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Garanas oder Die Litanei
(Leseprobe aus: Garanas
oder Die Litanei, Roman, 2001, Czernin-Verlag)
"Der Klavierspieler Stauchner
erklärte auf die Frage, wieso man ihn tagelang nicht mehr
üben höre, er könne seit dieser Hintergehung nicht mehr musizieren:
"Nicht nur aus
Sorge um mein Unterkommen, irgendwie werde ich wieder ein Dach über dem Kopf
und
vier Wände um meinen Tisch, mein Bett und mein Klavier haben, nein, dass ich in
diesen
Tagen nicht Klavier spielen kann, hängt nicht mit meiner absehbaren
Delogierung
zusammen: Es ist eine Trübung, Verdunkelung meines Bewußtseins! Was bin ich
doch
für eine lächerliche Figur, die hier wochenlang Beethoven-Sonaten,
Klavierkonzerte von
Mozart und Liszt einstudiert, voll Hingabe die Kunst erschließen will, während
gleichzeitig ohne mein Wissen oder auch nur Ahnen in der wirklichen Wirklichkeit
die
plumpste Raubmechanik ablaufen kann, die mich zuletzt als wehrlosen Idioten in
die
Straße hinausspeit. Nicht einmal eine Plache für mein Klavier habe ich.
Tschaikowsky hin
und Schubert her, ich bin ein Irrläufer in einer Welt, wo ein mieser
Rechtsanwalt meine
Existenz mit einem Fingerschnalzer vernichtet! Bin ich ein tönesüchtiges
Halbwesen, das
nicht imstande ist, seinen winzigen Lebensplatz zu sichern. Ich schäme mich
vor
meinem Klavier." Mitten in diese entsetzlichen Tage platzte der Bescheid
der Baupolizei,
wonach der Dachstuhl in der Westneigung - also Richtung Taborstrasse -
schleunigst
erneuert werden müsse, widrigenfalls die Nutzungsgenehmigung erlösche. Da
die
Galluntersche Hausverwaltung nicht mehr erreichbar war, wurde der Bescheid
am
Haustor aussen und innen angeschlagen. Ein paar Telefonate klärten
leider:
Die aus den monatlichen Betriebskostenzaglungen der Bewohner angesammelte
Reperaturrücklage von etwa drei Millionen Schilling war selbstverständlich
auch
verschwunden... Der Konsumentenschutzverband stellte immerhin gratis einen
Rechtsbeistand. Wie beim Besuch im Altenheim mußte Benedikter für die fast
erblindete
Frau Robathin - seine Leidensgenossin im Wohnungsverlust - in zehn Nähnadeln
die
Fäden einziehen, ehe er sich verabschiedete und wieder einmal mit dem
vollbeladenen
Auto nach Garanas fuhr. in der Greisenzelle Annas mit der winzigen
Essenschleuse
steckten die eingefädelten Nadeln in Gesichtshöhe im kleinen Wandteppich an
der
Zimmertür.
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