Das Auge des Leoparden von Henning Mankell, 2004, ZsolnayHenning Mankell

Das Auge des Leoparden
(Leseprobe aus: Das Auge des Leoparden, Roman, 2004, Zsolnay)

Der Tod ist in Afrika immer gegenwärtig«, sagt Werner Masterton. »Ich weiß nicht, woran es liegt. An der Hitze, an allem, was hier verwest, an den Afrikanern, bei denen die Wut gleich unter der dünnen Haut verborgen liegt. Es braucht hierzulande nicht viel, um eine Menschenmenge aufzuwiegeln, und dann erschlagen sie jeden, der ihnen in die Quere kommt, mit einer Keule oder einem Stein.«
»Dennoch leben Sie beide hier«, sagt Hans Olofson.
»Vielleicht gehen wir nach Rhodesien«, antwortet Werner Masterton. »Aber ich bin schon vierundsechzig. Ich bin müde, habe Probleme beim Pinkeln und schlafe schlecht. Vielleicht hauen wir trotzdem ab.«
»Wer würde die Farm kaufen?«
»Vielleicht sollte ich sie in Brand stecken.«
Sie kehren zu dem weißen Haus zurück. Wie aus dem Nichts taucht ein Papagei auf und setzt sich auf Hans Olofsons Schulter.
Anstatt Bescheid zu sagen, daß seine Weiterreise nach Mutshatsha sich erübrigt hat, betrachtet er den Papagei, der nach der Naht seines Hemds hackt.
Manchmal ist Feigheit meine auffallendste Charaktereigenschaft, denkt er resigniert. Ich traue mich nicht einmal, Menschen die Wahrheit zu sagen, die mich überhaupt nicht kennen.
Die tropische Nacht senkt sich wie ein schwarzes Tuch herab. Die Dämmerung ist nicht mehr als ein flüchtiger, eilig entschwindender Schatten. Er hat das Gefühl, daß die Dunkelheit ihn in die Vergangenheit zurückversetzt.
Auf der großen Terrasse, die sich über die gesamte Vorderseite des Hauses erstreckt, trinkt er Whisky mit Ruth und Werner Masterton. Sie haben sich gerade erst mit ihren Gläsern niedergelassen, als das Licht von Autoscheinwerfern über den Weiden flackert, und er hört das Ehepaar Vermutungen darüber anstellen, wer das sein könnte.
Ein Wagen hält unterhalb der Terrasse, und ein Mann unbestimmten Alters kommt zu ihnen hinauf. Im gedämpften Licht der Petroleumlampen sieht Hans Olofson, daß der Mann rote Brandwunden im Gesicht hat. Sein Schädel ist völlig kahl, und er trägt einen schlechtsitzenden Anzug. Er stellt sich als Elvin Richardson vor, Farmer wie die Mastertons.
Wer bin ich, denkt Hans Olofson. Eine zufällige Reisebekanntschaft aus dem Nachtzug von Lusaka nach Kitwe?
»Viehdiebe«, sagt Elvin Richardson und läßt sich mit einem Glas in der Hand schwer auf einen Stuhl fallen.
Hans Olofson hört zu, als wäre er ein Kind, das gebannt einem Märchen lauscht.
»Gestern nacht haben sie unten bei Ndongo den Zaun durchschnitten«, fährt Elvin Richardson fort. »Ruben White haben sie drei Kälber gestohlen. Die Tiere wurden an Ort und Stelle geschlachtet. Die Wachposten haben wie üblich nichts bemerkt. Wenn das so weitergeht, müssen wir Patrouillen organisieren und ein paar Diebe erschießen, damit sie sehen, daß wir es ernst meinen.«
Die Konturen schwarzer Diener sind in den Schatten auf der Terrasse zu erkennen.
Worüber reden die Schwarzen, fragt sich Hans Olofson. Wie beschreibt Louis mich, wenn er mit seinen Freunden am Feuer zusammensitzt? Hat er meine Unsicherheit bemerkt? Wetzt er ein Messer, das ganz allein für mich bestimmt ist?
Schwarze und Weiße scheinen sich in diesem Land nicht miteinander zu unterhalten. Ihre Welt ist gespalten, es fehlt an gegenseitigem Vertrauen. Über den Abgrund hinweg werden Befehle erteilt, das ist alles.
Er verfolgt das Gespräch und stellt fest, daß Ruth Masterton aggressiver ist als ihr Mann. Während Werner meint, daß sie noch abwarten sollten, ist sie dafür, gleich zu den Waffen zu greifen.
Er zuckt zusammen, als einer der schwarzen Diener sich über ihn beugt, um sein Glas aufzufüllen. Schlagartig wird ihm bewußt, daß er Angst hat. Die Terrasse, die blitzschnell einbrechende Dunkelheit, das sorgenvolle Gespräch; all das verunsichert ihn. Er empfindet die gleiche Hilflosigkeit wie als Kind, wenn die Balken im Haus am Fluß sich bei Kälte bogen.
Man rüstet sich hier für einen Krieg, denkt er. Aber was mir wirklich angst macht ist die Tatsache, daß die Mastertons und der fremde Mann dies überhaupt nicht zu merken scheinen.
Beim Abendessen wendet sich das Gespräch anderen Themen zu. Hans Olofson fühlt sich wohler, seit sie in einem Zimmer sitzen, in dem elektrisches Licht die Schatten vertreibt, Licht, in dem sich die schwarzen Bediensteten nicht verbergen können.
Das Gespräch bei Tisch kreist um alte Zeiten und um Menschen, die längst nicht mehr leben.
»Wir sind nun einmal, wie wir sind«, meint Elvin Richardson. »Es ist sicher verrückt von uns, auf unseren Farmen zu bleiben. Nach uns kommt nichts mehr. Wir sind die Letzten.«
»Nein«, widerspricht Ruth Masterton. »Da irrst du dich. Eines Tages werden die Schwarzen an unseren Türen betteln und uns anflehen zu bleiben. Die junge Generation sieht doch, wohin die Entwicklung geht. Die Unabhängigkeit war ein bunter Stoffetzen, der an eine Stange gehängt wurde, eine feierliche Proklamation leerer Versprechungen. Heute sehen die jungen Menschen, daß in diesem Land nur noch das funktioniert, was nach wie vor in unseren Händen ist.«
Hans Olofson fühlt sich auf einmal betrunken und glaubt, etwas sagen zu müssen. »Sind hier eigentlich alle so gastfreundlich?« fragt er. »Ich könnte doch auch ein steckbrieflich gesuchter Verbrecher sein. Gott weiß wer mit einer rabenschwarzen Vergangenheit.«
»Sie sind ein Weißer«, erwidert Werner Masterton. »In diesem Land reicht das als Garantie.«
Elvin Richardson verabschiedet sich nach dem Abendessen, und Hans Olofson versteht, daß die Mastertons zeitig zu Bett gehen. Vergitterte Türen werden sorgfältig abgeschlossen, Schäferhunde bellen draußen in der Dunkelheit, und Hans Olofson erhält Instruktionen, damit er keinen Alarm auslöst, falls er nachts in die Küche gehen sollte. Gegen zehn liegt er in seinem Bett.
Ich bin von Zäunen umgeben, denkt er. Das Haus ist ein weißes Gefängnis in einem schwarzen Land. Was denken die Schwarzen, wenn sie unsere Schuhe und ihre eigenen Latschen sehen? Was halten sie von der Freiheit, die sie erlangt haben?
Er sinkt in einen unruhigen Schlaf.
Plötzlich wird er von einem Geräusch geweckt, und in der Dunkelheit weiß er für einen Moment nicht, wo er ist.
Afrika, denkt er. Noch weiß ich nichts von dir. Vielleicht hat Afrika in Janines Träumen so ausgesehen? Auf einmal kann ich mich nicht mehr erinnern, worüber wir an ihrem Küchentisch gesprochen haben. Aber ich ahne, daß meine Wertmaßstäbe und Denkmuster hier weder ausreichen noch gelten. Hier ist ein anderes Sehen erforderlich …
Er lauscht in die Dunkelheit und fragt sich, ob er sich nun die Stille oder aber die Geräusche einbildet, und bekommt wieder Angst.
Ruth und Werner Mastertons Freundlichkeit ist umgeben von einer Katastrophe, denkt er. Diese Farm, das weiße Haus ist umzingelt von Angst und Wut, die sich schon viel zu lange aufgestaut haben.
Er liegt wach und stellt sich vor, Afrika wäre ein verletztes Raubtier, das noch zu Kräften kommen muß, um sich zu erheben. Der Atem der Erde und des Tieres sind eins, das Gestrüpp, in dem es sich verbirgt, ist undurchdringlich. War das nicht Janines Vorstellung von diesem verletzten und versehrten Kontinent? War er nicht wie ein Büffel, den man zwar in die Knie gezwungen hat, in dem aber noch so viel Kraft steckte, daß die Jäger auf Distanz blieben?
Vielleicht konnte sie dank ihres Einfühlungsvermögens tiefer in die Wirklichkeit eindringen als ich, der ich mich auf afrikanischem Boden bewege? Vielleicht machte sie in ihren Träumen eine Reise, die ebenso wirklich war wie meine sinnlose Flucht zur Missionsstation in Mutshatsha.
Vielleicht gibt es auch noch eine andere Wahrheit. Könnte man nicht sagen, daß ich hoffe, eine andere Janine auf dieser Missionsstation zu treffen? Einen lebendigen Menschen, der sie, die Tote, ersetzen kann?
Er liegt wach, bis die Dunkelheit rasch dem nahenden Morgen weicht. Durch das Fenster sieht er die Sonne wie einen roten Feuerball am Horizont aufgehen.
Auf einmal entdeckt er Louis, der neben einem Baum steht und ihn beobachtet. Obwohl es bereits sehr heiß ist, läuft ihm ein Schauer über den Rücken. Wovor habe ich Angst, denkt er. Vor mir selbst oder vor Afrika? Was hat Afrika mir zu sagen, das ich nicht hören will?
Um Viertel nach sieben verabschiedet er sich von Ruth Masterton und klettert neben ihren Mann auf den Beifahrersitz des Jeeps.
»Kommen Sie wieder«, sagt Ruth Masterton. »Sie sind uns immer herzlich willkommen.«
Als sie durch das große Tor der Farm fahren, an dem die beiden Afrikaner linkisch salutieren, bemerkt Hans Olofson einen alten Mann; er steht am Straßenrand im hohen Elefantengras und lacht. Halb verborgen huscht er vorbei. Viele Jahre später wird ihm dieses Bild wieder in den Sinn kommen.
Ein Mann, halb versteckt, der am frühen Morgen lautlos lacht …

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