Der Feind im Schatten von Henning Mankell, 2010, ZsolnayHenning Mankell

Der Feind im Schatten
(Leseprobe aus: Der Feind im Schatten, Roman, 2010, Zsolnay - Übertragung Wolfgang Butt).

Am 30. August 2007, kurz nach zwei Uhr am Nachmittag,

brachte Linda im Krankenhaus von Ystad eine Tochter

zur Welt, Kurt Wallanders erstes Enkelkind. Die Geburt

verlief normal, es war genau der Tag, den die Hebamme errechnet

hatte. Wallander hatte vorsorglich Urlaub genommen

und verbrachte den Tag damit, eine brauchbare Zementmischung

anzurühren, um Risse in der Mauer unter

dem Verandadach neben der Außentür auszubessern. Er

war nicht besonders erfolgreich, aber immerhin abgelenkt.

Als das Telefon klingelte und ihm mitgeteilt wurde, dass er

sich von nun an Großvater nennen könne, kamen ihm die

Tränen. Das Gefühl überrumpelte ihn, für einen Augenblick

war er vollständig schutzlos.

Es war nicht Linda, die anrief, sondern der Vater des Kindes,

der Finanzmakler Hans von Enke. Weil Wallander sich

vor ihm nicht als rührselig zeigen wollte, dankte er eilig für

die Nachricht, bat ihn, Linda Grüße auszurichten, und beendete

das Gespräch.

Dann machte Wallander einen langen Spaziergang mit

Jussi. Noch lag die Spätsommerwärme über Schonen, in

der Nacht hatte es ein Gewitter gegeben, und jetzt war die

Luft frisch und leicht. Endlich konnte Wallander zugeben,

wie oft er sich darüber gewundert hatte, dass Linda nie von

einem Kinderwunsch gesprochen hatte. Inzwischen war sie

schon siebenunddreißig, ein aus Wallanders Sicht viel zu

später Zeitpunkt für eine Frau, um Mutter zu werden. Mona

war wesentlich jünger gewesen, als ihre Tochter geboren

wurde. Er hatte Lindas Beziehungen aus der Distanz ver

folgt, einige ihrer Männer hatte er gern gemocht, andere

weniger. Wenn er überzeugt gewesen war, dass sie endlich

den Richtigen gefunden habe, war es eines Tages plötzlich

aus, und Linda hatte nie erklärt, warum. Auch wenn Wallander

und Linda ein enges Verhältnis hatten, gab es gewisse

Dinge, die sie selbst in ihren vertraulichsten Stunden nicht

berührten. Zu diesen tabubelegten Themen gehörte auch

die Kinderfrage.

An ebenjenem Tag am Strand von Mossby hatte sie zum

ersten Mal von dem Mann erzählt, mit dem sie ein Kind haben

würde. Für Wallander war die Existenz dieses Mannes

eine Überraschung. Er war der Meinung gewesen, Linda

habe gegenwärtig keine feste Beziehung. Umso erstaunter

war er über das, was sie erzählte.

Linda hatte Hans von Enke bei gemeinsamen Freunden

in Kopenhagen anlässlich einer Verlobungsfeier kennengelernt.

Er kam aus Stockholm, hatte aber zuletzt in Kopenhagen

bei einer Finanzmaklerfirma gearbeitet, die sich vor

allem dem Aufbau von Hedgefonds widmete. Auf Linda

hatte er hochnäsig gewirkt, und sie hatte sich über ihn geärgert.

Ziemlich ungestüm erklärte sie ihm, sie sei eine einfache

Polizistin mit niedrigem Lohn, die keine Ahnung davon

habe, was ein Hedgefonds war. Sprach sie es überhaupt

richtig aus? Es endete damit, dass sie sich auf eine lange

nächtliche Wanderung durch Kopenhagen begaben und sich

wieder verabredeten. Hans von Enke war zwei Jahre jünger

als Linda und hatte auch noch keine Kinder. Beide hatten

schon vom Beginn ihrer Beziehung an, zwar unausgesprochen,

aber doch ganz klar, beschlossen, Kinder zu haben.

Zwei Tage nach der großen Enthüllung hatte Linda am

Abend mit dem Mann, mit dem sie zusammenleben wollte,

ihren Vater besucht. Hans von Enke war groß und mager,

hatte schütteres Haar und klarblaue Augen mit einem

durchdringenden Blick. Wallander fühlte sich in seiner Gesellschaft

sogleich unsicher, empfand seine Art und Weise

sich auszudrücken als fremd und fragte sich, warum Linda

sich für diesen Mann entschieden hatte. Als sie erzählt hatte,

dass er dreimal so viel verdiente wie Wallander und dazu

noch ein Anrecht auf Bonuszahlungen von bis zu einer Million

hätte, dachte Wallander bedrückt, das Geld könnte sie

gelockt haben. Der Gedanke empörte ihn derart, dass er

Linda bei ihrem nächsten Treffen direkt danach fragte. Sie

saßen in einem Café in Ystad, und sie war so wütend geworden,

dass sie ihm eine Zimtschnecke an den Kopf warf und

das Lokal verließ. Er war ihr nachgelaufen und hatte sich

entschuldigt. Nein, es war nicht das Geld, erklärte sie, sondern

eine große und echte Liebe, wie sie sie noch nie erlebt

hatte.

Wallander beschloss, seinen zukünftigen Schwiegersohn

mit milderen Augen zu betrachten. Übers Internet und mithilfe

des Bankangestellten, der in Ystad seine dürftigen

Bankgeschäfte betreute, machte Wallander sich kundig über

die Finanzfirma, bei der Hans von Enke angestellt war. Er

wusste nun, was Hedgefonds waren, und lernte eine Menge

Dinge, die angeblich zu den Grundlagen moderner Finanzberatung

zählten. Als Hans von Enke ihn nach Kopenhagen

einlud, nahm er die Einladung an und machte einen

Rundgang durch die aufwendig ausgestatteten Geschäftsräume

in der Nähe des Rundetårn, wo die Firma residierte.

Er ließ sich von Hans von Enke zum Mittagessen einladen,

und als er nach Ystad zurückkehrte, war das Minderwertigkeitsgefühl

verflogen. Vom Auto aus rief er Linda an und

sagte ihr, er habe angefangen, den Mann ihrer Wahl zu

schätzen.

»Er hat einen Fehler«, sagte Linda. »Er hat zu wenig

Haare. Ansonsten ist er in Ordnung.«

»Ich freue mich auf den Tag, an dem ich ihm mein Büro

zeigen kann.«

»Das habe ich schon getan. Er hat mich letzte Woche besucht.

Hat dir keiner davon erzählt?«

(...)

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