Die flüsternden Seelen von Henning Mankell, 2007, ZsolnayHenning Mankell

Die flüsternden Seelen
(Leseprobe aus: Die flüsternden Seelen, Roman, 2007, Zsolnay - Übertragung Verena Reichel)

Die Türglocke bimmelte. Herr Dimitri war gerade dabei, einige

Uhren in einer Schublade zu verstauen. Er schaute auf. Das stand ein

schwarzer Mann draußen vor dem Gitter. Herr Dimitri ging zu seiner

Luke hin. Der Mann hatte den Hut gehoben.

– Sie wünschen? fragte Herr Dimitri.

– Ich würde gern einen Gegenstand verpfänden, antwortete der Mann

höflich.

– Ich nehme keine Kleider, antwortete Herr Dimitri. Nur

Wertgegenstände.

Der Mann lächelte.

– Ich glaube, das, was ich verpfänden will, muß als Wertgegenstand

gelten.

Herr Dimitri warf einen Blick auf das Handgelenk des schwarzen

Mannes. Aber da war keine Uhr. Und auch kein Armband.

– Was haben Sie zu bieten? fragte er.

– Ich möchte meine Seele verpfänden.

Herr Dimitri musterte ihn eingehend.

– Könnten Sie wiederholen, was Sie gesagt haben?

– Gern. Ich möchte meine Seele verpfänden.

Herr Dimitri nickte gedankenvoll. Viele eigentümliche Angebote

hatte er während der zwei Jahre erhalten, die er sein Unternehmen

nun betrieb. In seiner Hand hatte er die verschiedensten und

traurigsten Gegenstände gehalten, von deren Wert ihn verzweifelte

Menschen zu überzeugen versucht hatten. Aber jemand, der seine

Seele verpfänden wollte, war ihm noch nie untergekommen.

– Ich beleihe keine Seelen, antwortete er. Es ist möglich, daß eine der

großen Pfandleihen an der Place Pigalle oder unten an der Porte de

Versailles das tun.

– Diese Pfandleihe gefällt mir am besten, sagte der Mann.

– Warum?

– Sie wissen, wie es ist. Man möchte das, was man gern hat, nicht

irgend jemandem überlassen. Sie, Herr Dimitri, haben einen guten

Ruf.

Der Mann hinter der Luke zuckte zusammen, als wäre er von einem

Insekt gestochen oder von einem unsichtbaren Pfeil mit Eisenspitze

getroffen worden.

– Wie kommt es, daß Sie meinen Namen kennen?

Der schwarze Mann lächelte.

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