Wallanders erster Fall
und andere Erzählungen
(Leseprobe aus: Wallanders erster
Fall,
Roman, 2002, Zsolnay)
Wallander kehrte ins
Zimmer zurück und stellte sich ans Fenster, um den Raum aus einer anderen Perspektive zu
betrachten. Sein Blick blieb am Bett hängen. Hålén war angekleidet gewesen, als er sich
das Leben nahm. Aber das Bett war ungemacht, obwohl im übrigen pedantische Ordnung
herrschte. Warum hat er sein Bett nicht gemacht, dachte Wallander. Es kann doch wohl nicht
so gewesen sein, daß er angezogen geschlafen hat, erwacht ist, sich erschossen hat - und
das alles, ohne vorher noch sein Bett zu machen. Und warum liegt ein ausgefüllter
Tipschein auf dem Küchentisch?
Es paßte alles nicht zusammen. Aber es mußte anderseits auch nichts bedeuten. Hålén
konnte sich ganz plötzlich entschlossen haben, seinem Leben ein Ende zu setzen. Er hatte
vielleicht die Sinnlosigkeit darin erkannt, ein letztes Mal sein Bett zu machen.
Wallander setzte sich in den einzigen Sessel im Zimmer. Er war durchgesessen und
abgewetzt. Ich bilde mir etwas ein, dachte er wieder. Der Gerichtsmediziner wird
feststellen, daß es Selbstmord war. Die technische Untersuchung wird bestätigen, daß
die Waffe und die Kugel zusammengehören und daß der Schuß von Håléns eigener Hand
abgegeben worden ist.
Wallander beschloß, die Wohnung zu verlassen. Er mußte sich waschen und umziehen, bevor
er losging, um Mona zu treffen, aber etwas hielt ihn noch zurück. Er ging zur Kredenz und
begann die Schubladen zu öffnen. Sofort fand er die beiden Seemannsbücher. Artur Hålén
war in seiner Jugend ein flotter Mann gewesen. Helle Haare, ein offenes und breites
Lächeln. Es fiel Wallander nicht leicht, sich vorzustellen, daß das Bild denselben Mann
darstellte, der stumm und zurückgezogen seine letzten Tage in Rosengård verbracht hatte.
Noch weniger vorstellbar war es, daß das Bild einen Mann zeigte, der sich eines Tages das
Leben nehmen würde. Aber Wallander wußte, wie falsch er dachte. Selbstmörder ließen
sich nicht nach starren Schablonen beurteilen.
Er fand den farbenfrohen Käfer und nahm ihn mit ans Fenster. Auf der Unterseite der
Schachtel glaubte er zu erkennen, daß dort Brasil gedruckt stand. Ein Souvenir, das
Hålén auf irgendeiner seiner Fahrten gekauft haben mußte. Wallander ging die
Schubläden weiter durch. Schlüssel, Münzen aus verschiedenen Ländern - nichts, was
seine Aufmerksamkeit gefangennahm. Halb unter dem schäbigen und brüchigen Regalpapier,
mit dem die unterste Schublade ausgelegt war, steckte ein brauner Umschlag. Wallander
öffnete ihn; er enthielt eine alte Fotografie. Ein Hochzeitspaar. Auf der Rückseite der
Name eines Fotoateliers und ein Datum: 15. Mai 1894. Das Atelier war in Härnösand.
Außerdem stand dort: Manda und ich am Tag unserer Hochzeit. Die Eltern, dachte Wallander.
Vier Jahre später wird der Sohn geboren.
Als er mit der Kredenz fertig war, ging er hinüber zum Bücherregal. Zu seiner
Verwunderung standen dort mehrere deutsche Bücher. Sie waren abgegriffen und gründlich
gelesen. Außerdem standen einige von Vilhelm Mobergs Büchern da, ein spanisches Kochbuch
und ein paar Hefte einer Zeitschrift für Modellflugzeugbau. Wallander schüttelte
verwundert den Kopf. Das Bild von Hålén war bedeutend komplexer, als er geahnt hatte. Er
wandte sich vom Bücherregal ab und schaute unter das Bett. Nichts. Dann ging er weiter
zum Kleiderschrank. Die Sachen waren ordentlich aufgehängt. Drei Paar geputzte Schuhe.
Nur das ungemachte Bett, dachte Wallander wieder, das stört das Bild.
Er wollte gerade den Kleiderschrank zumachen, als es an der Tür klingelte. Wallander fuhr
zusammen. Wartete. Es klingelte von neuem. Wallander hatte das Gefühl, sich auf
verbotenem Gelände zu befinden. Er wartete noch einen Augenblick. Als es zum drittenmal
klingelte, ging er hin und öffnete.
Rezension I Buchbestellung I home III01 LYRIKwelt © Zsolnay-Verlag