Der Chinese von Henning Mankell, 2008, ZsolnayHenning Mankell

Die Stille
(Leseprobe aus: Der Chinese, Roman, 2008, Zsolnay - Übertragung Wolfgang Butt).

Teil 1

1
An einem der ersten Januartage 2006 geht ein Wolf durch das
Vauldal von Norwegen über die Grenze nach Schweden. Der Fahrer
eines Schneescooters glaubt, ihn in der Nähe von Fjällnäs gemerkt zu
haben, doch der Wolf verschwindet in östlicher Richtung in den
Wäldern, bevor jemand sieht, wohin er sich wendet. Tief in den
norwegischen Österdalar hatte er ein Stück gefrorenen Elchkadaver
gefunden, an dem noch nicht alle Knochen abgenagt waren. Doch das
ist über achtundvierzig Stunden her. Jetzt ist er wieder hungrig und
auf Nahrungssuche.
Es ist ein junger Wolfsrüde, der sich auf die Wanderung begeben hat,
um ein eigenes Revier zu suchen. Er zieht unbeirrt weiter nach Osten.
Bei Nävjarna, nördlich von Linsell, findet er einen weiteren
Elchkadaver. Einen Tag lang bleibt er liegen und frisst sich satt,
bevor er weiterzieht. Unentwegt nach Osten. Bei Korböle läuft er
über den gefrorenen Ljusnan und folgt dann dem Fluss auf seinem
gewundenen Weg zum Meer. In einer mondhellen Nacht überquert er
auf lautlosen Pfoten die Brücke bei Järvsö und wendet sich dann
seitwärts in die großen Waldgebiete, die sich zum Meer hin
erstrecken.
Früh am Morgen des 13. Januar erreicht der Wolf Hesjövallen, ein
kleines Dorf auf der Südseite des Hansesjö in Hälsingland. Er bleibt
stehen und nimmt Witterung auf. Irgendwoher kommt Blutgeruch.
Der Wolf blickt um sich. In den Häusern leben Menschen. Aber es
steigt kein Rauch aus den Schornsteinen. Sein scharfes Gehör nimmt
auch kein Geräusch wahr.
Doch der Blutgeruch ist da, kein Zweifel. Der Wolf wartet am
Waldrand. Versucht zu wittern, woher der Geruch kommt. Dann läuft
er langsam durch den Schnee. Der Geruch zieht von einem der
Häuser herüber, das am Rand des kleinen Dorfes liegt. Er ist jetzt auf
der Hut, in der Nähe von Menschen gilt es, vorsichtig und geduldig
zu sein. Wieder hält er inne. Der Geruch kommt von der Rückseite
des Hauses. Der Wolf wartet. Schließlich bewegt er sich. Als er zu
dem Haus kommt, sieht er den frischen Kadaver. Er zieht die schwere
Beute zum Waldrand. Noch hat niemand ihn entdeckt, nicht einmal
Hunde bellen. Das Schweigen an diesem kalten Morgen ist
vollkommen.
Am Waldrand beginnt der Wolf zu fressen. Es geht leicht, weil das
Fleisch noch nicht gefroren ist. Er ist jetzt sehr hungrig. Nachdem er
einen Lederschuh von einem Fuß gezerrt hat, beginnt er, das Bein
von unten her abzunagen.
In der Nacht hat es geschneit, danach hat es aufgehört. Während der
Wolf frisst, fallen wieder leichte Schneeflocken auf den gefrorenen
Boden.

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