Kennedys Hirn von Henning Mankell, 2006, ZsolnayHenning Mankell

Kennedys Hirn
(Leseprobe aus: Kennedys Hirn, Roman, 2006, Zsolnay - Übertragung von Wolfgang Butt)


Als sie ihren Koffer bei einer der morgenmüden Lufthansaangestellten eingecheckt hatte und auf dem Weg zur Sicherheitskontrolle war, geschah etwas, was einen tiefen Eindruck bei ihr hinterließ.

Später sollte sie denken, daß sie es als Omen hätte auffassen müssen, als Warnung. Doch sie tat es nicht, sie entdeckte nur eine einsame Frau, die mit ihren Bündeln und altmodischen, mit Schnüren zugebundenen Kleidertaschen auf dem Steinfußboden saß. Die Frau weinte. Sie war vollkommen reglos, ihr Gesicht nach innen gekehrt, sie war alt, ihre eingesunkenen Wangen erzählten von vielen fehlenden Zähnen. Vielleicht war sie aus Albanien, dachte Louise Cantor. Viele albanische Frauen suchen Arbeit hier in Griechenland, sie nehmen jede Arbeit an, weil wenig besser ist als nichts und weil Albanien ein erbarmungslos armes Land ist. Sie trug einen Schal um den Kopf, den Schal der ehrbaren älteren Frau, sie war keine Moslime, und sie saß auf dem Boden und weinte. Die Frau war allein, es war, als wäre sie hier auf dem Flughafen an Land getrieben, umgeben von ihren Bündeln, ihr Leben war zerschlagen, ein Haufen wertloses Strandgut war alles, was übrig war.

Louise Cantor blieb stehen, eilige Menschen stießen sie an, doch sie blieb stehen, als stemmte sie sich gegen einen starken Wind. Das Gesicht der Frau zwischen den Bündeln auf dem Boden war braun und zerfurcht, ihre Haut war wie eine erstarrte Lavalandschaft. Es gab eine besondere Art von Schönheit in den Gesichtern alter Frauen, wo alles bis auf eine dünne Haut über den Knochen abgeschliffen ist, wo alle Geschehnisse des Lebens eingeschrieben sind. Zwei eingekerbte, ausgetrocknete Furchen zogen sich von den Augen die Wangen hinab, jetzt füllten sie sich mit den Tränen der Frau.

Sie begießt einen mir unbekannten Schmerz, dachte Louise Cantor. Aber etwas von ihr habe ich auch in mir.

Die Frau hob plötzlich den Kopf, ihre Blicke begegneten sich für einen kurzen Augenblick, und sie schüttelte langsam den Kopf. Louise Cantor nahm dies als ein Zeichen, daß ihre Hilfe, worin sie auch hätte bestehen können, nicht benötigt wurde. Sie hastete weiter zur Sicherheitskontrolle, drängte sich durch die schubsenden Menschen, jagte durch Duftwolken von Knoblauch und Oliven. Als sie sich umwandte, war es, als wäre ein Vorhang von Menschen zwischen sie gezogen worden, die Frau war nicht mehr zu sehen.

Louise Cantor hatte ein Tagebuch, in dem sie seit ihrer frühen Jugend Ereignisse aufschrieb, von denen sie meinte, sie würde sie nie vergessen. Dies war ein solcher Moment. In Gedanken formulierte sie schon, was sie schreiben würde, während sie ihre Handtasche auf das Rollband der Sicherheitskontrolle und ihr Telefon in eine kleine blaue Plastikbox legte und anschließend durch die magische Sperre schritt, die böse Menschen von guten trennte.

Sie kaufte eine Flasche Tullamore Dew für sich und zwei Flaschen Retsina für Henrik. Dann setzte sie sich in die Nähe des Ausgangs und entdeckte zu ihrem Ärger, daß sie ihr Tagebuch in der Argolis vergessen hatte. Sie sah es vor sich, es lag am Tischende neben der grünen Lampe. Sie holte das Seminarprogramm und notierte auf der Rückseite:

"Weinende alte Frau auf dem Flugplatz von Athen. Ein Gesicht, als wäre sie eigentlich eine menschliche Ruine, nach Jahrtausenden von einem neugierigen und aufdringlichen Archäologen ausgegraben. Warum weinte sie? Diese universelle Frage. Warum weint ein Mensch?"

Sie schloß die Augen und versuchte sich vorzustellen, was sich in den Bündeln und kaputten Taschen befunden haben konnte.

Leere, dachte sie. Taschen, gefüllt mit Leere oder mit der Asche vergangener niedergebrannter Feuer.

Als ihr Flug aufgerufen wurde, wachte sie mit einem Ruck auf. Sie saß auf einem Gangplatz, der Mann neben ihr schien Flugangst zu haben. Sie beschloß, bis Frankfurt zu schlafen, erst auf der Strecke nach Stockholm würde sie frühstücken.

Als sie in Arlanda gelandet war und ihren Koffer gefunden hatte, war sie immer noch müde. Sie liebte es, eine Reise vor sich zu haben, nicht aber, sie zu unternehmen. Sie ahnte, daß sie eines Tages auf einer Reise von Panik befallen werden würde. Deshalb hatte sie seit vielen Jahren immer eine Schachtel mit Beruhigungstabletten bei sich, für den Fall, daß der Angstanfall kam.

Sie suchte den Weg zum Terminal für Inlandflüge, gab ihren Koffer bei einer etwas weniger müden Frau ab als der, bei der sie in Athen eingecheckt hatte, setzte sich und wartete. Durch eine Tür, die aufgestoßen wurde, traf sie ein Windstoß aus dem schwedischen Herbst. Sie fröstelte und dachte, daß sie die Gelegenheit wahrnehmen mußte, einen Pullover aus Gotlandwolle zu kaufen, wenn sie schon in Visby war. Gotland und Griechenland hatten die Schafe gemeinsam, dachte sie. Wenn Gotland Olivenhaine hätte, wäre der Unterschied gering.

Sie überlegte, ob sie Henrik anrufen sollte. Aber er schlief vielleicht, er machte die Nacht oft zum Tag, er arbeitete lieber bei Sternenlicht als bei Sonnenschein. Statt dessen wählte sie die Nummer ihres Vaters in Ulvkälla in der Nähe von Sveg, auf der Südseite des Ljusnan. Er schlief nie, ihn konnte sie zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen. Noch nie war es ihr gelungen, ihn dabei zu erwischen, daß er schlief, wenn sie anrief. Daran erinnerte sie sich auch aus ihrer Kindheit. Sie hatte einen Vater, der den Schlaftroll überlistet hatte, einen riesigen Mann mit stets geöffneten Augen, stets wachend, bereit, sie zu verteidigen.

Sie wählte die Nummer, brach aber nach dem ersten Klingeln ab. Gerade im Augenblick hatte sie ihm nichts zu sagen. Sie steckte das Telefon ein und dachte an Vassilis. Er hatte sie nicht auf ihrem Handy angerufen und eine Nachricht auf ihrer Mailbox hinterlassen. Aber warum sollte er? Sie spürte einen Anflug von Enttäuschung, verwarf die Empfindung aber sogleich, es gab keinen Grund, zu bereuen. Louise Cantor stammte aus einer Familie, in der man einmal gefaßte Entschlüsse nicht bereute, selbst wenn sie völlig verfehlt waren. Man machte gute Miene auch zum bösesten Spiel.



Es wehte stark vom Meer her, als die Maschine hart auf dem Flugplatz bei Visby aufsetzte. Der Wind erfaßte ihren Mantel, als sie geduckt ins Flughafengebäude eilte. Ein Mann mit einem Schild nahm sie in Empfang. Auf der Fahrt in die Stadt sah sie an den Bäumen, wie stark der Wind war, er würde die meisten Blätter abreißen. Es findet eine Feldschlacht zwischen den Jahreszeiten statt, dachte sie, eine Feldschlacht, deren Ausgang von vornherein feststeht.



Das Hotel hieß Strand und lag am Hang, der vom Hafen anstieg. Sie hatte ein Zimmer ohne Fenster zum Marktplatz bekommen und bat die Frau an der Rezeption enttäuscht, das Zimmer zu tauschen. Sie bekam ein anderes Zimmer, das zwar kleiner war, aber zur richtigen Seite wies, und sie stand vollkommen still, als sie ins Zimmer trat und durchs Fenster hinaussah. Was sehe ich? dachte sie. Was hoffe ich? Was soll da draußen geschehen?

Sie hatte eine wiederkehrende Beschwörungsformel. Ich bin vierundfünfzig Jahre alt. Bis hierher bin ich gekommen, wohin führt mein Weg jetzt, wenn der Weg endet?

Sie sah eine alte Dame, die sich auf der windigen Steigung mit ihrem Hund abmühte. Sie fühlte sich mehr wie der Hund als wie die Frau in dem grellroten Mantel.

Kurz vor vier am Nachmittag ging sie zur Hochschule, die am Wasser lag. Es war ein kurzer Weg, und sie hatte noch Zeit, um eine Runde durch den verlassenen Hafen zu gehen. Das Wasser peitschte gegen die steinerne Pier. Es hatte eine andere Farbe als das Meer um das griechische Festland und die Inseln herum. Es ist wilder hier, dachte sie. Rauher, ein junges Meer, das hitzig das Messer gegen das erstbeste Schiff oder die erstbeste Hafenmauer zieht.

Der Wind war noch immer stark, vielleicht böiger jetzt. Eine Fähre war auf dem Weg hinaus durch die Hafeneinfahrt. Sie war ein pünktlicher Mensch. Es war ebenso wichtig, nicht zu früh zu kommen, wie nicht zu spät zu kommen. Ein freundlicher Mann mit einer operierten Hasenscharte empfing sie am Eingang. Er gehörte zu den Veranstaltern, stellte sich vor und sagte, sie seien sich schon einmal begegnet, vor vielen Jahren, aber sie konnte sich nicht an ihn erinnern. Sie wußte, daß es zu den am schwersten zu erlernenden menschlichen Fähigkeiten zählte, jemanden wiederzuerkennen. Gesichter verändern sich, oft bis zur Unkenntlichkeit. Aber sie lächelte ihn an und sagte, sie erinnere sich, sehr gut sogar.

Sie versammelten sich in einem unpersönlichen Seminarraum, sie waren zweiundzwanzig Personen, steckten sich ihre Namensschildchen an, tranken Kaffee und Tee und lauschten anschließend den Ausführungen eines lettischen Dr. Stefanis, der das Seminar in holprigem Englisch mit einem Bericht über kürzlich gemachte Funde minoischer Keramik eröffnete, die bemerkenswert schwer zu bestimmen war. Sie begriff nicht, was daran so schwer zu bestimmen war, minoisch war minoisch, und damit basta.

Sie merkte bald, daß sie nicht zuhörte. Sie war noch immer unten in der Argolis, umgeben vom Duft von Thymian und Rosmarin. Sie betrachtete die Menschen, die an dem großen ovalen Tisch saßen. Wer von ihnen hörte zu, wer war wie sie, teilweise sich selbst entrückt, in eine andere Wirklichkeit? Sie kannte niemanden am Tisch, abgesehen von dem Mann, der behauptet hatte, ihr in der Vergangenheit schon einmal begegnet zu sein. Es waren Teilnehmer aus den skandinavischen und baltischen Ländern, dazu ein paar Feldarchäologen wie sie selbst.

Dr. Stefanis schloß abrupt, als könnte er sein eigenes schlechtes Englisch nicht mehr ertragen. Nach dem Applaus kam es zu einer kürzeren und äußerst friedlichen Diskussion. Nach einigen praktischen Erklärungen für den kommenden Tag war der Einleitungsabend des Seminars beendet. Als sie das Gebäude verlassen wollte, wurde sie von einem Unbekannten gebeten, noch zu bleiben, weil der Fotograf einer Lokalzeitung einige zufällig zusammengetriebene Archäologen fotografieren wollte. Er notierte ihren Namen, dann konnte sie fliehen, hinaus in den starken Wind.

In ihrem Zimmer schlief sie auf dem Bett ein und wußte zunächst nicht, wo sie war, als sie die Augen wieder aufschlug. Sie müßte Henrik anrufen, beschloß aber, damit bis nach dem Essen zu warten. Draußen auf dem Marktplatz ging sie in eine willkürlich gewählte Richtung und landete in einem Kellerrestaurant, in dem wenige Gäste saßen. Aber das Essen war gut. Sie trank einige Gläser Wein, spürte erneut Unbehagen bei dem Gedanken daran, daß sie ihr Verhältnis mit Vassilis beendet hatte, und versuchte, sich auf den Vortrag zu konzentrieren, den sie am nächsten Tag halten sollte. Sie trank noch ein Glas Wein und ging in Gedanken noch einmal durch, was sie sagen wollte. Sie hatte ein Manuskript, aber da es ein alter Vortrag war, konnte sie ihn fast auswendig.



Ich werde über die schwarze Farbe im Ton sprechen. Das rote Eisenoxyd wird während des Brennens durch den Sauerstoffmangel schwarz. Aber das ist die letzte Phase des Brennvorgangs, in der ersten Phase bildet sich das rote Eisenoxyd, die Urne wird rot. Das Rote und das Schwarze haben ihren Ursprung ineinander.



Der Wein begann zu wirken, ihr Körper wurde warm, ihr Kopf füllte sich mit Wellen, die vor und zurück rollten. Sie zahlte, ging hinaus in den böigen Wind und dachte, daß sie sich schon nach dem kommenden Tag sehnte.

Sie wählte die Nummer der Wohnung in Stockholm. Immer noch war dort nur der Anrufbeantworter. Wenn es wichtig war, kam es vor, daß Henrik eine bestimmte Nachricht aufs Band sprach, eine Nachricht, die sie mit der ganzen Welt teilte. Sie sagte, daß sie in Visby sei, daß sie auf dem Weg sei. Dann wählte sie die Nummer seines Mobiltelefons. Auch dort keine Antwort.

Eine vage Besorgnis durchfuhr sie, ein Hauch, so flüchtig, daß sie ihn fast nicht wahrnahm.

In der Nacht schlief sie bei angelehntem Fenster. Gegen Mitternacht wurde sie davon wach, daß ein paar betrunkene Jungen etwas von einem lockeren Mädchen schrien, das ihnen unerreichbar vorkam.



Um zehn Uhr am nächsten Tag hielt sie ihren Vortrag über den attischen Ton und seine Konsistenz. Sie sprach von dem reichen Eisenvorkommen und verglich die rote Farbe des Eisenoxyds mit dem kalkreichen Ton von Korinth und der weißen oder sogar grünen Keramik. Nach einer zögernden Einleitung - mehrere Teilnehmer hatten offenbar noch spät zu Abend gegessen und reichlich Wein dazu getrunken - gelang es ihr, das Interesse der Zuhörer zu wecken. Sie sprach genau fünfundvierzig Minuten, wie geplant, und erntete kräftigen Applaus. Während der anschließenden Diskussion wurden ihr keine heiklen Fragen gestellt, und als die Kaffeepause kam, hatte sie das Gefühl, mit ihrem Beitrag den Zweck der Reise erfüllt zu haben.

Der Wind war schwächer geworden. Sie nahm ihre Kaffeetasse mit in den Hof und balancierte sie auf ihrem Knie, als sie sich auf eine Bank gesetzt hatte. Ihr Telefon summte. Sie war sicher, daß es Henrik sein mußte, aber sie sah, daß der Anruf aus Griechenland kam, es war Vassilis. Sie zögerte, antwortete dann aber nicht. Sie wollte nicht riskieren, in einen nervenaufreibenden Streit zu geraten, dazu war es zu früh am Tag. Vassilis konnte unerträglich sein, wenn er es darauf anlegte. Sie würde schon bald in die Argolis zurückkehren und ihn dann aufsuchen.

Sie steckte das Telefon in die Tasche, trank ihren Kaffee und beschloß plötzlich, daß es jetzt reichte. Die weiteren Referenten des Tages hatten sicher viel Interessantes zu sagen. Aber sie wollte nicht mehr bleiben. Als ihr Beschluß gefaßt war, nahm sie ihre Tasse und suchte den Mann mit der Narbe auf der Oberlippe. Sie erklärte ihm, ein Freund sei plötzlich erkrankt, es sei nicht lebensbedrohlich, aber doch so ernst, daß sie ihre weitere Teilnahme absagen müsse.

Später sollte sie diese Worte verfluchen. Sie sollten sie verfolgen, sie hatte nach dem Wolf gerufen, und der Wolf war gekommen.

Doch gerade jetzt schien die Herbstsonne über Visby. Sie kehrte zum Hotel zurück, die Rezeptionistin half ihr, den Flug umzubuchen, und sie bekam einen Platz in einer Maschine um drei Uhr. Die Zeit reichte noch für einen Spaziergang entlang der Stadtmauer und für den Besuch in zwei Läden, in denen sie handgestrickte Pullover anprobierte, ohne jedoch einen passenden zu finden. Sie aß in einem chinesischen Restaurant zu Mittag und beschloß, Henrik nicht mehr anzurufen, sondern ihn zu überraschen. Sie besaß einen eigenen Schlüssel, und Henrik hatte ihr gesagt, daß sie jederzeit in seine Wohnung gehen könne, er habe keine Geheimnisse, die er vor ihr verbergen müsse.



Sie war sehr früh am Flugplatz, in einer Lokalzeitung betrachtete sie das Bild, das der Fotograf am Tag zuvor gemacht hatte. Sie riß die Seite heraus und steckte sie ein. Dann kam eine Durchsage, daß die Maschine, mit der sie fliegen sollte, einen technischen Defekt habe. Sie mußte auf eine Ersatzmaschine warten, die bereits auf dem Weg von Stockholm war.

Sie ärgerte sich nicht, spürte aber, wie ihre Ungeduld wuchs. Weil es keine andere Maschine gab, auf die sie umbuchen konnte, ging sie nach draußen, setzte sich vor dem Flughafengebäude auf eine Bank und rauchte eine Zigarette. Jetzt bereute sie es, daß sie nicht mit Vassilis gesprochen hatte, sie hätte ebensogut den Zornausbruch eines Mannes über sich ergehen lassen können, der in seiner Eitelkeit gekränkt war und ein Nein nicht akzeptieren konnte als das, was es war.

Doch sie rief nicht an. Mit fast zweistündiger Verspätung hob die Maschine ab, und es war schon nach fünf Uhr, als sie wieder in Stockholm landete. Sie nahm ein Taxi direkt zu Henriks Wohnung auf Söder. Sie gerieten in den Stau nach einem Verkehrsunfall, es waren viele unsichtbare Kräfte am Werk, die sie zurückhalten, sie verschonen wollten. Doch natürlich wußte sie davon nichts, sie fühlte nur, wie ihre Ungeduld wuchs, und dachte, daß Schweden in vielerlei Hinsicht Griechenland zu gleichen begann, verkeilte Autoschlangen und ständige Verspätungen.

Henrik wohnte in der Tavastgata, einer ruhigen Straße ein wenig abseits der Hauptverkehrswege auf Söder. Sie probierte aus, ob der Türkode der gleiche war wie beim letzten Mal, 1066, die Schlacht bei Hastings. Die Tür ging auf. Henrik wohnte ganz oben mit Aussicht auf Blechdächer und Kirchtürme. Er hatte auch erzählt, zu ihrem großen Entsetzen, daß er das Wasser des Strömmen erkennen konnte, wenn er auf dem schmalen Gitter vor einem seiner Fenster balancierte.

Sie drückte zweimal auf die Klingel. Dann schloß sie auf. Sie bemerkte den dumpfen Geruch einer ungelüfteten Wohnung.

Im selben Augenblick bekam sie Angst. Etwas stimmte nicht. Sie hielt den Atem an und lauschte. Vom Flur konnte sie in die Küche sehen. Es ist niemand hier, dachte sie. Sie rief, daß sie es sei. Aber keiner antwortete. Ihre Angst verging. Sie hängte ihren Mantel auf und trat die Schuhe von den Füßen. Auf dem Boden unter dem Briefeinwurfschlitz lag keine Post und keine Reklame. Henrik war also nicht verreist. Sie ging in die Küche. Kein schmutziges Geschirr im Spülbecken. Das Wohnzimmer war ungewöhnlich gut aufgeräumt, der Schreibtisch leer. Sie schob die Tür zum Schlafzimmer auf.

Henrik lag unter der Decke. Sein Kopf ruhte schwer auf dem Kissen. Er lag auf dem Rücken, eine Hand hing hinab auf den Fußboden, die andere lag offen auf seiner Brust.

Sie wußte sofort, daß er tot war. In einem aberwitzigen Versuch, sich von dieser Einsicht zu befreien, schrie sie los. Aber er bewegte sich nicht, er lag in seinem Bett und war nicht mehr da.

Es war Freitag, der 17. September. Louise Cantor stürzte in einen Abgrund, der in ihr selbst war und zugleich außerhalb ihres Körpers.

Dann lief sie aus der Wohnung, immer noch schreiend. Die sie gehört hatten, sagten später, es habe geklungen wie der Notschrei eines Tiers.

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