Treibsand von Henning Mankell, 2015, ZsolnayHenning Mankell

Treibsand
(Leseprobe aus: Treibsand, Prosa, 2015, Hanser).

Elena

Aber nicht alle Kinder spielen.

Hier ist eine Geschichte von zwei Kindern, die ihre ganze Zeit damit verbrachten zu überleben.

Vor ungefähr fünfzehn Jahren lebten zwei Brüder auf der Straße unmittelbar vor dem Theater in Maputo, wo ich arbeite. Der eine war etwa fünf Jahre alt. Wenn man ihn nach seinem Alter fragte, wusste er es nicht genau. Aber sein Bruder, um den er sich kümmerte, war drei, das konnten wir gemeinsam ausrechnen.

Ein Fünfjähriger kümmerte sich also um einen Dreijährigen.

Eine Zeitlang schliefen sie in einem länglichen Kühlschrankkarton, den sie gefunden hatten. Das war, bevor neue Kühlschränke, in Plastikfolie gewickelt, geliefert wurden. Als die großen Kartons verschwanden, verloren auch viele Straßenkinder ihre Häuser.

Sie schliefen zusammengedrängt in dem Karton. Morgens wusch der ältere Bruder den jüngeren. Aber die Kleider konnten sie natürlich nicht wechseln. Ich habe nie Menschen getroffen, weder früher noch später, die so vollständig ohne Eigentum waren. Sie lebten in den Fußspuren des Franz von Assisi, auch wenn sie ihn natürlich nicht kannten.

(...)

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