Der Chinese von Henning Mankell, 2008, ZsolnayHenning Mankell

Daisy Sister
(Leseprobe aus: Daisy Sisters, Roman, 2009, Zsolnay - Übertragung Heidrun Hoppe).

Es wird Frühling, Vivi und Elna sind siebzehn geworden, und diesen Sommer werden sie sich treffen, Krieg oder nicht. Die unruhigen Zeiten scheinen anzuhalten, die Ungeduld wird zu groß. Die Frage ist nur, wie sie sich treffen können. Keine von ihnen hat so etwas, was man Ferien nennen könnte. (Vivi riskiert, entlassen zu werden, wenn sie nur einen einzigen Tag krank ist, das hat sie der Freundin in Sandviken in einem wütenden Brief geschrieben, nach einer Mandelentzündung, die den Arbeitstag doppelt so anstrengend machte.) Der Weg zwischen Sandviken und Landskrona ist weit. Aber ein paar Kronen können sie immerhin sparen, Fahrräder kann man leihen, und vielleicht hat jemand sogar einen alten Schlafsack …

Ein Zufall hilft ihnen. Eines Tages Anfang Mai 1941, als der Winter sich endlich zurückzuziehen beginnt und ein Frühling folgt, der die frierenden Menschen langsam wärmt. Eines Tages, als es trotz allem möglich scheint, wieder an frisches Grün und Sommervögel zu glauben, trifft das unerhörte Ereignis ein. Rune kommt die Treppe heraufgestapft, öffnet die Tür und sagt, dass ein Gruß von seinem Onkel aus Skallskog gekommen sei. Falls Runes Kinder Lust hätten, bei der Heuernte zu helfen, so seien sie willkommen.

»Der hatte doch noch nie Familiensinn«, sagt Rune verwundert. »Aber jetzt ist es offenbar wichtig. Nun ja, der Krieg vereint. Aber er ist geizig, der Teufel, darum ist er wohl auf billige Hilfe aus. Vielleicht wurden seine Knechte einberufen. Da steht er jetzt vor der schrecklichen Situation, die Heugabel selbst in die Hand nehmen zu müssen.«

Über den Onkel, den wohlhabenden Bauern aus Skallskog, haben sie nie viel gesprochen. Elna vermutet, dass eine grimmige Eifersucht auf den Bauernhofbesitzer, der immer Hühnerpitter genannt wird, der schleichende Grund ist. Mit böswilligen Spitznamen kann man immer zu vornehme oder gut betuchte Emporkömmlinge heruntermachen.

»Es kann keine Rede davon sein, dass alle fahren«, bestimmt Rune energisch. »Aber du, Elna, hast vielleicht Lust. Und es würde den alten Geizkragen bestimmt ärgern, wenn da ein Mädel kommt statt meiner Söhne!«

Na klar will sie! Und Rune sieht keinen Grund, warum Vivi nicht mitkommen sollte. Eher ist es ihm lieb.

»Zwei Mädchen sind sicher nicht das, was er sich gedacht hat«, gluckst er vergnügt. Elna schaut ihre Mutter an. Sie sitzt ruhig da, aber es sieht so aus, als ob sie auch mitwollte.

Aber wer fragt sie schon?

Elna hat gelernt, dass Glaube und Hoffnung nie ausreichen.

Aber seltsamerweise ordnet sich in diesem Fall alles. In einem Brief, der von ungezügelter Freude überschäumt, erzählt Vivi, dass ihr der verhasste Direktor des Hotels, in dem sie arbeitet, in einem Zustand sentimentaler Rührung nach einem furchtbaren Rausch zwei Wochen freigegeben hat. Natürlich ohne Lohn. Elna muss auch nicht kündigen, Ingenieur Ask gewährt ihr gnädigst unbezahlten Urlaub, die Familie wird sowieso einige Wochen mit der besseren Gesellschaft von Stockholm in den Schären verbringen.

Und so steht Elna eines Tages, an einem Nachmittag gleich nach Mittsommer 1941, auf dem Bahnsteig in Borlänge und wartet auf den Zug nach Norden. In einem der Wagen erwartet sie Vivi, das aufgegebene Fahrrad in einem Güterwagen, mit einem roten Taschentuch am Fenster winkend. Seit drei Jahren sind sie nun Brieffreundinnen, Elna hat über hundert Briefe gezählt, und nun werden sie sich endlich treffen, mit dem Zug nach Älvdalen fahren, zur abgelegenen norwegischen Grenze radeln, zum Fjäll, und allmählich wieder nach Süden ziehen, zum See Ejen und zu Hühnerpitters Heuernte in Skallskog. Die Ewigkeit ist plötzlich messbar: Vierzehn Tage, und jeder Tag bedeutet, dass die Freiheit aufs Neue entdeckt wird.

Elna ist hübsch, wie sie da auf dem Bahnsteig steht mit der Reisetasche zwischen den Füßen. Weißes Haarband, das die dunklen, widerspenstigen Haare zurückhält, weiße Söckchen, gelbes Kleid, Sandalen. Sie atmet heftig, als wäre die Aussicht auf die Zukunft anstrengend. Aber natürlich ist sie auch nervös. Sie stellt sich vor, dass Vivi, die vom südlichen Ende des Landes kommt, viel hübscher und stärker ist als sie, die in einer unansehnlichen Stadt wohnt, wo nicht einmal das Meer zu sehen ist, wie hoch man auch auf den Kirchturm klettern mag.

Sie wartet, unruhig und erwartungsvoll, voller widersprüchlicher Gefühle, wie die Situation es von ihr erfordert. (Doch hätte sie gewusst, dass sie als Resultat dieser Reise eine Tochter bekommen sollte, die in einer fernen Zukunft genau in dieser Stadt herumlaufen und unglücklich sein würde, da hätte sie sofort kehrtgemacht, wäre davongejagt, die staubige Landstraße entlang, bis sie wieder zu Hause in Sandviken gewesen wäre. Aber das Leben ist nicht so. Die Zukunft zeigt niemals etwas anderes als eine vorwitzige Nasenspitze, die hinter einem Vorhang hervorsieht.)

Da ist Vivi. Zuerst die zischende und schnaubende Lokomotive, Rauch und Quietschen, dann plötzlich ein rotes Taschentuch, das an einem Fenster eines Dritte-Klasse-Abteils vorbeifliegt, kaum sichtbar in dem beißenden Qualm. Und dazu ein Geheul in einem eigentümlichen Dialekt: »Da biste ja, Elna!«

Vivi, Vivi Karlsson. Tochter eines Werftarbeiters aus Landskrona. So sieht sie also aus: fast kreideweißes Haar, grenzenlos sommersprossig, stupsnasig, ein dunkler Zahn im Oberkiefer (nach einem Sturz von einer Klotreppe), klein, mager. Und gleich bei der Sache. Elna steigt in den Zug und lässt sich auf die Holzbank gegenüber von Vivi fallen, wirft Reisetasche und Schlafsack auf den Boden. Sie sagen kein Wort, bis der Zug sich ruckend wieder in Bewegung setzt.

Sie sind frei und reisen, sie haben sich endlich getroffen.

»Hej«, sagt Elna.

»Hej, du«, antwortet Vivi.

Dann lachen sie. Schnell stellen sie fest, dass keine von ihnen so aussieht, wie die andere es sich ausgemalt hat. Nun ist es die Wirklichkeit, die gilt.

Insjön, Leksand, der glitzernde Siljan, Mora, und gegen Abend steigen sie in Älvdalen aus dem Zug und holen ihre Fahrräder aus dem Gepäckwagen. Ein beinahe leiser Abendregen empfängt sie. Vorsichtig öffnen sie die Tür eines abgestellten Güterwaggons und machen es sich dort für die erste Nacht bequem. Es riecht nach Dünger, aber Vivi schnüffelt herum wie ein witternder Terrier und entdeckt auf dem Bahnhofsgelände Zeitungen, die sie unter den Schlafsäcken ausbreiten können. Im Halbdunkel liegen sie und erzählen, manchmal sind sie still und lauschen auf den Regen, der auf das gewölbte Dach des Waggons tröpfelt.

Die ganze Sommernacht hindurch erzählen sie. Schlafen – das gehört in eine andere, weit zurückliegende Welt. Sie kriechen immer dichter zusammen, spüren den Atem der anderen.

Kann man enger zusammen sein?

Gegen zwei Uhr morgens fragt Vivi, ob Elna noch unschuldig sei. Sie kichert nicht einmal, stellt die Frage genau so, wie sie gemeint ist.

Elna weiß nicht recht, was sie antworten soll. Sie hat sich niemals vorstellen können, dass ihr so eine Frage gestellt würde. Aber ist sie es nun? Ja, natürlich. Es gab ja kaum Zeit, um mit Jungen auszugehen. Und Vater Rune hat über sie gewacht, seine warnenden Augen sind ihr gefolgt, wohin sie auch ging. Er war es auch, der sie aufgeklärt hat, und nicht Mutter, mit hilflosen, unsortierten Informationen. Verstanden hat sie eigentlich nur, dass Jungs zu meiden sind. Denn schwanger zu werden wäre der Tod, da könnte man ja gleich den Kopf unters Beil legen. Einmal wurde sie jedoch von einem Tölpel aus Hofors überrumpelt, und der schaffte es, sie zu küssen. Birger, fand sie, war eigentlich nett, er lachte oft und laut und war immer sehr sauber. Bis er eines Samstagabends die Maske abwarf und nur noch ein lüsterner junger Mann war, der ihren Widerstand zu brechen versuchte. Er schaffte es aber nicht, zum Glück war Nisse gleich da, als diese nervösen und eifrigen Teenagerfinger ihr zusetzten. Sie hat ja selbst, lüstern und verschämt zugleich, gründlich versucht, die Gefühle in ihrem Unterleib zu erforschen, beim bleichen Schein der Straßenlaterne, der über die Bettdecke strahlte. Und Gefühle hat sie entdeckt, erregende, erschreckende,lockende.

Mit niemandem hat sie je so gesprochen wie in dieser Nacht mit Vivi. Sie errötet und kichert, erwartet jeden Augenblick, dass sich die Tür des Güterwaggons öffnet und Vater Rune dort steht und sie anbrüllt, worüber, zur Hölle, sie sich da unterhalten. Aber natürlich kommt er nicht, und sie flüstern und haben einen Schluckauf vor Lachen. Im Morgengrauen sind sie in der Lage, über Gott und die Welt zu reden, auch über Vorurteile, verbotene Gedanken, gefährliche Gedanken.

»Hitler«, sagt Vivi. »Stell dir vor, er wäre hier! Wenn er hier läge, zwischen uns?«

Sie bedenken ihn mit den schlimmsten Schimpfnamen, die man sich vorstellen kann. Kreuzotter, ein verrotteter Kadaver, eine braune Ratte mit Pestflecken – und Flöhen im Schwanz …

(...)

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