Kindernovelle von Klaus Mann, 1978, S. Fischer

Klaus Mann

Kindernovelle
(Leseprobe aus: Kindernovelle, Seite 24/25, 1978, S. Fischer)

„Wer war Mama? – Die Kinder machten sich darüber keine Gedanken. Ob es Großvater und Großmutter gab, wußten sie nicht. Nur ein Onkel war da, einmal war er plötzlich zu Besuch gekommen, Mamas jüngerer Bruder und Schauspieler in den großen Städten. Mama selber: wer hätte es wagen können, ihr etwas Übles nachzureden? Eine wunderschöne und geheimnisvolle Bürgersdame, wohnte sie in tiefster Einsamkeit auf dem Lande, nur mit der Erziehung ihrer vier Kinder und dem verehrungsvollen Andenken ihres Gemahls beschäftigt. Seltene Besuche, die sich meldeten, wurden schon von Fräulein Konstantine abgewiesen, mochten sie von noch so weit hergekommen sein, und sie bekamen Mama nicht zu Gesicht. Im Winter war Mama untätiger noch als sonst. Sie ging viel im Hause umher, summend und lächelnd, sie saß stundenlang in ihrem Zimmer und las in der Heiligen Schrift, manchmal machte sie sich auch mit großen Häkelarbeiten zu tun, über dunkle, zwecklose Decken gebückt saß sie am Fenster, und ihre Hände regten sich stumm.

Sie stand auf und ging in das Kinderzimmer hinüber. Da kauerten die vier im halbdunkel beieinander, und Fridolin erzählte gedämpft von der Gespensterfürstin Mee-Mee, die man nachts konnte surren und kichern hören. – Aber plötzlich sprachen sie alle davon, wie hoch man eigentlich zählen könnte, weiter wie bis zu einer Trillion ging es doch nicht. Sie redeten aufgeregt durcheinander. „Es muß doch weitergehen!“ rief Renate empört. „Wo sollte es denn zu Ende sein?“ – Und Heiner erfand eine neue Zahl, die höchste von allen, die unbegreiflich hohe. „Unendlich-Pox“, sagte er andächtig, „das kommt nach der Trillion – und das gibt es dann immer. Unendlich-Pox: das gibt es dann immer—„

Mama stand im Türrahmen mit erschrockenen Augen. In welchen Hexensabbat war sie geraten? Gewiß war von ähnlichen Dingen die Rede in des Gemahls geheimnisvoll-verbotenen Büchern.

Mit solchen Spekulationen vertrieben sich die Kinder im Winter der Zeit. Aber zu ihren eigentlichen, großen, wundervollen Spielen kamen sie doch erst, wenn es wieder Frühling war.“

Rezension I Buchbestellung I home IV06 LYRIKwelt © S. Fischer