lediglich zur Betrachtung da, obwohl darüber nie gesprochen wurde. An seine Mutter kann Ábel nur wie an eine sehr zarte jüngere Schwester denken, und er weiß, daß die so früh Verstorbene in der Erinnerung des Vaters genauso fortlebt. Er blickt zurück in das Zimmer, in dem er geboren wurde und in dem seine Mutter starb. Dann knipst er das Licht aus.
Rezension I Buchbestellung I home III06 LYRIKwelt © Piper